Von Andreas Kuhlmann

Die Heidegger-Kontroverse der vergangenen Jahre, die sich an neuen Erkenntnissen über die politischen Verstrickungen des Philosophen entzündete, hat nach Meinung frommer Heidegger-Exegeten nichts zur seriösen Würdigung des philosophischen Werks beigetragen, ja hat diese eher be- und verhindert. Doch dem ist nicht so. Gerade die präziser als zuvor gestellten Fragen zum Verhältnis von Theorie einerseits, politischem Denken und Handeln andererseits haben ein neues Verständnis der intrikaten Binnenverhältnisse der Philosophen-Existenz Heideggers eröffnet. Diese Fragen können schon deshalb nicht "werkfremd" sein, da Heidegger selbst sein Denken immer wieder zeitkritisch begründete und mit ihm eine Perspektive existentieller "Konversion" (Barbara Merker) eröffnen wollte. Gerade die dringliche, drängende Lebensrelevanz seines Denkens, die der akademische Lehrer Heidegger vermittelte, schlug Schüler unterschiedlichster Herkunft und Ausrichtung in seinen Bann. Deshalb heißt es gerade, Heidegger ernst zu nehmen, wenn man die Verquickung von philosophischer und politischer Existenz durchröntgt.

Hans Ebeling hat komprimiert nochmals die theoretischen Leerstellen von "Sein und Zeit" bestimmt, die den späteren politischen Aktionismus Heideggers zwar nicht zwingend vorprogrammierten, ihn aber intellektuell vorbereiteten. Die solitäre, blind zu sich selbst entschlossene menschliche Existenz, das "Dasein", ermangelt aller Instanzen der Verhaltensnormierung: Heidegger lehnt es ab, Wahrheitskriterien und Maßstäbe richtigen Handelns auszuzeichnen; ebenso leugnet er "Sozietät" als Bedingung individuellen Verhaltens. Heidegger ist es gerade darum zu tun, das "Dasein" aus aller Verstrickung mit dem "Man", mit hohler gesellschaftlicher Konvention und Geschäftigkeit, zu befreien: Diese erstrebte Befreiung – die "Konversion" – ist nur denkbar durch das individuelle Vorlaufen-zum-Tode: Dieses soll den Menschen dazu provozieren, volle Verantwortung für sein singuläres und unvertretbares, "eigentliches" Dasein zu übernehmen. Der Tod wird, wie Ebeling eindringlich zeigt, zur einzigen Führungsinstanz der Existenz; einer Instanz freilich, die zur vernünftigen Lebensorientierung keineswegs taugt. Sie kann lediglich zu der – schon zur Zeit des jüngeren Heidegger ridikülisierten – blinden Entschlossenheit führen. Die "führungslose Führungsgröße" des Todes kann allein zu blindwütiger Selbsterhaltung anstacheln; die Existenz, die sich von sozialen Ubereinkünften und moralischen Normen abgekoppelt hat, bleibt wild entschlossen, aber orientierungslos zurück. Aus dieser Isolation kann sich dann der einzelne in die Schicksalsgemeinschaft des Volkes flüchten, von der am Ende von "Sein und Zeit" die Rede ist. Der "Verneinung der Sozietät", so Ebeling, entspricht "die potentielle Heroisierung der Horde", der "abgewerteten Kommunikationsgemeinschaft potentiell Vernünftiger die aufgewertete Regionalgemeinschaft des Clans und auch der Verschworenen des ‚eigenen‘ Volkes".

Den prägnanten Darlegungen zur "Philosophie" und "Ideologie" von "Sein und Zeit" läßt Ebeling wenig erhellende Ausführungen zur "Philosophie der Kehre" folgen. Ebeling diagnostiziert eine "Reformulierung des Faschismus" in Heideggers Spätphilosophie und unterstellt ihm einen "intellektuellen Rassismus", den er an die Stelle des vulgären biologischen Rassismus setzte. Ebeling läßt sich bei der – notwendigen – Suche nach den desaströsen politischen Implikationen des Heideggerschen Denkens allzusehr von Assoziationen und Äquivokationen leiten: so wenn er immer wieder Heideggers Forderung nach der Eliminierung des "Subjekts" aus der Philosophie mit der Liquidationspraxis der Nazis kurzschließt. Ebeling bleibt gänzlich im Banne seines wahrlich monströsen, von ihm aber noch tatkräftig dämonisierten Gegenstands: "Selten war in der Philosophie selbst neben die Ungeheuerlichkeit des politischen Handelns ein solches nicht mehr geheures Denken getreten wie bei Heidegger."

Aus dem Bann, den Heidegger über ihn selbst, den Autor, verhängt hat, möchte Ebeling uns Deutsche erlösen. In apokalyptisch-dräuendem Duktus ruft er zur Konversion, zu einer neuen "Kehre" auf: Sie bestünde darin, anzuerkennen, daß Deutschland ein "Totenland" ist. "Das kollektive Sein zum Tode ist vorzüglich den Deutschen zuzumuten. Sie haben sich in dem Jahrhundert seit Nietzsche im Suizid, Genozid und Holozid geübt. Sie kennen sich exzeptionell aus im Töten. Sie sollen sich exzeptionell auskennen im Sein zum Tode, und zwar aus der Pflicht zum vernünftigen Widerstand gegen den Tod. Dieser Vollzug des Seins zum Tode ist damit radikal getrennt vom Heideggerschen Vollzug, und er kommt doch insofern noch mit Heidegger überein, als beide Male sich die Umkehr aus einem Sein zum Tode ereignet... Der Tod, der ein Meister aus Deutschland ist, ist die erste Erfahrungsquelle für die Identifikation der Deutschen. Seine Konterkarierung macht aus den Deutschen wünschenswerte Europäer." In charakteristischer Philosophen-Verstiegenheit, die er bei Heidegger hat lernen können, glaubt der Philosoph Ebeling, an vorderster Front für die Errettung der Menschheit zu kämpfen: "1990 ff. ist aber die Aufgabe womöglich nur noch die, die anderen vor den Deutschen zu schützen. Der beste Schutz ist der, sie und zuvor uns selbst vor Heidegger zu schützen." • Hans Ebeling:

Martin Heidegger

Philosphie und Ideologie; Rowohlt Taschenbuch Verlag (rowohlts enzyklopädie),

Reinbek 1991; 191 S., 17,80 DM