Andrea Breth inszeniert an der Schaubühne Arthur Schnitzlers Drama "Der einsame Weg" Leander Haußmann bemüht sich beim "steirischen herbst" um ein neues Stück von Botho Strauß: "Angelas Kleider"

Von Benjamin Henrichs

Im Anfang ist die Finsternis. Dann leuchtet ein Streichholz auf, und der Zuschauer sieht in das Gesicht einer jungen Frau. Riesige Augen, ein Schreckensblick in die Ferne. Die eine Hand des Mädchens führt das Streichholz ganz nah ans Gesicht heran, die andere Hand nimmt eine Locke – und plötzlich, eine Sekunde lang, brennt das Haar und brennt das Kind. Und im selben Moment wird es Licht auf der Bühne.

So beginnt in der Berliner Schaubühne der erste wahrhaft denkwürdige Theaterabend der neuen Saison: Andrea Breths Inszenierung von Arthur Schnitzlers Drama "Der einsame Weg". Das Mädchen, das mit den Schwefelhölzern spielt, heißt Johanna Wegrat, die Schauspielerin ist Imogen Kogge. Mit einem kurzen Feuerzauber beginnt Johannas Passion, mit einem Wasserzauber wird sie vier Stunden später enden.

Johanna Wegrat ist eine kleine Prophetin, eine innige Vertraute des Todes. Wenn das Stück beginnt, beginnt gerade das Sterben ihrer Mutter, der Professorengattin Gabriele Wegrat. Johannas Geliebter oder auch Nicht-Geliebter, Herr Stephan von Sala, Schriftsteller, ist zum Tode durch Krankheit verurteilt. Und also geht auch Johanna Wegrat heroisch ihren einsamen Weg, fort von den Menschen, hinab in den Tod. Sie hat ihre Rolle gefunden und stolz auf sich genommen – eine Todesgefährtin will sie ihrem Dichter sein (wie Henriette Vogel dem Heinrich von Kleist), ein tapferer Todesengel, eine heilige Johanna der Friedhöfe. Man könnte beinahe lachen über ihren geballten Jammer, wenn einem nicht ihr ungeheuerlicher Ernst die Kehle verschnürte.

Imogen Kogge spielt einen Menschen, dem das Leben schon in Jugendjahren abhanden gekommen ist; über den die totale Seelenfinsternis gefallen ist. Vom Kummer gekrümmt, vor Schrecken starr, vom Entsetzen bewohnt. Als habe das junge Fräulein aus gutem Hause schon als Kind das Haupt der Medusa oder das brennende Sodom gesehen – oder von beidem gelesen und darüber den Verstand verloren.

Selten im Theater der letzten Jahre hat man eine Schauspielerin gesehen, die so gefangen war im Würgegriff einer Figur. Oder auch umgekehrt: eine Figur, die so gewaltsam in Besitz genommen wurde von einer Schauspielerin. Wobei Imogen Kogge das wunderbare Kunststück gelingt, nicht nur das Hochpathetisch-Stilisierte eines solchen Unglücksmenschen zu zeigen, sondern manchmal auch das backfischhaft Schwere und Plumpe. Der schöne Todesengel ist dann auch ein rechter Trauerkloß.