Das Wort von der politischen Intervention ist abgenutzt, gewiß. Aber ich meine damit zunächst nicht, daß nun erneut das Besteck der Krisenintervention von EG, WEU, KSZE und vielleicht der Nato gemustert wird. Es geht vielmehr um die Klärung der politischen Kräfte, die Europa eigentlich hat. Ist es so ohnmächtig, daß es nur die Makelei der streitenden Interessen, die Beobachterdelegationen und wirtschaftlichen Druck anzubieten hat? Ist die schematische Abfolge von Waffenstillstand und Verhandlung das einzige, was die politische Phantasie zustande bringt? Dieses Europa hat doch mehr als die zögerliche Routine seiner Außenminister! Es ist doch auch das Europa der Bürgerrechtsbewegungen, des SOS-Racisme, der Charta 70, der Abrüstungsbewegungen. Sie sollen hier nicht auf die Straße gerufen werden – wiewohl es helfen würde, wenn sie auf der Straße wären. Dieses Europa des demokratischen Engagements ist vor allem eine politische Realität, und es hat Erfahrungen, die jetzt aufgerufen sind. Es ist Zeit, daß die europäischen Politiker ihre Aporie begreifen und jene Erfahrungen aufnehmen; es ist Zeit, daß sie von den Bürgerrechtsbewegungen lernen.

Es war falsch, den Waffenstillstand zur Voraussetzung von Verhandlungen zu machen. Der Gedanke einer Intervention wurde immer dadurch ad absurdum geführt, weil suggeriert wurde, es gelte hic et nunc alle Heckenschützen zum Frieden zu bekehren. Solcherlei Interventionsideen laufen in der Tat auf die Besetzung des Landes hinaus. Es ging und geht vielmehr darum, vor allem die jugoslawische Bundesarmee unter die politische Kontrolle zu bekommen. Erst wenn der Luftwaffe und der Marine unübersehbar die Risiken einer militärischen Intervention deutlich gemacht werden, wenn sie weiter die Städte bombardieren und beschießen, dann erst ist überhaupt ein Frieden im Bürgerkriegsland vorstellbar.

Der erste Schritt wären keineswegs die vagen Drohungen mit intervenierenden Friedenscorps – sondern die Präsenz der Verhandler vor Ort. Warum tagen die Außenminister nicht längst in Zagreb, warum fordern sie nicht, in Belgrad zu tagen? Eben dies könnten die europäischen Politiker vom Europa der demokratischen Bewegungen lernen. Nicht in Den Haag, sondern an Ort und Stelle wird die Option der Verhandlung wirklich.

Erst wenn die europäische Politik anwesend ist, werden die demokratischen Kräfte in Serbien und Kroatien Adressaten haben. Die Bürgerkriegsparteien sind keineswegs monolithisch. Nicht nur die Eltern protestieren gegen den Krieg der Söhne, auch die Söhne desertieren in einem Maße, daß jetzt die Todesstrafe angedroht werden muß. Diese Kräfte müssen ermutigt, stabilisiert, anerkannt werden. Politische Intervention muß da beginnen, und zwar spätestens dann, wenn der politische Druck auf die Staatsmänner offenkundig versagt.