Von Wolfgang Emmerich

Was bleibt? Keine Frage wurde 1990 häufiger gestellt als diese, wenn die Literatur aus vierzig Jahren DDR zur Debatte stand. Nur: Nach der literarischen Qualität wurde dann selten genug gefragt, wo es augenfällig darum ging, poetische Terrains als politische zu besetzen. Dabei hätte es doch tatsächlich Literatur von Rang zu besichtigen gegeben.

Zum Beispiel die des Dichters Richard Leising. Ihn konnte bislang im Westen nur kennen, wer sich die Mühe machte, Lyrikanthologien aus der DDR zu durchstöbern, oder wer schon 1975 ein unscheinbares „Poesiealbum“ mit der Nummer 97 ergattert hatte.

Leising ist der Anti-Becher der DDR-Lyrik. Johannes R. Becher hat Hunderte, nein: Tausende von Gedichten geschrieben. Leising? Kaum mehr als vierzig. Von Becher gehören höchstens zehn in eine gute Anthologie, von Leising: fast alle. Und, siehe da, die Herausgeber der gelungenen Sammlungen haben das auch längst gemerkt. Schon in Endler-Mickels „In diesem besseren Land“ (damit meinte man damals, anno 1966, noch die DDR, jawohl!) finden sich mehrere Leising-Gedichte, und in der 1990 veröffentlichten Anthologie „Deutsch in einem anderen Land“ (Edition Hentrich) stehen sogar neun. So ist es recht, und doch muß der Ruhm des Versemachers Leising in diesem unseren Lande erst noch begründet werden. Jetzt, endlich, geht das, weil sein Bändchen mit 35 Gedichten da ist – übrigens in Bleisatz, schön gedruckt und noch schöner gebunden.

Leisings Buch beginnt mit dem Gedicht „Vom schnellen Mann“. Das ist Karl Kahn, der sich verflüchtigt, in Luft aufgelöst hat. Rufen, so heißt es, nützt nichts, „Er ist euch / Hin.“ Das könnte man auch vom Autor sagen. Bis zum bitteren Ende hat er in der DDR gelebt, „gebrochen deutsch“, mit einem „Herzen voll / Fröhlicher Kälte“, „entglitten jeder Macht“. Das war nicht immer so. Was für Träume und Hoffnungen hat Richard Leising, das Arbeiterkind aus Chemnitz vom Jahrgang 1934, in die DDR investiert! Theaterwissenschaft hat er studiert (insgeheim immer ein Schüler Brechts) und Theater, vor allem für junge Leute, in Crimmitschau, Magdeburg und, seit 1973, in Berlin gemacht.

Aber seine künstlerischen Ideen waren wenig gefragt, seine Theaterbegabung lag brach. Natürlich war er Marxist, und noch in den sechziger Jahren konnte er die DDR „dieses Land“ nennen, „darin ich leben will / Aber muß“. Davon ist wenig oder nichts geblieben, statt dessen: die Trauer, die Bitterkeit. Indem Leising seine Gedichte nicht in zeitlicher Folge anordnet, sondern bunt mischt, wird man immer wieder darauf gestoßen, daß da einmal etwas anderes war als Resignation, eben ein Traum und die Lust zu leben. „Einzig Sinn des Lebens ist zu leben / Sinnlos über alles war der Tod“, heißt es rückblickend auf die sechziger Jahre. Mittlerweile, 1988, kann der Betrachter dem seinerzeit beobachteten Vorgang des Särgeabladens in der Stadt mehr abgewinnen als damals. Der Tod hat, angesichts der Schrecken des Lebens, den seinen verloren. „Ich weiß keinen Weg, und den gehe ich“, heißt es einmal.

Wovon schreibt Leising? Er schreibt, vor allem in den früheren Gedichten, von alltäglichen Gegenständen und kleinen Leuten: von den Großvätern, die Schmied und Ziegler waren, von einem keifenden alten Weib, von einem Kohlenträger – aber auch von einem Schwan, der stirbt, vom leisen Abendwind, vom Orion am Himmel oder von den Vögeln, die den Morgen einsingen. Große Gedichte wie „Bodden“ oder „Mulackstraße“ sind so entstanden. Mit fortschreitender Lebenszeit schreibt Leising auch mehr von sich: skeptisch, ohne Illusionen, mutlos oft, aber nicht ohne Selbstbewußtsein. Wie der geschätzte „Harry Heine“ will er die „Molke unterm Rahm“ sein. Die materialistische Sicht auf die Dinge hält sich durch, so scheint mir, aber nie geht es, wie bei Biermann oder Volker Braun, um den großen geschichtsphilosophischen Entwurf. Vielmehr ist der Blick auf die flüchtigen Bilder geheftet, und je näher die Gedichte Leisings an die Gegenwart heranrücken, desto mehr dominieren die Motive der Flüchtigkeit und Vergänglichkeit.