Von Heidrun Holzbach-Linsenmaier

Auf den Straßen der Bundesrepublik war. der Teufel los. Am 26. April 1972 demonstrierten Zehntausende, darunter nicht wenige linke Studenten der wilden Apo-Generation, für die sozialliberale Koalition Brandt/Scheel („Willy muß Kanzler bleiben!“). Arbeitnehmer protestierten mit Warnstreiks gegen das von der Union für den nächsten Tag geplante konstruktive Mißtrauensvotum. Zur selben Zeit riß es die Abgeordneten des Bundestags von den Stühlen: Franz Josef Strauß warf der SPD Volksfront-Aktionen vor.

Zuvor hatte Bundeskanzler Willy Brandt daran erinnert, daß die ultrarechte NPD (Nationaldemokraten) bei der wenige Tage zurückliegenden baden-württembergischen Landtagswahl ihre Kandidaten zugunsten der CDU zurückgezogen hatte. Die Weimarer Republik erschien vollends als Menetekel an der Wand, als Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller ausrief: „Herr Strauß, wenn ich es Ihnen mit gleicher Münze zurückzahlen würde, müßte ich sagen: Mit dem, was Sie morgen früh zur Wahl und zur Abstimmung stellen, steht auch zur Wahl, ob diese Bundesrepublik Deutschland sich auf dem direkten Marsch in die Harzburger Front befindet.“ In der Unionsfraktion entstanden tumultartige Szenen. Schiller wurde an seine eigene Vergangenheit erinnert und als „Nazi-Professor“ beschimpft. Die deutsche Geschichte hatte die Abgeordneten wieder einmal eingeholt.

Einer breiteren Öffentlichkeit allerdings war „Volksfront“ als Synonym für das Bündnis von Sozialdemokraten und Kommunisten auf Anhieb geläufiger denn „Harzburger Front“ für die Koalition von Konservativen und Rechtsradikalen. Tatsächlich hat aber die Volksfront in der ersten deutschen Demokratie nur eine untergeordnete Rolle gespielt, während die Harzburger Front wesentlich an der Zerstörung der Weimarer Republik beteiligt war, und dies keineswegs erst seit ihrer offiziellen Konstituierung am 11. Oktober 1931.

Damals trafen sich in dem kleinen Luftkurort Bad Harzburg auf Initiative des Medienzaren und Vorsitzenden der konservativen Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), Alfred Hugenberg, die Vertreter der „Nationalen Opposition“. Den Kern bildeten die von Adolf Hitler geführte NSDAP, Hugenbergs DNVP sowie der Frontkämpferbund „Stahlhelm“. Hinzu kamen kleinere radikale Gruppen wie der Alldeutsche Verband und die Vereinigten Vaterländischen Verbände.

Aber auch Mitglieder der einst von Gustav Stresemann mitbegründeten „liberalen“, nunmehr aber stark nach rechts abgedrifteten Deutschen Volkspartei (DVP), die Führer des von Großagrariern beherrschten Bauernverbandes „Reichslandbund“, viele hochrangige Militärs wie der einstige Chef der Heeresleitung Hans von Seeckt, Repräsentanten des Hochadels, darunter die Kaisersöhne Eitel Friedrich und August Wilhelm, sowie Vertreter der Industrie kamen nach Harzburg. Kurz: Hier verbündeten sich demonstrativ die alten Machteliten des Kaiserreichs mit der aufstrebenden neuen Kraft einer kleinbürgerlichen Massenbewegung.

Der .Tagungsort war mit Bedacht gewählt, schließlich regierte im Land Braunschweig eine von den Deutschnationalen angeführte Koalition der „Bürgerlichen Einheitsliste“ mit den Nationalsozialisten. Bei strahlendem Sonnenschein marschierten an diesem Oktobersonntag 3000 Stahlhelmer und 2000 SA-Leute „mit klingendem Spiel und wehenden Fahnen“, wie der deutschnationale Reichstagsfraktionschef Otto Schmidt-Hannover noch nach 1945 freudig berichtete, an 10 000 Gästen und Zuschauern vorbei und versammelten sich zu einem „Feldgottesdienst“.

Deutschnationale und nationalsozialistische Reichstagsabgeordnete fanden sich zu einer gemeinsamen Fraktionssitzung zusammen. Die Abschlußkundgebung im Kurhaussaal eröffnete der 66jährige Hugenberg mit den Worten: „Hier ist die Mehrheit des deutschen Volkes. Sie ruft den Pächtern der Pfründen und Ämter, den Machtgenießern und politischen Bonzen, den Inhabern und Ausbeutern absterbender Organisationen, sie ruft den regierenden Parteien zu: Es ist eine neue Welt im Aufstieg – wir wollen euch nicht mehr!“

Bei dem anschließenden Redemarathon gegen das Weimarer System im allgemeinen und das Präsidialkabinett des Zentrum-Kanzlers Heinrich Brüning im besonderen hielt sich Hitler von der Diktion her eher zurück. Am sensationellsten wirkte der überraschende Auftritt des ehemaligen Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht. Der einstige Demokrat, in der Bevölkerung wegen seiner Verdienste um die Währung hoch angesehen, erklärte die Weimarer Republik für moralisch und wirtschaftlich bankrott.

Der Aufmarsch der „Nationalen Opposition“ in Bad Harzburg endete mit einer gemeinsamen Entschließung, deren drohender Unterton unverkennbar war: „In vollem Bewußtsein der damit übernommenen Verantwortung erklären wir, daß die in der Nationalen Opposition stehenden Verbände bei kommenden Unruhen wohl Leben und Eigentum, Haus, Hof und Arbeitsstelle derjenigen verteidigen werden, die sich mit uns offen zur Nation bekennen, daß wir es aber ablehnen, die heutige Regierung und das heute herrschende System mit dem Einsatz unseres Blutes zu schützen ... Wir beschwören den durch uns gewählten Reichspräsidenten von Hindenburg, daß er dem stürmischen Drängen von Millionen vaterländischer Männer und Frauen, Frontsoldaten und Jugend entspricht und in letzter Stunde durch Berufung einer wirklichen Nationalregierung den rettenden Kurswechsel herbeiführt.“

Die „Heerschau“ in Bad Harzburg erregte national und international großes Aufsehen, wofür nicht zuletzt der Propagandawirbel sorgte, den Hugenberg durch seinen Konzern, die größte Medienmacht der Weimarer Republik, entfachen ließ. Harzburg war jedoch nicht nur eine gegen die, Weimarer Demokratie gerichtete medienwirksame Sammlungsaktion, die bei den Gegnern Furcht und Schrecken verbreiten und bei den Sympathisanten Heilshoffnungen erwecken sollte. Vielmehr hatten die Harzburger ein konkretes Ziel, den Sturz des Kanzlers.

Für den 16. Oktober war von ihnen ein Mißtrauensantrag im Reichstag vorbereitet worden. Ob Brüning das Votum überstehen würde, war fraglich. Nicht nur in der Bevölkerung war das Ansehen des Kanzlers, der trotz viereinhalb Millionen Arbeitslosen mit seinen Notverordnungen eine drastische Sparpolitik verfolgte, im Laufe des Jahres 1931 stark gesunken. Auch einflußreiche Interessengruppen wie die Großgrundbesitzer im Osten und die Schwerindustriellen im Westen zweifelten zunehmend daran, ob Brüning die Wirtschafts- und Finanzkrise in ihrem Sinne meistern würde.

Der Kanzler, der eine Minderheitsregierung aus Zentrum, DVP, der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), der Wirtschaftspartei und der von der DNVP abgespaltenen Volkskonservativen führte, dabei aber auf die Tolerierung durch die SPD angewiesen war, konnte sich nicht mehr aller Partner sicher sein. Entscheidend aber war, daß Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, dessen verfassungsrechtlich starke Präsidialmacht die eigentliche Grundlage für das autoritäre Brüning-Regime bildete, zu schwanken begann. Bei einem Erfolg des Mißtrauensvotums hätte der Reichspräsident, wie bereits 1930 einmal praktiziert, den Reichstag auflösen und unabhängig von den Mehrheitsverhältnissen Brüning erneut zum Kanzler berufen können. Aber, würde er das tun?

Der Reichspräsident, von einer Kamarilla aus deutschnationalen Adeligen und Militärs beraten, hatte den Kanzler im Sommer 1931 immer mehr gedrängt, sein Kabinett nach rechts umzubilden und sich endgültig von der SPD zu lösen. Dabei verlangte er von Brüning die Quadratur des Kreises, denn er wollte zwar „nationale Männer“ im Kabinett sehen, nicht aber den intransigenten Hugenberg und auch nicht den degoutanten Abenteurer Hitler.

Doch der Kanzler, der selber ernsthaft den Plan hegte, noch zu Lebzeiten des 83jährigen Hindenburgs die Monarchie wiedereinzuführen, sah sich, um seine außenpolitischen Ziele, zu erreichen und seinen rigprosen Sparkurs psychologisch abzustützen, auf die Unterstützung durch die stärkste Reichstagspartei, die SPD, angewiesen. Dabei blieb es auch, als er scheinbar Hindenburgs Drängen nachgab, am 9. Oktober 1931 ein neues „Fachkabinett“ ohne Parteibindungen bildete und bei der Rechten besonders verhaßte Minister – wie seinen Parteifreund Joseph Wirth („Der Feind steht rechts“) – opferte. So war die Lage für Brüning, wie er selber in seinen Memoiren berichtet, „unter dem Eindruck der Harzburger Tagung außerordentlich gefährlich“.

Am Vorabend der Abstimmung notierte der deutschnationale Reichstagsabgeordnete Reinhold Quaatz nach einem Gespräch mit Hindenburgs Staatssekretär Otto Meißner in sein Tagebuch, daß der Reichspräsident eine „Auflösungs-Order an Brüning nicht mehr geben“ wolle. Doch der Kanzler kam auch so über die Hürden: Er überstand mit knapper Mehrheit das Mißtrauensvotum. Neben Zentrum, SPD und DDP waren auch die Wirtschaftspartei und einige kleine Parteien bei der Stange geblieben, wohingegen sich die DVP mehrheitlich versagt hatte.

Was Brüning noch einmal gerettet hatte, war das Fehlen einer klaren Alternative zu ihm. In der Ablehnung des Kanzlers waren sich die Harzburger einig, nicht aber darin, wer ihn ersetzen sollte. Einen gemeinsamen Kanzlerkandidaten gab es nicht, als Hindenburg am Vorabend der Abstimmung danach fragen ließ. Mehr noch: Die Rivalitäten zwischen den Bündnispartnern waren so stark, daß sie selbst beim Harzburger Aufmarsch der Öffentlichkeit nicht ganz verborgen bleiben konnten.

So berichtete der Volksparteiler und Mitarbeiter der Gutehoffnungshütte, Erich von Gilsa, zwei Tage nach der Harzburger Tagung seinem Firmenchef Paul Reusch, einem der mächtigsten Männer im Ruhrrevier: „Für den Kundigen ergab sich, daß innerhalb der einzelnen Parteien usw. der nationalen Opposition noch manche Spannungen zu überwinden waren ... Natürlich prophezeit die Linke aus diesem Anlaß baldigsten Krach und damit Zerfall der Rechten. Eine solche Gefahr besteht nach berühmten deutschen Mustern zweifellos.“

Hugenberg selber schrieb 1932 bitter an Hitler, Harzburg sei „für große weite Massen im Lande ein leuchtender Begriff der marschierenden Einigkeit“ geworden, „die Führer aber straften diese Einigkeit Lügen“. Schuld daran war Hitler, der durch sein „flegelhaftes Benehmen“; so Hugenberg nach dem Krieg, seine bürgerlichen Partner an den Rand der Verzweiflung brachte.

Zunächst war Hitler zur Vorbesprechung am Abend vor dem großen Tag einfach nicht erschienen. Beim Vorbeimarsch der paramilitärischen Verbände nahm er nur die Parade der SA ab, verschwand aber demonstrativ, als die Stahlhelmer vor ihm salutieren wollten. Für die Stahlhelmführung war das „eine schwere Kränkung“. Hitler entgegnete jedoch kühl, daß er nur den Vorbeimarsch von Verbänden abnehme, die seiner eigenen Partei unterstellt seien. Überdies sei ihm gar nicht klar, „in welcher Form ich als Nationalsozialist die vorbeimarschierenden Formationen des Stahlhelms oder ihre Fahnen überhaupt grüßen könnte“.

Während sich SA-Leute und Stahlhelmer im Kurhaus darüber stritten, ob nun eine schwarzweißrote oder eine Hakenkreuz-Flagge wehen sollte, verärgerte Hitler die Honoratioren weiter dadurch, daß er dem gemeinsamen Mittagessen fernblieb. Die Spannungen erreichten schließlich ihren Höhepunkt, als der Nazi-Führer drohte, an der Abschlußkundgebung nicht teilzunehmen und vorzeitig abzureisen. Hugenberg und seine deutschnationalen Gefolgsleute wandten alle Überredungskünste auf, um die „Kreuzung zwischen einer Primadonna und einer Napoleon-Imitation“ (so Schmidt-Hannover) schließlich doch zu bewegen, ihren Part bei der Kundgebung zu übernehmen.

Vieles spricht dafür, daß sich Hitler in Harzburg bewußt so aufführte, um einerseits seinen Anhängern seine Distanz zu den „verkalkten“ Exzellenzen und Geheimräten deutlich zu machen und anderseits Hugenberg zu signalisieren, wer das Sagen innerhalb der „Nationalen Opposition“ hatte. Unabhängigkeit von den bürgerlichen Bündnispartnern der eigenen Partei zu demonstrieren, hatte Hitler durchaus Anlaß, nachdem 1930 in der NSDAP über den „Legalitätskurs“ und die „Verbürgerlichung“ der Partei heftig gestritten worden war – die Auseinandersetzungen führten auch im Jahr 1931 noch zu „linken“ Abspaltungen von NSDAP und SA. Aber auch vor Hugenberg galt es Stärke zu demonstrieren, hatte der doch zu dieser Zeit keineswegs den Gedanken aufgegeben, selber Reichskanzler zu werden, obwohl die NSDAP seine DNVP in der Wählergunst längst weit überholt hatte. Hugenberg tat sich offenbar schwer damit, von der Vorstellung Abschied zu nehmen, Hitler sei sein Juniorpartner. Schließlich war es, wie sich der preußische Innenminister Carl Severing (SPD) empörte, der „feine Geheimrat“ gewesen, der bereits 1929 die damals noch mit zwei oder sechs Prozent Wählerstimmen unbedeutenden „Rauhbeine der Braunen bündnis- und gesellschaftsfähig“ gemacht habe, als er sich mit ihnen im „Reichsausschuß für das deutsche Volksbegehren gegen den Young-Plan“ zusammentat. Der auf Initiative Hugenbergs gebildete „Rechtsblock“ gegen das internationale Abkommen zur Regelung der deutschen Kriegsschulden nahm im wesentlichen die Harzburger Gruppierung von 1931 vorweg: DNVP, NSDAP, Stahlhelm, Reichslandbund, Industrie, „nationale Verbände“.

Für Hitler war das erste Bündnis mit der traditionellen Rechten und ihrer Schlüsselfigur Hugenberg vor allem deshalb von unschätzbarem Wert, weil es ihn bis in den kleinsten Winkel der Republik bekannt machte. Die NSDAP hatte keinen nennenswerten Presseapparat. Hugenberg dagegen, bis 1918 Generaldirektor der Krupp AG, verfügte mit seinem Konzern, den er mit Hilfe von Industriegeldern aufgebaut hatte, über ein unvergleichliches Medieninstrumentarium. Dazu gehörten der Berliner Scherl-Verlag mit drei Tageszeitungen und einem Dutzend Zeitschriften, eine Nachrichtenagentur, auf die rund die Hälfte der deutschen Zeitungen abonniert war, Materngesellschaften, die Hunderte von Zeitungen mit vorgedruckten Kommentaren und Berichten belieferten, Zeitungsbanken, Anzeigenvermittlungs- und Zeitungsberatungsgesellschaften sowie die größte Filmgesellschaft der Republik, die Ufa.

Diesen Apparat setzte Hugenberg 1929 gezielt ein, um in einem demagogischen Feldzug für das Volksbegehren der „Freiheitsbewegung“ zu „trommeln“ und gegen die angeblichen „Verbrecher“ zu hetzen, die den Youngplan unterzeichnen wollten. Im gleichen Stil wurde auch über die Harzburger Tagung berichtet. Hitler geriet nicht nur zwangsläufig in die Schlagzeilen, sondern die Hugenberg-Presse berichtete ausgesprochen nazifreundlich. So hat denn auch 1932, während starker Spannungen zwischen Hitler und Hugenberg, der Scherl-Verlag in einem Flugblatt der NSDAP vorgeworfen: „Man sucht eine nationale Presse niederzuschreien, der die Nationalsozialisten noch vor kurzem publizistisch fast alles zu verdanken hatten.“

Die Hugenberg-Presse hätte möglicherweise auch noch andere Gründe nennen können, auf Hitlers Dankbarkeit zu rekurrieren. Wohlweislich überließ sie es der „Linkspresse“, über derartige „Verbindlichkeiten“, nämlich Hugenbergs Rolle als Vermittler industrieller Kontakte und Spenden für die NSDAP, zu spekulieren. Welche Bedeutung Hugenberg tatsächlich in dieser Hinsicht für Hitler gehabt hat, ist in der Forschung äußerst umstritten.

Der „Silberfuchs“ war in der ersten Hälfte der Weimarer Republik dank einer Reihe von Ämtern in schwerindustriellen Interessenverbänden gerade als Vermittler von Parteispenden eine der einflußreichsten Persönlichkeiten gewesen. Gegen Ende der zwanziger Jahre, insbesondere nach seinem Amtsantritt als DNVP-Chef 1928, hatte er dagegen die meisten industriellen Verbandsfunktionen aufgegeben und zweifellos dadurch auch an Einfluß verloren.

Keineswegs aber war Hugenberg, wie von konservativen Historikern gern behauptet wird, zu dieser Zeit ein völliger Außenseiter in der Industrie, der gar nicht in der Lage gewesen wäre, als Bindeglied für Hitler zu den Großen von Rhein und Ruhr zu wirken: Immerhin war Hugenberg stellvertretender Vorsitzender des mächtigen schwerindustriellen Bergbau- und Zechenverbands geblieben und hatte Zugang zu dessen Spendenfonds, die teilweise auch aus Überschüssen des Hugenberg-Konzerns gespeist wurden.

Der Hugenberg-Konzern selber war finanziell und personell eng mit der rheinisch-westfälischen Schwerindustrie verflochten: In seiner Dachgesellschaft saßen Albert Vogler (Vereinigte Stahlwerke), Emil Kirdorf (Gelsenkirchener Bergwerks AG), Fritz Winkhaus (Hoesch-Konzern). Einigen Hinweisen zufolge profitierte die NSDAP mit Unterstützung Hugenbergs von industriellen Spenden für den Volksbegehren-Ausschuß, in welchem Umfang, bedarf noch der Klärung. Auch entwickelten sich über die gemeinsame Arbeit im Reichsausschuß zwischen Hitler und einzelnen Industriellen Beziehungen, so etwa zu Fritz Thyssen, dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Vereinigten Stahlwerke und deutschnationalen Parteigänger Hugenbergs.

Unzweifelhaft war Hitler auf derartige Vermittlerdienste aber 1931 bereits weit weniger angewiesen als noch 1929. Seit dem „Erdrutsch“ bei der Reichstagswahl im September 1930 war die NSDAP als stärkste Rechtspartei ein gewichtiger politischer Faktor geworden. Hugenbergs DNVP aber litt an Wählerschwund und geriet 1931 selber in Finanznöte. Von daher konnte Hugenberg, anders als noch 1929, als die NSDAP eine Splittergruppe unter vielen war, an einem finanziellen „Aufpäppeln“ der nun übermächtigen Konkurrenzpartei nicht gelegen sein. Gleichwohl nahm er sehenden Auges in Kauf, daß Harzburg eine „Türöffnerfunktion“ für Hitler hatte.

Die Tagung fand zu einem Zeitpunkt statt, als der Unmut über Brünings Politik in industriellen Kreisen einen Höhepunkt erreicht hatte. Der einflußreiche und als „gemäßigt“ geltende Reusch erklärte Anfang September 1931: „Ich bin der unmaßgeblichen Meinung, daß Herr Brüning, nachdem die Erwartungen, die wir auf ihn gesetzt haben, sich nicht erfüllt haben und nachdem er nicht den Mut hat, sich von der Sozialdemokratie zu trennen, von der Wirtschaft und vom Reichsverband [der Deutschen Industrie] auf das allerschärfste bekämpft werden muß und daß ihm die Industrie ganz offen ihr Mißtrauen aussprechen soll.“ Am 29. September 1931 richteten zehn deutsche Wirtschaftsverbände in einer gemeinsamen Erklärung öffentlich heftige Angriffe gegen die Politik Brünings.

In dieser Situation lag es für die ohnehin rechtslastige Industrie nahe, sich stärker alternativen Vorstellungen, etwa einem Kabinett der „Nationalen Opposition“, zuzuwenden. Ihr Augenmerk richtete sich besonders auf die gewichtige „Unbekannte“ in der konservativ-nationalsozialistischen Gleichung – Hitler. Deshalb nahmen auch eine Reihe führender industrieller Verbandsfunktionäre vor allem als „Beobachter“ an der Harzburger, Tagung teil und erstatteten anschließend den Herren an Rhein und Ruhr Bericht.

Das, was diese noch an der braunen Bewegung schreckte, waren pseudosozialistische Parolen und der revolutionäre Touch der Nazis. Hitlers „gemäßigte“ Rede in Harzburg war nicht zuletzt auf diese Zuhörer berechnet, zumal er sich ohnehin 1931 um die Industrie bemühte. Mit seiner Teilnahme an der Tagung demonstrierte Hitler – trotz aller Mißhelligkeiten – seine Bereitschaft, mit den konservativen Machteliten zusammenzuarbeiten.

Seit Harzburg wurde gezielt bei der Industrie für Hitler geworben. Vor allen anderen ist der wendige Banker Schacht zu nennen, der Hitler in der Industrie populär machen, gleichzeitig aber mäßigend auf die wirtschaftspolitischen Pläne der Nazis einwirken wollte. Aber auch Thyssen hatte sich jetzt, sehr zu Hugenbergs Ärger, von der DNVP ab- und den Nazis ganz zugewandt. Er machte für sie nicht nur in den großen Industrieverbänden Reklame, sondern verhalf Hitler auch zu seinem berühmten Auftritt vor dem Industrieclub in Düsseldorf am 26. Januar 1932. Der Andrang zu der Veranstaltung war so groß, daß Krupp von Bohlen und Halbach persönlich intervenieren mußte, um dem Geschäftsführer des Reichsverbandes der Deutschen Industrie, Jacob Herle, einen Platz reservieren zu lassen.

Die ersten Erfolge dieser Werbekampagne zeigten sich wenig später. Jetzt flossen die Spenden reichlicher, ja es entstanden regelrechte industrielle Förderkreise für die Nazis, wie der „Keppler-Kreis“ und die „Arbeitsstelle Schacht“. Bei der Reichspräsidentenwahl fand sich Reusch vor dem zweiten Wahlgang im März 1932 zu einem Wahlkampfabkommen mit dem Nazi-Führer dergestalt bereit, daß die von ihm abhängigen Zeitungen angewiesen wurden, sich zu Hitlers Kandidatur gegen Hindenburg „positiv-neutral“ zu verhalten.

Der Vorsitzende des schwerindustriellen Langnamvereins und Generaldirektor der Hoesch AG, Fritz Springorum, erklärte zur selben Zeit: „Daß wir bei der Schaffung einer Rechtsregierung uns der Mitarbeit der NSDAP nicht begeben können und diese einbeziehen müssen, ergibt sich schon aus der Bedeutung dieser Partei und aus dem Umstand, daß wir nur durch aktive Mitarbeit (nebenbei auch gestützt auf finanzielle Interessierung) eine starke staatliche Mitverpflichtung der NSDAP erreichen können, die uns auch den Versuch gestattet, die allzu radikale Strömung innerhalb der NSDAP in etwa abzubiegen.“

Auch beim traditionell der DNVP eng verbündeten Reichslandbund konnten die Nazis nach Harzburg eindringen: Im Dezember 1931 wurde das NSDAP-Mitglied Werner Willikens zu einem der vier Präsidenten des großagrarischen Interessenverbands ernannt. Bei der Reichspräsidentenwahl unterstützten die hier organisierten Junker nicht den ostpreußischen Gutsbesitzer von Hindenburg, sondern Hitler!

Harzburg war, vor diesem Hintergrund gesehen, weniger Anfangspunkt für das Bündnis zwischen der braunen Bewegung und der bürgerlichen Rechten, sondern mehr Wendepunkt: Hitlers primadonnenhaftes Auftreten dokumentierte die veränderten Machtverhältnisse innerhalb der Front. Der Führer der „nationalen Bewegung“ war schon in Harzburg nicht mehr Hugenberg, sondern Hitler.

Hugenberg hat nach 1945 immer wieder betont, er sei von dieser Zeit an zum eigentlichen Gegenspieler Hitlers geworden. Nach Harzburg sei zunächst hinter den Kulissen, dann öffentlich „Krieg zwischen Deutschnationalen und Nationalsozialisten“ ausgebrochen. Tatsächlich gab es 1932 statt gemeinsamer Aktionen heftige Auseinandersetzungen zwischen den Verbündeten. So hatte man sich nicht auf einen gemeinsamen Kandidaten für die Reichspräsidentenwahl einigen können, wie es ursprünglich zumindest Hugenberg angestrebt hatte. Statt dessen stiegen gleich zwei „Harzburger“ im ersten Wahlgang gegen Hindenburg in den Ring: neben Hitler der zweite Bundesvorsitzende des Stahlhelm, Theodor Duesterberg. Auch auf eine gemeinsame Linie gegenüber der Politik von Brünings Nachfolger Franz von Papen und seinem reaktionären „Kabinett der Barone“ konnte sich die „Nationale Opposition“ nicht verständigen.

Der Sturz Brunings am 30. Mai 1932 war nicht zuletzt ein später Sieg der Harzburger Front und der psychologischen Wirkung, die dieses Bündnis auf die politische Schlüsselfigur der späten Weimarer Jahre, den Reichspräsidenten, ausgeübt hatte. Hindenburg verstand sich stets als Exponent der traditionellen Rechten, deren Kandidat er bei seiner ersten Wahl zum Reichspräsidenten im Jahr 1925 gewesen war. Es bereitete ihm tiefes Unbehagen, daß sich der Aufmarsch der vereinigten Rechten in Harzburg gegen „seinen“ Kanzler gerichtet hatte, zumal ihn parallel zur Tagung zahllose „alte Freunde“ aus konservativen Kreisen in einer alldeutsch-deutschnational gesteuerten Briefaktion bestürmt hatten, Brüning fallenzulassen.

Beunruhigt war Hindenburg noch mehr, als die um den konservativen Teil der Harzburger Front gruppierten Interessenverbände von Industrie und Landwirtschaft ebenfalls den Kopf des Kanzlers verlangten. Brünings Sturz war schließlich besiegelt, als er es nicht vermochte, die traditionellen Rechten, DNVP und Stahlhelm, dazu zu bringen, Hindenburg bei seiner erneuten Kandidatur um das Reichspräsidentenamt zu unterstützen.

Für den Generalfeldmarschall war es eine kaum zu verwindende Demütigung, daß ihm, dem Ehrenmitglied des Stahlhelm, Duesterberg als Kandidat der alten Frontkämpfer und ihrer deutschnationalen Freunde entgegentrat. Dafür, daß Brüning ihm mit Hilfe der SPD, die, um Hitler zu verhindern, das „kleinere Übel“ Hindenburg unterstützte, seine Wiederwahl gesichert hatte, dankte ihm der alte Mann mit der Entlassung.

Wenn die Harzburger nach Brünings Sturz nicht unmittelbar an die Macht kamen, so wohl tatsächlich aus persönlicher Abneigung Hindenburgs gegen Hugenberg und Hitler. Die Vorliebe des Feldmarschalls für den „Herrenreiter“ von Papen konnte sich auswirken, weil ihm die unter Brüning begonnene Überdehnung seiner verfassungsmäßigen Rechte eine derart starke Stellung beschert hatte, daß Kabinettsbildungen nun im Stile höfischer Intrigenspiele abliefen. Aber es hatte wiederum auch damit zu tun, daß die Harzburger Front keinen gemeinsamen Kanzlerkandidaten präsentieren konnte. Nicht nur Hitler, sondern auch Hugenberg hoffte bis weit ins Jahr 1932 hinein, daß der Reichspräsident ihn zum Kanzler berufen würde.

Gleichwohl war es Hugenberg, der sich dennoch immer wieder um die Nazis bemühte. Ende Januar 1932 etwa berichtete er Hitler: „Es ist nach meinem Eindrucke vielleicht in Kürze möglich, das in Harzburg aufgestellte gemeinsame Ziel des Ersatzes der bisherigen Regierung durch eine wirkliche Rechtsregierung zu verwirklichen.“ Es waren auch die Deutschnationalen, die „mit meinem vollen Einverständnisse“, wie Hugenberg den Nazi-Führer wissen ließ, Hitler die Kandidatur zur Reichspräsidentenwahl überhaupt erst ermöglicht hatten.

Die deutschnational geführte Regierung in Braunschweig ernannte den österreichischen Staatsbürger Hitler zum Regierungsrat und löste damit für ihn das Einbürgerungsproblem. Dies geschah, obwohl die DNVP mit Duesterberg einen eigenen Kandidaten im ersten Wahlgang hatte. Im zweiten Wahlgang rief Hugenberg, nachdem der chancenlose Duesterberg verzichtet hatte, eben nicht dazu auf, Hindenburg zu wählen, sondern gab den Deutschnationalen die Abstimmung frei. Im Dezember 1932 schließlich, nachdem die NSDAP einen Monat vorher bei der Reichstagswahl erhebliche Verluste erlitten hatte, schlug Hugenberg Hitler erneut vor, darüber zu verhandeln, „ob die Einigkeit nicht wiederherzustellen“ sei.

Der Grund für Hugenbergs zwischen Widerspruch und Umarmung schwankende Taktik gegenüber Hitler lag keineswegs darin, wie er nach dem Krieg glauben machen wollte, daß er „Schlimmeres“ zu verhüten beabsichtigte. Es handelte sich schlicht um Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Parteipolitikern innerhalb eines Zweckbündnisses, das sich in einem Ziel einig war: die Weimarer Demokratie zu beseitigen. Hitler verfügte dabei über eine plebiszitäre Unterstützung, von der Hugenberg nur träumen konnte. Deshalb sah sich der sozialreaktionäre Geheimrat, dem jede charismatische Ausstrahlung fehlte und den Theodor Wolff im Berliner Tageblatt einen „Führer“ nannte, wie „ihn mißgünstige Menschen ihren schlimmsten Feinden gönnen“, immer wieder auf Hitler verwiesen.

Die nationalsozialistische Ideologie konnte Hugenberg dabei kaum schrecken: Ob Antiparlamentarismus, extremer Nationalismus, Agrarromantizismus, Militarismus oder selbst Antisemitismus, dies alles waren, wenn auch in zugespitzter Form, politische Versatzstücke, die von der bürgerlichen Rechten und den ihnen nahestehenden „nationalen Verbänden“ schon vor den Nazis propagiert worden waren.

So war es durchaus folgerichtig, daß Hugenberg auch den letzten Schritt tat, auf eigene Kanzlerambitionen verzichtete und Hitler die Hand zur Machtergreifung reichte. Als sich Hindenburg schließlich bereit fand, den Nazi-Führer am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler zu ernennen, „umrahmten“ ihn die wichtigsten Exponenten der Harzburger Front: Hugenberg als Wirtschafts- und Landwirtschaftsminister und Stahlhelmführer Franz Seldte als Arbeitsminister.

Hitler gelangte ans Ziel, nachdem sich alle Präsidiallösungen verbraucht hatten, die nicht mehr am Ideal der Weimarer Verfassungsväter, sondern an den autoritären Strukturen des Kaiserreichs orientiert waren. Die konservativen Machteliten – Reichswehr, Industrie und Landwirtschaft –, die sich mit der Republik seit ihren Anfängen ohnehin nur zähneknirschend arrangiert, die demokratiefernen Präsidiallösungen gestützt und sich gleichzeitig in einem schleichenden Prozeß der braunen Bewegung angenähert hatten, suchten jetzt endgültig das Heil im Bündnis mit dem „Volkstribun“ Hitler und den von ihm geführten kleinbürgerlichen radikalisierten Massen.

Hitlers Anspruch auf die totale Führung duldete jedoch auf Dauer keine „Partner“. Einmal etabliert, fegte der Diktator auch diejenigen hinweg, die ihm zunächst in den Sattel geholfen hatten. So mußte Hugenberg schon wenige Monate nach der Machtergreifung Hitlers seinen Hut nehmen. Dennoch sah er auch dann noch keinen Grund, an Sinn und Zweck seiner verheerenden Bündnispolitik zu zweifeln. So schrieb er am 28. Januar 1934 an Hitler:

„Namentlich ist es mir ein Bedürfnis vor der Wiederkehr des 30. Januar noch einmal zum Ausdruck zu bringen, daß ich an all den, Gedanken und Zielen festhalte, die uns damals zusammengeführt haben. Zwischen damals und heute liegt unendlich viel. Die Gefahr der Herrschaft der Kommunisten und Minderwertigen, der tägliche Anblick der verwüstenden Tätigkeit der Sozialdemokratie und die Erkenntnis von der Notwendigkeit eines Sturzes des Zentrumturmes, wie ihn schon Bismarck ersehnt hat, standen Ihnen wie mir vor einem Jahre ausschlaggebend vor Augen. Ich muß Sie heute dazu beglückwünschen, daß Sie diese Mächte ausgeschaltet und ihnen, wie ich hoffe, die Mittel zur Wiedererstarkung genommen haben.“