Von Michael Naura

Ort der Handlung: Fabrik, Hamburg-Altona. Zeitpunkt: 24. November 1987. Ein trostloser Raum. Eine Kapelle für Abgänge. In Portugal: jazigo ossudrio. Zu deutsch Knochengruft. Keine Fenster. Betonwände. Angetrockneter Aufschnitt. Getränke. Hinterm Sofa Ungeziefer. Fahles Licht. Eine Garderobe. Der Ekel von backstage. Ein Aufenthaltsort für Miles, bevor er das Volk durch den Reifen springen läßt. Er sitzt in einem Sessel, der wie das schlechte Gewissen aussieht. Er schweigt. Er zeichnet. Er krakelt. Ein Pharao des Jazz, längst mit eigenen Pyramiden einschließlich Tourismus. Doch Vorsicht: Du sollst nicht vergöttern! Wir gestatten uns dennoch den kleinen Gebetsteppich auszubreiten vor einem Mann, den manche ein Arschloch genannt haben. Charakter? Na ja. Schwamm drüber. Was bleibt? Hier war jemand, der an Geister glaubte. Ein Priesterkönig. Fast ein Nachfahre der Oni vom Stamm der Ife aus Südwestnigeria. Das Amerika von George Bush? So what. Baudelaire schreibt: "Wenn auf Geheiß der höchsten Mächte der Dichter in dieser öden Welt erscheint..." Ach Baudelaire, du hast den Musiker vergessen. Miles Davis hättest du im Mund geführt, wenn du ihn gekannt hättest.

Ob es Miles Davis gefallen hätte, wenn man einen weißen Dichter zu seiner Lobpreisung ins Feld führt, kann man bezweifeln. Bei seinem tiefsitzenden Groll, den er den hellhäutigen Brüdern und Schwestern gegenüber hegte. Deshalb soll ein soul brother das Wort erhalten. Der Anthologie "American Negro Poetry" entnehmen wir diese Zeilen von Carl Wendell Hines, Jr. Wir legen sie zart auf den Sarg von Miles Davis.

yeah here am

am Standing

at the crest of a tallest

hill with a trumpet