Vier Ostdeutsche, zwölf Monate Einheit: Warum der Wandel so wenig im Leben änderte

Von Christoph Dieckmann

Eigentlich wollte ich mit DDR-Landsleuten über unser erstes Jahr "als Deutsche" sprechen. Es ging nicht wie geplant. Sie holten alle weit aus und kramten in vorigen Zeiten – nicht um das alte System zu romantisieren, sondern weil die zwölf Monate seit dem 3. Oktober 1990 verblüffend wenig änderten in den Lebensläufen, die 1956 oder 1947 begannen. In diesem einen Jahr erfuhren wir Ostler, wie relativ der Unterschied ist zwischen einst abgenötigter Lebensform und dem, was wir nun aus freien Stücken beibehalten. Viel mehr, als wir ahnten, bestand das alte System aus uns selbst.

Uns fehlt die Identität. Nachdem die Mauer brach, war Deutschsein der erste große Sinn-Ersatz – zielsicher dargeboten, instinktiv erfaßt. Wir durften das deutsche Paradies betreten, wählen, ein bißchen kaufen – es wurde deshalb nicht unseres; es verblaßte. Bald war es profan. Arm und Pole zu sein mag leichter fallen als ärmlich und Minderdeutscher. Die Kommunikation im Osten ist zusammengebrochen. Die gleichgeschalteten Medien in der DDR hatten nicht informiert, aber geeint zu ironischer Aversion. Es war leichter, der SED-Propaganda ins Schwejktum zu entwischen, als heute der unbarmherzig guten Laune allgegenwärtiger Werbung.

Wirkliche Identität definiert sich nicht über Flaggen und Rituale, sondern durch den Einklang mit der eigenen Lebensgeschichte. Es gibt derzeit nicht viele Instanzen, die den Ostdeutschen zugestehen, sie hätten ein normales Leben geführt. Die Medien – seriös distanziert oder obszön gewendet – tun ihr Bestes, uns die Herkunft und unser ganzes Gestern aus dem Vaterland zu blasen. Beim Erzählen steht alles noch an seinem Platz.

I.

"Nee", sagt Norbert Schenk, Gemüsemann, und trinkt vom Bier. "Nee, ein gewöhnliches Jahr war das nicht. Das Rumgerenne überall. Einwohnermeldeamt, Steuern – kannteste ja alles nicht. Ich hatte ein ganz typisches DDR-Leben. 1953 geboren, hier in Berlin, Lichtenberg. Außenhandelskaufmann hab’ ich gelernt, aber der Beruf war mir zu rot. Mitgedackelt bin ich nie, ich hab’ mich immer gedrückt. Mein Schwager war Gemüsefahrer, der hat mir die Stelle hier besorgt in der Kaufhalle. In der Halle bin ich zwölf Jahre, Gruppenleiter Obst und Gemüse. 1800 brutto krieg’ ich jetzt. Mit 25 hab’ ich geheiratet. Meine Frau kocht im Kindergarten – noch. Meine Tochter ist vierzehn. Ein Kind reicht. Klar war sie bei den Pionieren, sonst wär sie ja Außenseiter gewesen. Anstandshalber hat sie das Halstuch gekriegt. Sie hat sich ja auch gefreut, Kinder freuen sich ja. Uns ging’s eigentlich relativ sehr gut. Ich hab’n Grundstück in Wandlitz, Garten und so, hat nicht jeder." Auch nach Westen reisen durfte er. "87 im Winter bin ich das erste Mal rüber. Ich konnt’s kaum fassen. Das Obst, das ganze Gemüse! Angestrahlt, aber alles echt. Die Verwandtschaft hat einen ja reichlich beschenkt. Beim zweiten Mal hieß es dann bloß noch: Guten Tag, na, da biste ja. Am 9. November war’s dann schön, daß jetzt alle konnten." Das nationale Überschwappen überraschte ihn nicht. "Ich hab’ Angst, daß das mit den Nazis schlimmer wird. Traurig ist das. Ich versteh’s auch nicht. Die wollen wohl Superdeutsche werden. Ich hab’ noch meine alte Autonummer und meinen DDR-Ausweis. Daß man mit’m neuen Ausweis ’n neuer Deutscher ist, so ’ne Meise hatt’ ich nie."