Berlin ist noch nicht Hauptstadt, und Bonn ist es schon nicht mehr. Der Genius des Politischen ist von der Stadt am Rhein gewichen." Mit dieser lakonischen Feststellung in seinem Notizbuch, leicht dahingeschrieben, hat Johannes Gross uns kürzlich aus den Bonner Träumen gerissen. Genius, ade.

Im Parlament hat man gerade wieder eine jener Debatten erlebt, die von uns Journalisten darauf abgeklopft werden, ob es sich denn um eine der seltenen "Sternstunden" gehandelt habe. Der vorläufig letzte Test war die Berlin-Debatte gewesen. Diesmal ging es um den Paragraphen 218.

Der große moralische Grundsatzstreit über den Paragraphen 218 ist im Wasserwerk aber nicht mehr entbrannt. Von der kompromißlos fundamentalistischen "Gruppe Werner" (genannt nach einem CDU-Abgeordneten) und einigen stocksteif emanzipatorischen Redebeiträgen (zumal aus dem Munde von PDS-Abgeordneten) abgesehen, spiegelte sich im Parlament einigermaßen wider, wie aufgesplittert die Meinungen in der Republik sind. Folglich ist überlautes moralisches Pathos nicht mehr gefragt.

Obendrein hat sich erstmals in dieser Debatte die westostdeutsche Besetzung des Parlaments mit einer gewissen lockeren Selbstverständlichkeit dargeboten.

Als Heidemarie Wieczorek-Zeul davon sprach, der Paragraph 218, wie er war und nach den Vorstellungen der Union bleiben soll, sei Ausdruck des Patriarchats, das sich je nach gesellschaftlicher Konjunktur mal väterlich gönnerhaft, mal hart und streng gebe, rief ein Unionsabgeordneter dazwischen: "Das sagt sonst nur noch die PDS!" Ein willkommener Einwurf für Frau Wieczorek-Zeul. "Herr Kollege", erwiderte sie, "ich habe mir angewöhnt, das zu bewerten und das zu sagen, was ich selbst für richtig halte. So wie ich heute bei ihrer Kollegin Frau Süssmuth geklatscht habe, habe ich vorhin auch bei Herrn Gysi geklatscht. Ich denke es tut uns gut, wenn wir die Menschen nicht immer in Töpfe einsortieren, sondern wenn wir sie danach bewerten, was sie sagen. Ich werde es mir jedenfalls angewöhnen." Das wäre so ein kleines Echo auf die Veränderungen in Deutschland. Sich angewöhnen zu sagen, was man selbst für richtig hält – so kurios es klingt, das wird für viele aus West und Ost ein schwieriges Lernen, aus jeweils ganz anderen Gründen.

Ohne Parteilinien zu sprechen, aber im Hinterkopf doch Parteilinien zu haben, das gehört zur alltäglichen Gratwanderung im Parlament. Darüber zu reflektieren, welche Schwierigkeiten es ihnen bereitet, wagen nur wenige Abgeordnete aus dem Osten. Geradezu schwärmerisch lobte Vera Wollenberger (Bündnis 90) die Debatte, weil sie alle starren Koalitions- und Fraktionsgrenzen durchbreche. Sie zum Beispiel plädierte für Straffreiheit bei Schwangerschaftsabbrüchen, aber mahnte, jeder müsse sich darüber klarsein, mit der Abtreibung "über das Leben eines anderen" zu entscheiden. Für ihren Geschmack ist überbetont worden, welche Belastungen Kinder mit sich brächten, und zu selten wurde gesagt, daß Kinder "vor allem ein Gewinn in unserem Leben sind".

Bei Vera Wollenberger, aber nicht nur bei ihr, hatte man das Gefühl, daß persönliche und politische Argumente zu einem schablonenfreien Standpunkt gerinnen. Schwer genug ist das. Andere haben die Rituale des gewöhnlichen Parlamentarismus fortgesetzt, der schließlich immer auch ein Rollenspiel ist. Aber immerhin: Ein bißchen Politik holt das Parlament zur Zeit zurück in seine Arena. Den "Genius des Politischen", der derzeit offenbar irgendwo zwischen Bonn und Berlin hockt, wird man dann auch weiterhin so schrecklich gar nicht vermissen.

Gunter Hofmann