Von Georg Ruppelt

In den ersten Jahren der nationalsozialistischen Diktatur wurde Schillers „Wilhelm Tell“ als National- und Führer-Drama hochgeschätzt. Auf den Bühnen des Deutschen Reiches war der „Teil“ in einigen Spielzeiten das meistgespielte Stück Schillers. Kaum ein Lesebuch verzichtete auf Lieder und „Kernsprüche“ aus dem seit dem 19. Jahrhundert populärsten Drama des Dichters. In zahllosen Aufsätzen und Reden wurde die politische Aktualität des Schauspiels betont. Fest- und Lobredner zitierten immer und immer wieder: „Unser ist durch tausendjährigen Besitz der Boden“; „Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr“; „Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an. Das halte fest mit deinem ganzen Herzen. Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft.“

Hitler hatte für das achte Kapitel von „Mein Kampf“ die Überschrift „Der Starke ist am mächtigsten allein“ aus dem „Tell“ gewählt. Im Dezember 1934 wurde der Film „Wilhelm Tell“ „frei nach Schiller“ uraufgeführt. Die Darstellerliste wies bekannte Namen wie Emmy Sonnemann, Eugen Klopfer, Käthe Haack oder Paul Bildt auf. Der Film selber war künstlerisch und technisch wenig bedeutsam, sehr frei nach Schiller, in weiten Teilen ein politisches Propaganda-Machwerkchen. Und am 20. April 1938 wurde im Wiener Burgtheater eine „Festvorstellung zum Geburtstag des Führers“ mit großem Pomp und Aufgebot gegeben.

Damit war es gegen Ende des Jahres 1941 vorbei. Am 3. Juni 1941 verließ eine streng vertrauliche und von Reichsleiter Martin Bormann unterzeichnete Anweisung das Führerhauptquartier. Sie war an den Chef der Reichskanzlei, Reichsminister Lammers, gerichtet und hatte folgenden Inhalt:

„Der Führer wünscht, dass Schillers Schauspiel ‚Wilhelm Teil‘ nicht mehr aufgeführt wird und in der Schule nicht mehr behandelt wird. Ich bitte Sie, hiervon vertraulich Herrn Reichsminister Rust und Herrn Reichsminister Dr. Goebbels zu verständigen.“

Dieses Schreiben löste einen regen Briefwechsel zwischen verschiedenen Reichsministern und einflußreichen Parteifunktionären aus. Goebbels ließ durch den „Reichsdramaturgen“ Schlösser sofort erkunden, wo „Teil“ auf dem Spielplan stünde; anschließend wurden die Theaterleiter streng vertraulich mit dem Verbot bekannt gemacht. Die Spielzeit 1941/42 erlebte nicht eine einzige „Teil“-Aufführung im Deutschen Reich oder in den besetzten Gebieten.

Mehr Schwierigkeiten bereitete die Ausführung des Verbotes im Schulbereich. Ein reger Briefwechsel entspann sich zwischen verschiedenen staatlichen und parteiamtlichen Stellen, die ohnehin um Macht und Kompetenz miteinander rangelten. Es ging um die Frage, ob denn auch Kernsprüche aus den Lesebüchern entfernt werden sollten. (Der Briefwechsel ist veröffentlicht im „Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft“ von 1976 und in G. Ruppelt: „Schiller im nationalsozialistischen Deutschland“, Metzler-Verlag 1979.) Die Führer-Entscheidung lief schließlich darauf hinaus, daß bei Neuauflagen oder bei der Herausgabe neuer Schulbücher keine Texte aus dem „Teil“ mehr aufgenommen werden sollten. Die Schulleiter wurden über das Verbot des „Teil“ vertraulich informiert, diese vergatterten daraufhin wiederum die Deutschlehrer (meist in Einzelgesprächen).