An diesem Abend trafen wir eine Entscheidung: Morgen, am 14. Oktober, fliehen wir.“ Zwei lapidare Sätze aus dem Tagebuch des sowjetischen Offiziers Alexander Pechersky. Sie dokumentieren das Signal für einen Aufstand im KZ Sobibor, einen der wenigen Aufstände, die es in nationalsozialistischen Vernichtungslagern gab. Ein großer Teil der insgesamt 600 Häftlinge in Sobibor konnte dabei entkommen.

In seinem Standardwerk „Die Vernichtung der europäischen Juden“ hat Raul Hilberg diesem bemerkenswerten Ereignis im Oktober des Jahres 1943 gerade mal eine Seite gewidmet, und bis in die Gegenwart hinein ist der Widerstand in den Vernichtungsfabriken, die fern vom Deutschen Reich im östlichen Polen eingerichtet wurden, auch von anderen Historikern kaum gewürdigt worden. Daß Widerstand die Ausnahme und nicht die Regel war, ist kaum verwunderlich angesichts der Perfektion, mit der die „Endlösung“ betrieben wurde. Um so wichtiger erscheint es deshalb, an den Widerstand zu erinnern, der trotzdem und unter nahezu aussichtslosen Bedingungen gewagt wurde.

Die holländische Dokumentarfilmerin Lily van den Bergh hat sich Ende der achtziger Jahre zusammen mit dem sowjetischen Regisseur Pavel Kogan von den Leningrader Filmstudios auf die Suche nach den Überlebenden des Sobibor-Aufstandes gemacht. Dabei konnte sie auf die Hilfe von Jules Schelvis zurückgreifen, der jahrzehntelang über Sobibor recherchiert und Kontakt mit den ehemaligen Gefangenen des Lagers aufgenommen hatte, die heute über den Erdball verstreut in Brasilien, Australien, den USA, der Sowjetunion, den Niederlanden und in Israel leben.

Einer von ihnen ist Stanislaw Szmajzner. Er lebte bis zu seinem Tod kurz vor Fertigstellung des Films 1989 in der kleinen Stadt Goiania in Brasilien, einem Land, in dem viele noch immer organisierte Nazis unbehelligt von der Polizei ihren Lebensabend verbringen. 1978 sah Szmajzner in den Fernsehnachrichten die Festnahme seines Peinigers aus Sobibor, Gustav Wagner, der die Gaskammern und die Unterkünfte der „Arbeitsjuden“ beaufsichtigt hatte. Er fuhr ins 900 Kilometer entfernte São Paulo, um für die Identifizierung Wagners zur Verfügung zu stehen. Von der Begegnung des Opfers mit dem Täter existiert ein Video, auf dem Szmajzner Wagner eine Zigarette anbietet mit den Worten: „Nimm eine Zigarette und denk an Sobibor. Hast du jemals darüber nachgedacht, was das für mich bedeutet? Oder hast du nicht den Mut, die Wahrheit zu sagen über das, was du getan hast?“

Die brasilianische Regierung lehnte alle Auslieferungsbegehren ab. Sie entließ Wagner nach einem Jahr aus dem Gefängnis. Kurze Zeit später starb er, nach Angaben der Behörden durch Selbstmord. Szmajzner bezweifelt jedoch die offizielle Version. In dem Film deutet er an, daß Wagner von einer Gruppe jüdischer Rächer getötet wurde.

Stanislaw Szmajzner war fast noch ein Kind, als die Juden seiner Heimatstadt Pulaw ins Oppelner Ghetto gesperrt wurden, von dem jede Nacht Transporte in Richtung Osten abgingen. Seine Fähigkeiten als Goldschmied retteten dem Fünfzehnjährigen das Leben. Nach Auflösung des Ghettos kam er mit dem letzten Transport nach Sobibor, wo er der Selektion für die Gaskammer entging, weil sich die SS-Männer von dem jungen Goldschmied aus dem Zahngold getöteter Juden Schmuck für ihre Frauen herstellen ließen.

Drei Tage nach seiner Ankunft erreichte ihn auf verschlungenen Wegen der Brief eines Freundes: „Sprich das Kaddisch für deine Familie.“ Das Kaddisch – Gebet der Söhne bei der Bestattung der Eltern. „Von diesem Moment an“, sagte Stanislaw Szmajzner, „war ich kein Kind mehr. Ich wurde sehr stark. In einer Nacht wurde ich erwachsen.“