Yu Bang, ein alter chinesischer Meister, habe, so wird erzählt, eines Morgens nach dem Aufwachen gesagt: Mir träumte, ich sei eine Schildkröte, und nun weiß ich nicht mehr, ob ich Yu Bang bin, dem träumte, er sei eine Schildkröte, oder ob ich eine Schildkröte bin, die träumt, sie sei Yu Bang.

Solche Zweifel gab es auch bei uns. Es war dann allerdings nicht von einer Schildkröte, sondern von Gott die Rede, und die bange Frage lautete deshalb: Sind wir es, die sich Gott ausdenken, oder ist es Gott, der sich uns ausgedacht hat? Solche Fragen, früher gehörten sie ins Allerheiligste der Kultur, haben sich inzwischen in die Literatur geflüchtet, die randständig genug ist, um vertraut zu bleiben mit den Abgründen des Bewußtseins. Kunst ist, wie Nietzsche einmal bemerkte, die eigentliche metaphysische Tätigkeit. Der Mensch ist nicht ganz dicht, darum entweicht er ins Imaginäre, und darum gibt es die Dichtung, die sich aber allzu häufig von den mächtigen Instanzen eines ausgenüchterten Realitätssinns einschüchtern läßt. Darüber gibt es eine Bemerkung von Adorno, die Cees Nooteboom seiner neuen Erzählung „Die folgende Geschichte“ als Motto vorangestellt hat: „Scham sträubt sich dagegen, metaphysische Intentionen unmittelbar auszudrücken; wagte man es, so wäre man dem jubelnden Mißverständnis preisgegeben.“

Anders als Adorno hat Nooteboom sich der „metaphysischen Intention“ schamlos überlassen. Ich möchte das als Lob verstanden wissen.

Im Werk Nootebooms, vom „Paradies ist nebenan“ (1955) bis zu den zuletzt erschienenen „Berliner Notizen“, dominiert das Motiv der Reise – im Raum und in der Zeit, auf der Suche nach einer Fremde, die Überschreitungen erlaubt und erzwingt. „Ich bin der Weg. / Ich ziele wie ein Pfeil / auf die Ferne, / aber in der Ferne / bin ich / weg“, heißt es in einem seiner Gedichte (das letzte Heft der Akzente stellt erstmals den Lyriker Nooteboom einem deutschen Publikum vor).

Mit Eleganz und Spielwitz, mit Melancholie und Ironie betritt Nooteboom in seiner neuen Erzählung das geheimnisvolle Spiegelkabinett unseres Bewußtsein. Da wacht Herman Mussert, ehemals Lehrer für alte Sprachen und jetzt Verfasser von Reiseführern, in einem ihm vertrauten Zimmer in Lissabon auf und weiß doch genau, daß er sich am Abend zuvor in Amsterdam zu Bett gelegt hat. Er hatte vor dem Einschlafen Bilder, wie sie von der Voyager-Sonde beim Verlassen des Sonnensystems zur Erde gefunkt wurden, betrachtet. Jetzt, beim morgendlichen Aufstehen in Lissabon, erinnert er sich, mit welchem Gefühl er am Abend zuvor in Amsterdam offenbar eingeschlafen war, es war die „Angst, ich könnte von der Erde, die da so lose und schutzlos im Raum hing, herunterfallen“.

Mussert erinnert sich noch an manches andere: Notgedrungen muß er die „Arbeit der Erinnerung“ auf sich nehmen, denn es geht um Leben oder Tod; er muß an diesem Morgen in Lissabon nicht weniger als das Rätsel lösen, wer er denn nun eigentlich ist, und er muß gegen den Verdacht ankämpfen, daß der Mussert aus Amsterdam, den die Schüler vor zwanzig Jahren „Sokrates“ nannten, vielleicht schon tot ist. Die Erinnerungen, die Mussert jetzt bei seinen Gängen durch Lissabon auffindet, sind, daran besteht kein Zweifel, allesamt Erinnerungen des Mussert aus Amsterdam. Der war hier vor zwanzig Jahren in Lissabon gewesen, eine Liebesromanze lang. Wer sich erinnert, lebt.

Aber welcher Mussert ist es, der lebt? Der in Amsterdam vom Abend zuvor oder der jetzt in Lissabon? Beide sagen zu denselben Erinnerungen „Ich“. Dann träumt vielleicht der eine den anderen? Aber wer wen? Die Erinnerungen, wem immer sie nun wirklich zugehören, auf sie kann man sich wie auf ein Festland retten, schwimmende Inseln im gestaltlosen Meer der Zeit. Da gibt es also die Liebesgeschichte zwischen Mussert, als er noch Lehrer war, und Maria Zeinstra, Kollegin und Frau eines Turnlehrers und Freizeitlyrikers, der seinerseits ein Verhältnis hatte mit der zauberhaften Schülerin Lisa d’India, die ihrerseits die Muse des Lehres Müssen war.

Sie war gemeint, wenn Mussert die Ovidschen „Metamorphosen“ vor der Klasse nicht nur durchnahm, sondern geradezu aufführte, besonders eindrucksvoll Phaethons Fahrt durchs Himmelgewölbe und seinen flammenden Absturz. Wenn man ins Gesicht der Lisa d’India blickte, wurden alle Geschichten wahr, beispielsweise auch die Geschichte von den letzten Stunden des Sokrates. Ist der philosophische Gedanke stärker als die Angst vor dem Tod – um diese Wette geht es dort bekanntlich. Beweise der Unsterblichkeit der Seele werden erwogen, da es aber vier Beweise sind, liegt der Verdacht nahe, daß eben doch keiner so recht haltbar ist; was bleibt, sagt der Mussertsche Sokrates, ist die erstaunliche Fähigkeit des Bewußtseins, über die Unsterblichkeit nachzudenken.

Das Eigenartige ist, daß wir überall vom Aufhören und Ende umgeben sind, aber das Ende eigentlich gar nicht denken können, sowenig wie wir jemals das Aufhören des Bewußtseins beim Einschlafen erleben können; denn versuchen wir es, werden wir nicht einschlafen können, und sind wir dann doch eingeschlafen, so haben wir das Aufhören des Bewußtseins verpaßt. Wenn Mussert seine „Sokrates-Nummer“ vor der Klasse, oder genauer: vor Lisa d’India inszenierte, dann überließ er sich diesem dunklen Zauber des Übergangs und der Schwelle. Das alles sind Erinnerungen des Mussert, der jetzt gut zwanzig Jahre später offenbar einen gravierenden Übergang verpaßt hat, den zwischen dem Abend zuvor und dem jetzigen Tag ...

Ich werde die Pointe – falls hier im üblichen Sinn von Pointe überhaupt die Rede sein kann – nicht verraten. Jedenfalls befindet sich unser Lissaboner Mussert plötzlich in einer eigenartigen Reisegesellschaft, unterwegs übers Meer, vom portugiesischen Belém zum brasilianischen Belem, und dann den Amazonas hinauf. „Je länger die Reise dauerte, desto realer schien alles zu werden, was ich der Klasse früher einmal als Dichtung vorgetragen habe.“

Die Personen an Bord gruppieren sich um eine Frau, wir werden sie ganz am Ende kennenlernen, nachdem der spanische Junge, der chinesische Gelehrte, der amerikanische Flugkapitän, der italienische Benediktinermönch und der englische Journalist ihre Geschichte erzählt haben werden; wir werden sie kennenlernen, wenn Mussert an der Reihe ist, seine Geschichte zu erzählen, und in dieser Geschichte wird, wie sollte es anders sein, jener Mussert wieder sichtbar werden, der eines Abends sich in Amsterdam zu Bett legte, um die Photos der Voyager-Sonde beim Verlassen des Sonnensystems zu betrachten...

Cees Nooteboom hat auf wunderbare Weise eine Geschichte erzählt, deren eigentliche Hauptfigur die Poesie selbst ist. Sie kann kein Ende finden, weil sie noch mit jedem Ende, und also auch mit dem Tod, etwas anfangen kann. Oder um mit Heimito von Doderer zu sprechen: „Die Zauberkraft der Sprache macht eben das Leben im Handumdrehen zu einem leichten Joch, das uns sanftgeschwungen aufliegt...“ Rüdiger Safranski

  • Cees Nooteboom:

Die folgende Geschichte

Aus dem Niederländischen von Helga von Beuningen; Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991; 152 S., 28,– DM