Die Doping Dokumente der Brigitte Berendonk, vom Heidelberger Springer Verlag erst kürzlich herausgebracht, lösten schon beim Erscheinen für ein Sachbuch ungewöhnliche Turbulenzen aus. So schlachtete die Presse viele Namen und Fakten aus, Betroffene wiederum haben gegen den (auf Wissenschaft spezialisierten) Springer Verlag eine einstweilige Verfügung erwirkt, mit der die Auslieferung des Buches zunächst gestoppt wurde.

Die Heftigkeit der Kontroverse hat einerseits zu tun mit dem Thema, an das sich die frühere Leistungssportlerm und heutige Studienrätin gewagt hat, andererseits auch mit dem Zeitpunkt der Veröffentlichung: Es handelt sich um die nach der Vereinigung Deutschlands bekanntgewordenen unglaublichen Praktiken von Sportärzten, Wissenschaftlern und Funktionären der ehemaligen DDR, die mit Hilfe von Hormonen, den sogenannten anabolen Wirkstoffen, wahllos Sportlern und der untergegangenen Deutschen Demokratischen Republik die ersehnte Weltgeltung verschaffen wollten.

Brigitte Berendonk lüftet dabei Geheimnisse, die eigentlich keine waren. Denn fast jeder fachlich Interessierte wußte es, und vielen Leistungssportlern, vornehmlich aber den Sportlerinnen, konnte man es an ihren Muskelpaketen und an der Sportakne ansehen, wem sie die allseits so bewunderten Höchstleistungen auf deutschen und internationalen Kampfbahnen in Wirklichkeit verdankten: der Trainingshilfe aus der volkseigenen Chemieproduktion. Steroidhormone wie muskelaufbauende Anabolika, männliche Keimdrüsenhormone und sogar Neuropeptide wie Oxitozin oder Vasopressin hielten die volkseigenen Pharmafabriken bereit. Ehrgeizige Wissenschaftler von den Universitäten und der Akademie der Wissenschaften haben mit Kindern und Jugendlichen, von der staatlichen Sportorganisation rekrutiert, regelrechte Menschenversuche vorgenommen. Um die beträchtlichen Nebenwirkungen der Hormone, von der Steroidakne bis zu Lebergeschwulsten und der tiefen Stimme junger Mädchen, kümmerten sich die willigen Kumpane des Systems höchstens insofern, als damit ihre Dopingaktivitäten auffliegen könnten. Es kam ja vor allem auf den Sieg an.

Säuberlich und korrekt haben sie die Ergebnisse ihrer Versuche, Medikamentendosis und die damit erzielten Resultate der sportlichen Leistungsverbesserüng, aufgezeichnet. Sogar Doktorarbeiten und Habilitationsschriften, um den begehrten Professorentitel zu erwerben, haben sie den ostdeutschen medizinischen Fakultäten vorgelegt. Keiner der Doktorväter hat sich gerührt. Natürlich auch nicht die Sportfunktionäre, es sei denn, ihre Sportler fielen bei den gelegentlich außerhalb der DDR stattfindenden Dopingkontrollen einmal auf. Dann wurde alles abgestritten, um beim nächsten Mal Urinkontrollen listig zu umgehen. Die Wissenschaftler haben auch Rat gewußt, wie die zehntägige Zeitspanne vom letzten Hormoncocktail bis zur möglichen Siegerehrung am Sporttag, durch eine nicht so leicht nachweisbare zwischenzeitliche Testosterongabe, überbrückt werden kann.

All das hat Brigitte Berendonk, mit der fachlichen Unterstützung ihres Mannes, des Biologieprofessors Werner F. Franke von der Universität Heidelberg, akribisch aufgezeichnet. Werner Franke hat die Recherchen seiner Frau erleichtern können, weil er als Mitglied des Wissenschaftsrates mit der Abwicklung der ostdeutschen Akademie der Wissenschaften Zugang zu bislang unbekannten Archiven hatte, in denen er die belastenden Versuchsprotokolle aufstöbern konnte.

Die beiden werden sich noch lange auf Angriffe einstellen müssen, die unter dem Motto der Nestbeschmutzung lanciert werden. Die Vorwürfe werden um so heftiger sein, als Brigitte Berendonk sich nicht nur beim ostdeutschen Doping aufhält, sondern auch die stille langjährige Komplizenschaft der westdeutschen mit den ostdeutschen Sportfunktionären beschreibt.

Die chemische Präparation von Sportlern ist kein ostdeutsches Phänomen, über das sich so trefflich und mit einem Hauch von Heuchelei streiten läßt. Wir alle, nicht nur die Sportfunktionäre und die eilfertig dienenden Ärzte, sind schuld an der blinden Medaillensucht, zu der Leistungssport überall zu verkommen droht. Wir applaudieren der in Zentimeter und Sekunden gemessenen Leistung der Athleten, die wir im Fernsehsessel bewundern. Wir vergessen, daß Moral im Sport, aber nicht nur dort, in Zentimetern nicht zu messen ist.

So geht das Buch von Brigitte Berendonk uns alle an. Unsere Zustimmung für ihren Bericht "Von der Forschung bis zum Betrug" — so der Untertitel — sollte nicht darunter leiden, daß die Autorin sich in ihrem aufrechten Zorn gelegentlich in der Formulierung etwas vergreift. Provokant geschrieben müßte ihr Buch gar nicht sein. Nachdenklich macht es auch so.

Brigitte Berendonk:

Doping Dokumente Springer Verlag, Berlin 1991; 492 S, 39 80 DM