An manchen Orten ist die Verbindung mit der Welt lockerer geknüpft als an anderen. Für den jungen Philologen aus Madrid ist Oxford so ein Ort. Hier seien, so wird ihm erklärt, die erotischen Phantasien das einzig Wichtige. Diese Behauptung wäre allerdings wenig originell, gäbe es nicht das ganze Oxforder Aufgebot an wallenden Talaren, Forschungseifer und erhabenem Getue, das dadurch zum Maskenspiel degradiert wird.

Zwei Jahre, 1984 bis 1985, verbrachte der heute vierzigjährige Spanier Javier Marias als Lektor für die Literatur seines Landes in Oxford. Die Erfahrungen dieses Aufenthalts sind der Stoff seines Romans "Alle Seelen oder Die Irren von Oxford", dessen Ich Erzähler dort in gleicher Funktion am All Souls College tätig war und nun in Madrid, inzwischen verheiratet und Vater, seine merkwürdigen Eindrücke aufs Papier bringt. Es ist die "Geschichte einer Verstörung", wenn auch einer leichten, völlig undramatischen, wahrgenommen von einem, der sicher ist, schadlos davonzukommen — eine folgenlose Geschichte. Beziehungslos hebt sich der Aufenthalt in dem "wie in Sirup konservierten Ort" von der Kontinuität seiner Biographie ab. Der Roman vermittelt sehr genau die Haltung des Autors, der, wie er weiß, in seinem Leben "nichts darzustellen" vermag. Mit unbewegtem Interesse, mit indifferenter Aufmerksamkeit faßt er die — in seinen Augen — "toten Seelen", die dort wandeln, in den Blick.

Genauso ist der Eindruck, den die Lektüre hinterläßt: Man hat mal amüsiert, mal nachdenklich diese sonderbare Welt durchstreift, doch nach dem Schlußpunkt ist die Szenerie des Romans vieder so stillgestellt wie die Landschaft in jenen Ideinen Schneekugeln, in denen sich keine Flocke mehr rührt, sobald man sie aus der Hand legt. Das soll nicht heißen, Marias sei kein gewandter, intelligenter Erzähler. Daß er das ist, steht von der ersten Seite an außer Zweifel. Spielerisch durchmißt er sein Feld, wechselt mühelos zwischen Beobachtungen und Reflexionen, vom Physiognomischen zur angedeuteten Metaphorik. Marias verleiht ebenso imposanten wie skurrilen Figuren Kontur, läßt sie in ihren Zeremonien auftreten und hinter der Fassade ihrer Haltung untergehen. Auch wenn manchmal die Beschreibungen zu lang und die Überlegungen zu kurz geraten — Marias verfügt über die Mittel, sich die Aufmerksamkeit seiner Leser zu sichern. Und das, obwohl cie erdrückende Atmosphäre, die er bei den "totsn Seelen von Oxford" aufgespürt hat, ihren Tribut fordert. Ein wenig ähnelt diese Erinnerung einer kunstvollen Aufbahrung. Doch da das Verhältnis zu dem Dahingeschiedenen nie besonders eng war, bleibt nach dem Zusammenklappen von Euch und Friedhofstür nicht viel zu sagen übrig. Außer daß dieser Autor, von dem in Spanien bereits mehrere Romane vorliegen, durchaus der Rede wert ist. Eberhard Falcke Javier Marias:

Alle Seelen oder Die Irren von Oxford Roman; aus dem Spanischen von Elke Wehr; Piper, München 1991; 276 S, 38 - DM