Von Elke Heidenreich

Blaubart geistert als Motiv seit rund 300 Jahren durch die Literatur: es ist jener Ritter, der die Frauen durch männlich-düsteren Bartwuchs und immensen Reichtum betört. Alle Zimmer seines Schlosses stehen seiner jungen Frau offen, nur eine Tür ist ihr verboten – obwohl er ihr den Schlüssel auch dazu gibt. Sie öffnet die Tür und findet dahinter die Leichen von Blaubarts früheren Frauen – so geht es denen, die des Mannes Geheimnis ganz ergründen wollen.

Karin Strucks neuer Roman heißt "Blaubarts Schatten". Er erzählt die Geschichte von Lily Bitter, die immer wieder auf Blaubartmänner hereinfällt, auf A. und J. und R. Diese Geschichten kennen wir auch schon aus den anderen Büchern der Autorin. Auch das hier zentrale Motiv der Abtreibung als nie überwundene Schuld taucht schon 1978 in "Trennung" auf. In "Kindheits Ende" schrieb die Autorin 1982: "Ich war und bin mein eignes Bergwerk, mein eigner Steinbruch." Nun ist der Steinbruch zur Psycho-Müllkippe geworden.

Von Lily Bitter erfahren wir, daß sie Kinder hat, aber niemals darüber hinwegkommt, vor fünfzehn Jahren ein Kind abgetrieben zu haben. Jetzt taumelt sie durchs Leben, betrinkt sich, macht in ihrer Lederkorsage Männer in Bars an, ist verrückt nach Sex mit Richard, dem Taxifahrer, und haßt doch die Männer, weil sie frauenvernichtende Blaubärte sind.

Am liebsten von allen Blaubart-Variationen in der Literatur hat Lily Bitter die südfranzösische vom Grafen Comorre, den die Mordlust immer erst dann packt, wenn er nach einer Reise erste Anzeichen von Schwangerschaft bei seiner Frau wittert. Was tut Lily, wie um zu beweisen, daß ihre Blaubart-These stimmt? Sie wird schwanger. Und prompt stimmt es nicht mehr zwischen Richard und ihr. Doch diesmal ist sie es, die den Mann vernichten wird. Und zwar wird sie ihn "mit der Schlüsselgewalt ihrer Geistesgaben, mit dem Degen ihrer Worte durchbohren". "Sie", das ist auf einmal nicht mehr die grenzenlos naive Lily, die mit einer Mischung aus Torheit und Masochismus in jede Falle tappt, die sich ihr bietet, – "sie", das wird immer mehr die Ich-Erzählerin: ich = ich = Karin Struck.

In flammenden Appellen wendet sie sich an die Leser(innen) und beschwört sie, ihren Feldzug gegen die Abtreibung zu unterstützen: "Glaubt mir, ihr Frauen, Abtreibung ist Meuchelmord", ist "Holocaust an Wehrlosen und Waffenlosen", die Frau, die abtreibt, sei die "Nazifrau an der Rampe", die selektiert, Abtreibung sei Kreuzigung und Schafott, und "wenn ihr in Gefahr seid, abzutreiben, ihr jungen Frauen, so schreit und tobt (...), ruft um Hilfe, ruft auch mich ..."

In welches Mittelalter sind wir da geraten? Literaturkritik soll nicht zur Gesinnungskritik entarten, aber hier haben wir es mit einer Fundamentalistin zu tun, mit einer verbitterten (Lily BITTER!) Megäre, die die ganze Welt für etwas bestrafen will, das sie sich selbst vor fünfzehn Jahren angetan und nicht verkraftet hat. Nicht verkraftet und nicht verarbeitet, denn die Erzählerin ist nicht an etwas Erlebtem gereift, um es uns zu erzählen, sondern sie schlägt um sich: gegen die Frauen und die Männer, die Mütter, Väter, Freunde, Freundinnen, gegen Ärzte und die Schreibtischtäter von Pro familia, gegen Abtreibung und Organverpflanzung, gegen schnelle Flüge von Paris nach New York, gegen die Leute vom stern und vom Spiegel, die am Elend der modernen Welt schuld sind, gegen Huren (die seltsam keusch "jene Frauen" genannt werden) und gegen Politiker. Gegen alles, alles, alles, sogar gegen die eigenen Bücher – "sinnlose Beamtmungsversuche der Kindheit durch Schreiben. Und es gipfelt in dem Aufschrei: "Wenn in meinem Land die Fristenlösung eingeführt wird, möchte ich auswandern."

Stünde nicht hinter all den atemlosen Tiraden, hinter der Verunglimpfung der gegen den Paragraphen 218 demonstrierenden Frauen als "unappetitlich fanatisiert" und "Terroristinnen", stünde nicht hinter all den Peinlichkeiten und Klischees und Rückschlüssen von einem privaten Elend, einem Lebensfehler auf eine allgemeine Blut-und-Boden-Ideologie, stünde hinter all dem nicht immer das versteckte Wort HILFE! – der Roman wäre nicht auszuhalten. Aber es ist, als schriebe jemand um sein Leben, so wie Scheherazade in Tausendundeiner Nacht um ihr Leben erzählt hat, und immer wieder bestätigt sich Karin Struck auch verzweifelt: Ich bin eine Schriftstellerin! Aber: "Ich beharre darauf: Ich bin eine Schriftstellerin, die abgetrieben hat." Das befähigt sie, die Dinge richtig zu erkennen, so richtig wie außer ihr nur noch die katholische Kirche und der Papst.

Die Macht ihres Schriftstellerwortes soll die Welt vor den Blaubärten retten: "Du kannst mich nicht mehr aus dem Haus der Literatur vertreiben", höhnt sie, und man spürt, wie unbehaust sie ist in ihrer armen, verschrobenen Sprache. Da ist der "Vorhang vor der Seele des Mannes" entweder vor- oder weggezogen – "aber sie ist so entwöhnt der Geistesgaben von einem Mann", und nach einem mehrseitigen Versuch, die eigene tiefe Trostlosigkeit und Verlassenheit in einem imitierten Thomas-Bernhard-Ton hinauszuschrillen, hält sie sich an Ingeborg Bachmann fest und versteigt sich schließlich zu geradezu messianischen Visionen: "Eure Doppelmoral treibt euch dahin, die Kinder zu verscharren in der Kammer, in die ihr eure Nacktheit sperrt, eure Geilheit, eure Ungeordnetheit, ihr feigen Hunde, ihr Männer mit Namen Hans, ihr braucht die Huren, ihr braucht die Abtreibungen, ihr braucht noch vieles mehr, um eure Macht aufrechtzuerhalten. Doch ich bin gekommen, eure Macht zu erschüttern; ich bin gekommen, um eure Macht zu brechen."

Das Opfer als Erlöser, die Schriftstellerin, die uns retten möchte, und die doch vor sich selbst gerettet werden müßte, gerettet davor, all ihre Wunden als Literatur unreflektiert vor uns auszubreiten, bis wir uns angeekelt abwenden und sagen: nun ist genug.

  • Karin Struck:

Blaubarts Schatten

Roman; List Verlag, München 1991; 322 S., 39,80 DM