In den nächsten Jahren wird der Abstand zwischen dem armen Osten und dem reichen Westen eher noch größer

Von Peter Christ

Sind wir schon ein Volk, nach einem Jahr staatlicher Einheit? Wirtschaftlich, sozial und emotional sind die Deutschen in Ost und West noch weit davon entfernt, und es wird Jahre dauern, bis die im Grundgesetz postulierte Gleichheit der Lebensverhältnisse annähernd hergestellt sein wird. Zu weit haben sich die beiden Gesellschaften auseinanderentwickelt, als daß diese Lücke binnen kurzem geschlossen werden könnte.

Gewiß, Ostdeutschland profitiert von der Vereinigung: Die Einkommen fast aller beschäftigten Arbeitnehmer und der Rentner wachsen deutlich, auch unter Berücksichtigung der steigenden Preise. Straßen und Eisenbahnlinien werden erneuert oder gänzlich neu gebaut, Kläranlagen errichtet, Kraftwerke auf den letzten Stand gebracht, Innenstädte und Dörfer vor weiterem Verfall bewahrt, das Telephonnetz wird modernisiert. Der Kapitalstock der Industrie wird auf ein wettbewerbsfähiges Niveau gehoben.

Schon geistert sogar die Vorstellung von einem Japan in Europa durch die Köpfe, wenn von der künftigen Modernität des deutschen Ostens die Rede ist – ein schiefer Vergleich. Zwar ist Japan produktiv und innovativ, aber die Infrastruktur hält keinen Vergleich mit westdeutschem Standard aus.

Die größten Gewinner

Die Lebensbedingungen im Osten werden sich nach und nach verbessern. Doch die größten Gewinner der Vereinigung sind vorerst im Westen der neuen Bundesrepublik zu finden; dort sind es zuvörderst die Eigentümer von Geld- und Produktiwermögen, die den Vereinigungsgewinn abschöpfen. Die Öffnung der Grenzen bescherte der westdeutschen Wirtschaft Umsatz- und Gewinnzuwächse, die sie seit Mitte der siebziger Jahre nicht mehr erlebt hatte.