Stellen Sie sich vor, die Menschen, Sie eingeschlossen, wären lediglich Gehirne in einem Tank mit Nährlösung, die alle ihre Wahrnehmungen über einen Computer als Simulation vermittelt bekommen. Sie glauben also nur, die gewohnte Außenwelt zu sehen oder sich mit einem Leib in ihr zu bewegen, sie glauben nur, mit anderen Menschen zu kommunizieren, aber sie sind in Wirklichkeit, ihres Körpers beraubt und reduziert auf das zentrale Nervensystem, also auf ihren neuronalen Computer, eingesperrt in eine völlig künstliche Realität. Könnten diese neuen platonischen Höhlenbewohner wissen, daß sie Gehirne in einem Tank sind, oder daß der Baum, den sie vor sich sehen, nur ein Simulakrum, nur eine Täuschung ist?

Nein, so behauptete der Philosoph Hilary Putnam in seinem Buch mit dem anspruchsvollen Titel "Vernunft, Wahrheit und Geschichte". Selbst wenn diese Gehirne sagen würden, sie seien Gehirne in einem Tank, oder sie sähen einen Baum, dann wäre dies nicht zutreffend, da sie gar nicht wissen, was es hieße, einen Baum zu sehen, eben weil sie ihn nicht "wirklich" sehen. Nur wenn diese Gehirne in der Lage wären, simulierte und echte Bäume zu vergleichen und zu unterscheiden, wäre dies möglich. Dann wären sie aber nicht mehr gefangen in einer perfekten Simulation. "Die Gehirne im Tank denken nicht an wirkliche Bäume, wenn sie Vor mir steht ein Baum denken, weil nichts vorhanden ist, vermöge dessen ihr Gedanke Baum tatsächlich Bäume repräsentiert Weil wir also logisch nicht in der Lage sind, die Welt zu denken, wie sie an sich und physikalisch ist, ist sowohl der Gedanke falsch, daß wir Gehirne in einem Tank sind, als auch der, daß mögliche Gehirne behaupten, sei seien es. Ganz überzeugend ist der hier stark verkürzte Gedankengang freilich nicht. In seiner durch Cyberspace aktuell gewordenen philosophischen Fabel geht es letztlich darum, ob Computer so denken und sich so auf die Welt beziehen können, wie wir dies tun oder zumindest dies zu tun glauben. Putnams Argument richtet sich vorwiegend gegen eine nur physikalistische Beschreibung kognitiver Leistungen und gegen letzte Reste des Denkens der Ähnlichkeit, die noch den wissenschaftlichen Realismus und den Funktionalismus bestimmt haben. Qualitative Ähnlichkeit zwischen den Gedanken von Gehirnen im Tank und den Gedanken einer Person in der wirklichen Welt heiße eben nicht, daß beide auf dasselbe Bezug nehmen.

Putnam, neben Nelson Goodman und Willard Quine einer der bedeutendsten amerikanischen Philosophen, war in früheren Jahren Mitverfechter eben jenes Funktionalismus in der Philosophie des Geistes, den er jetzt in seinem neuen Buch "Repräsentation und Realität" kritisiert. In den einzelnen Kapiteln werden die Ansätze von Fodor, Chomsky, Searle, Tarski, Stich, Churchland und Lewis vorgestellt und in ihrem umfassenden Anspruch dekonstruiert. Funktionalismus heißt, daß unser Geist nicht letztlich auf Zustände der Hardware, also der Neuronen zu reduzieren ist, sondern daß mentale Zustände wie glauben oder wissen, daß vor mir ein Baum steht, beispielsweise durch "kalkülmäßige Zustände", also durch Rechenvorgänge wie bei einem Computer, bestimmt sind. Solche kalkülmäßigen Zustände wären die Elemente einer universalen Grundsprache — "Mentalesisch" — für alk möglichen Wesen, die behaupten, daß vor ihnen ein Baum stehe. Hätte man diese Grundsprache entdeckt, so ließen sich alle Sprachen, gleich ob von Menschen, Computern, Robotern oder körperlosen Geistern, problemlos ineinander übersetzen.

Gegenüber dem Physikalismus und Hand in Hand mit den Forschungen zur künstlichen Intelligenz vertritt also der Funktionalismus die Meinung, das kognitive Leistungen nicht an unsere biologische Hardware gebunden ist. Am Einspruch des Funktionalismus gegenüber dem Physikalismus hält Putnam zwar weiterhin fest, doch will er zeigen, daß auch der funktionalistische Ansatz zu keiner umfassenden Theorie des Geistes führt. Man kann, wie vorher geschildert, im gleichen Zustand sein, aber auch gleiche Worte gebrauchen, ohne sich auf dasselbe zu beziehen, und man kann sich auf dasselbe beziehen, ohne im gleichen Zustand zu sein oder gleiche Worte zu gebrauchen. Ohne eine universale Theorie der Bezugnahme läßt sich Bedeutung nicht definieren. Erst mit einer solchen Theorie ließen sich alle Sprachen ineinander und unabhängig von zeitoder kulturabhängigen Kontexten übersetzen. Dennoch scheitert diese universale Sprache am Problem der Quantität: "Die Aufgabe, einen Überblick zu geben über alle Zustände, in denen sich ein einzelner Mensch befinden könnte, während er glaubt, daß vor ihm ein Baum steht, ist nicht weniger grenzenlos als die Aufgabe, einen Überblick über alle menschlichen Kulturen und über alle Weisen der Überzeugungsfestlegung zu gewinnen "

Putnam widerspricht dem Glauben, nach dem es möglich wäre, über bestimmte Expertenprogramme hinaus ein den kognitiven Leistungen des Menschen entsprechendes Computerprogramm zu realisieren, weil man nicht alle formalisieren, das heißt in Rechenprozessen auflösen kann. Mit Bezugnahme auf Gödels Beweis der Unvollständigkeit jedes formellen Systems will Putnam zeigen, daß es zum Wesen der Vernunft gehört, alles Formalisierbare übersteigen zu können. Damit kommt die klassische Unterscheidung zwischen Verstand und Vernunft wieder zur Geltung, die gerade von der Wissenschaftsphilosophie eingeebnet wurde.

Putnam will nicht der Spekulation die Tore öffnen, aber doch durch seine immanente Kritik auf die groben Vereinfachungen einer wissenschaftsorientierten Theorie des Geistes hinweisen. Mit seinen Untersuchungen will Putnam eine erkenntnistheoretische Philosophie vorstellen, die weder den Reduktionen des wissenschaftlichen Realismus noch der relativistischen Verleugnung jeder Objektivität anheimfällt "Interner oder pragmatischer Realismus" ist die Perspektive, von der aus er die Relation zwischen Repräsentation und Bezugnahme, zwischen Erkenntnis und Ontologie oder zwischen rationaler Rechtfertigung und Wahrheit von Aussagen zu bestimmen sucht. Bedeutung und damit Wahrheit von Repräsentationen beruhen immer auch auf Interpretation. Wissen, was beispielsweise Wörter in einer Sprache bedeuten, kann man nur, wenn man angeben kann, worauf sie sich beziehen. Und das heißt für Putnam, daß man weiß, wie sie in einer Theorie oder in einer Kultur gebraucht werden.

Man kann einander nur verstehen, wenn man die Bedeutung von Worten nachsichtig behandelt und sie in einen Kontext von Erwartungen und Vorannahmen stellt. Was also dem gesunden Menschenverstand von vornherein plausibel erscheint, muß philosophisch erst gegen den Sog einer Wissenschaftlichkeit herausgestellt werden, die glaubt, daß alles formalisierbar ist.