Im Jahr 1944 hat Ernst Cassirer als Siebzigjähriger im amerikanischen Exil sein letztes Buch veröffentlicht: "An Essay on Man" oder "Versuch über den Menschen", wie der deutsche Titel nun heißt. Der Originaltitel spielt auf das gleichnamige Briefgedicht des Engländers Alexander Pope von 173334 an. Dort findet sich der berühmte Satz: The proper study of mankind is man. Pope selber, der Verehrer Newtons, findet im "Essay" keine Erwähnung, weil Cassirer davon ausgehen konnte, daß seine Leser die entsprechenden Zusammenhänge kannten.

Die Frage nach Zusammenhängen macht aber gerade Cassirers Spätwerk interessant und verleiht der vorgelegten — übrigens seit 1960 zweiten — deutschen Übersetzung eine besondere Bedeutung. Es geht dabei zunächst um den Zusammenhang des außerordentlich facettenreichen Werkes eines der wichtigsten deutschen Philosophen dieses Jahrhunderts. Der in Marburg bei Cohen und Natorp ausgebildete Neukantianer Cassirer, der von 1919 bis 1933 in Hamburg lehrte, gilt nicht nur als bedeutender Erkenntnis- und Wissenschaftstheoretiker und als ausgezeichneter Kenner der neueren Naturwissenschaften, er hat auch als Philosophiehistoriker und als Kulturphilosoph Vorzügliches geleistet.

Seine gründliche Beschäftigung mit den unterschiedlichsten Einzelwissenschaften öffnet den Blick für einen anderen und weiteren Wissenschaftsbegriff, der Natur- und Geisteswissenschaften auf originelle Weise verknüpft. Die Diskussionen und Auseinandersetzungen, die in den zwanziger Jahren zwischen den unterschiedlichsten Einzelwissenschaften und der Philosophie sowie ihren verschiedenen Strömungen hin und her gingen, werden so wieder lebendig. Dieser Grenzen überschreitende, allgemeinere Diskussionszusammenhang wurde durch die katastrophalen Auswirkungen des Nationalsozialismus bis zur Unkenntlichkeit beschädigt. Das antifaschistische Gegenangebot eines fundamentalistischen, marxistisch leninistischen Sozialismus konnte diesen Schaden nicht beheben.

Als fast Sechzigjähriger mußte Cassirer Deutschland verlassen. Zwar war er als renommierter Gelehrter ein gerngesehener Gast an europäischen Universitäten und konnte 193334 in Oxford, 1935 bis 1941 in Göteborg eine wirksame Lehrtätigkeit entfalten. Dennoch war er zwischen 1933 und 1941 als jüdischer Emigrant auf Reisen in ganz Europa größten Gefahren ausgesetzt. Im Dezember 1936 war Cassirer zum letztenmal in Berlin, wo er zwischen 1906 und 1919 als Privatdozent gelehrt und viele Arbeiten veröffentlicht hatte. Im Dezember 1937, wenige Monate vor dem Einmarsch der deutschen Truppen, hatte er noch einmal — über Prag — Wien besucht. Im Frühsommer 1941 verließ Cassirer Schweden, um an der Yale University in New Haven eine Professur anzunehmen. 1944 begann er seine letzte Lehrtätigkeit an der Columbia University in New York, wo er am 13. April 1945 starb.

Bei diesem bewegten Emigrantenleben ist die große literarische Produktivität um so erstaunlicher: 1936 in Göteborg ein Buch zur QuantenTtheorie "Determinismus und Indeterminismus in der modernen Physik", 1939 in Stockholm ein Descartes Buch und in Göteborg eine umfangreiche Studie, in welcher die naturalistische Ethik einer grundlegenden Kritik unterzogen wird; 1942, noch in Göteborg, die Publikation von fünf Studien "Zur Logik der Kulturwissenschaften". Dazu kommen zahlreiche große Aufsätze, sei es über die Ursprünge der antiken philosophischen Weltsicht; über die wissenschaftsgeschichtliche Stellung Galileis, über die naturalistische und humanistische Begründung der Kulturphilosophie oder über die "mathematische Gruppentheorie". Zudem fördert Cassirer den Abschluß des vierten Bandes seines 1906 begonnenen Projekts "Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit", dessen dritter Band 1920 vorlag. Der vierte Band, 1950 postum in englischer Übersetzung, 1957 im deutschen Original erschienen, umfaßt den Zeitraum "Von Hegels Tod bis zur Gegenwart", das heißt bis 1932. Seine Gliederung orientiert sich nicht mehr an der Aufeinanderfolge philosophischer Schulen, sondern thematisiert drei große wissenschaftliche Problembereiche: die Mathematik und theoretische Physik, die Biologie und die Geschichtswissenschaften. Den "Essay" muß man auch im Blick auf diese letzte Arbeit lesen.

Wie Cassirer selber im Vorwort des Buches mitteilt, ist dieses Werk durch die Bitte seiner amerikanischen Freunde veranlaßt, seine dreibändige "Philosophie der symbolischen Formen" (von 19232529) ins Englische zu übersetzen. Cassirer zog es aber vor, in einem überschaubaren Buch ein neues Licht auf seine Konzeption im ganzen zu werfen — gleichsam eine Bilanzierung zu versuchen. Das Grundproblem Cassirers im "Essay" ist die Frage nach der abschließenden Würdigung der symbolischen Formen. Mit Problemen dieser Art hatte er sich schon vor dem Erscheinen des dritten und letzten Bandes seiner "Philosophie der symbolischen Formen" herumgeschlagen. Bereits 1928 erarbeitete er einen umfangreichen Text unter dem vorläufigen, eher ironischen Titel "Zur Metaphysik der symbolischen Formen", der zu einem vierten Band dieses Werkes hätte werden sollen. Eine befriedigende Lösung fand Cassirer nicht. Wer die Texte in der Beinecke Rare Book Library an der Yale University einsieht, wo 220 Umschläge Cassirerscher Manuskripte und Typoskripte aufbewahrt werden, wird sich überzeugen können, daß Cassirer zu Recht mit der Veröffentlichung zögerte.

Unter "symbolischen Formen" versteht Cassirer menschliche Kulturleistungen oder Kulturbereiche, die von den jeweiligen Wirklichkeitsauffassungen und Verstehensweisen des Menschen geprägt sind, wie Sprache, Mythos, Religion, Kunst und Wissenschaft, später auch Technik und Wirtschaft. Symbolisch heißen diese Formen, weil nach Cassirer eine Wirklichkeit jenseits der menschlichen Deutung der Wirklichkeit nicht faßbar ist. Deshalb gibt es letztlich zwischen "Symbol" und "Gegenstand" für Cassirer keinen Unterschied. Der Mensch steht im Zentrum seiner Wirklichkeitsauffassung.

Das Neue im "Essay" ist, daß Cassirer den anthropologischen Bezug seiner Philosophie ausdrücklich macht. 1923 stand noch der Begriff der Kultur im Mittelpunkt. Der Neukantianer Cassirer forderte, die Kantische "Kritik der Vernunft" in eine "Kritik der Kultur" zu überführen. Kultur versteht sich dabei freilich als "Welt des Menschen". Selbst jene Wirklichkeit, die wir nicht im engeren Sinne als Kultur bezeichnen können, ist insofern zur Welt des Menschen, also zur Kultur zu rechnen, als sie immer eine vom Menschen verstandene oder aufgefaßte Welt ist. Das bedeutet: Welt oder Wirklichkeit sind nur in dem Maße erforschbar, als sie die Welt oder die Wirklichkeit des Menschen sind. Das setzt aber voraus, daß dem Menschen eine welterschließende Funktion zugebiüigt wird. Diese Funktion bringt Cassirer im Essay mit der Kennzeichnung des Menschen als eines animal symbolicum zum Ausdruck. Folgerichtig beschäftigt sich der erste Teil des "Essay" mit der Frage: "Was ist der Mensch?" Schon 1929, anläßlich des berühmten Zusammentreffens mit Heidegger bei den, Davoser Hochschultagen, hatte Cassirer die anthropologische Frage als das entscheidende Motiv menschlicher Selbst Besinnung bezeichnet und erklärt, daß jede Wirklichkeitsforschung in der Frage des Menschen nach sich selbst begründet ist und deshalb aus Krisen hervorgeht. Dennoch plädiert Cassirers "anthropologische Philosophie" gegen den Anthropologismtjis und den Anthropomorphismus: Es soll nicht von einem festgelegten Bild des Menschen ausgegangen werden; der Mensch hat nach Cassirer kein substantielles Wesen im Sinne der traditionellen Philosophie. Vielmehr wird er als eine Art Energie- und Funktionszentrum verstanden, das man nicht in einem Bild verdinglichen darf. Deshalb kann sich der Mensch auch nur im Spiegel seiner gesellschaftlichen Kulturleistungen erkennen. Umgekehrt ist das, was wir Kultur nennen, lediglich Funktion solcher Leistungen und sonst nichts. Wenn der Mensch von einem "Universum" spricht, so kann es sich dabei nur um ein "symbolisches Universum" handeln, in welchem er sich selbst begegnet, ohne sagen zu können, was er eigentlich ist.

Im zweiten Teil des "Essay" entfaltet Cassirer unter dem Titel "Mensch und Kultur" jene symbolischen Formen, die er schon in seinem Hauptwerk entwickelt hatte, freilich mit zwei Neuerungen: Er wählt eine andere Methode der Darstellung, und er fügt — neben der vertieften Ausarbeitung der "Kunst" — eine neue Form hinzu: die Geschichte als Wissen von der Geschichte. Die methodische Neuerung scheint ein Zugeständnis an den Leser zu sein. Cassirer verzichtet auf seine frühere Neukantische Systematik und orientiert sich noch mehr an Ergebnissen der neueren Human- und Sozialwissenschaften. Mit der Darstellung einer neuen symbolischen Form, der Geschichte, wird ein Grundproblem der Gesamtkonzeption sichtbar. Es geht um die Frage, in welchem Verhältnis die symbolischen Formen zueinander stehen. Handelt es sich um eine genetische Entwicklung und Ausdifferenzierung? Oder ergänzen sich die symbolischen Formen in gleichzeitigem Aufeinanderwirken wechselseitig?

Cassirer scheint beide Gesichtspunkte gleichermaßen in Anspruch zu nehmen. Vor allem aber stellt sich die Frage, ob es eine symbolische Form gibt, mit deren Hilfe man alle anderen symbolischen Formen umfassen und würdigen kann. Im strengen Sinne gibt es nach Cassirer eine solche Form offensichtlich nicht. Es ist gerade die Leistung des Menschen, sich in seiner Kultur als einem Inbegriff symbolischer Formen diejenige Umsicht und Distanz zu erarbeiten, die es ermöglicht, aus einer jeweiligen Situation heraus das symbolische Universum zu diskutieren.

Dennoch wird sich Cassirer mehr und mehr bewußt, daß er während seines ganzen Forscherlebens eine Methode verwandt hat, die er nie genügend hinterfragt hatte: die geschichtliche Erläuterung sachlicher Auffassungen. Der systematische Erkenntniskritiker und Wissenschaftstheoretiker Cassirer war stets auch ein Wissenschaftshistoriker, ja ein konkreter Kulturhistoriker, der Ideen immer in den Zusammenhang konkreter Lebensprozesse zu stellen suchte. Die spezielle Leistung und die besondere Gegenstandsauffassung dieses geschichtlichen Verfahrens wird nun als eine eigene symbolische Form, eben als die Geschichte, im Essay ausführlich präzisiert und selbst historisch entfaltet. Es scheint sich hier eine Annäherung an neuere hermeneutische Positionen anzubahnen, allerdings ohne die methodische Wissenichaftlichkeit abzuwerten. Im ganzen gilt aber: Die Übersicht über die symbolischen Formen, das leißt über die menschliche Kultur und damit über das menschliche Wirklichkeitsbild, kann nicht von einer letzten, sozusagen als endgültig fixierten einzelnen symbolischen Form her geleistet werden. Gegenüber der 1960 von Wilhelm Krampf im Kohlhammer Verlag besorgten Übersetzung unter dem Titel "Was ist der Mensch?" legt Reinhard Kaiser mit seinem "Versuch über den Menschen" einen stilistisch durchaus gelungenen Text vor, freilich nicht ohne manche sinnentstellende Fehler. Es beginnt bereits mit sachlichen Fehlinformationen auf dem Waschzettel zu Literaturangaben und Lebensdaten (Cassirer ist nicht in Princeton gestorben). Die häufige Übersetzung des englischen con"Konzept" ist eine störende Marotte. Das englische Wort stience darf bei Cassirer nicht ohne weiteres mit "Naturwissenschaft", die er normalerweise naMißverständnisse vermeiden. Englisch intelligihle (verständlich) mit "intelligibel" zu übersetzen, führt zu abenteuerlichen Fehldeutungen. Mind steht natürlich bei dem Neukantianer Cassirer für "Geist", nicht für "Verstand", wofür er underfür Cassirer natürlich der vielberufene, im 18. Jahrhundert entdeckte "historische Sinn", nicht der "Geschichtssinn"; Krampf hatte daraus freilich völlig verfehlt "Sinn der Geschichte" gemacht. Auch mit Cassirers Anmerkungen und ihren Literaturangaben geht der Übersetzer — kommentarlos — allzu freizügig um und verfälscht damit — sicherlich ungewollt — ein wissenschaftsgeschichtliches Dokument. Die Übersetzung von englischen Texten Cassirers ins Deutsche erfordert einen Blick und vielleicht etwas mehr als einen Blick in seine deutschen Publikationen und in den Nachlaß in Yale. Der "Essay" ist freilich von Anfang an in englischer Sprache konzipiert. Es gibt nur wenige kleinere deutschsprachige Entwürfe. Um so mehr müßte man sich dann bemühen, das Gesamtwerk des zu übersetzenden Autors mit seiner typischen originalen (deutschen) Terminologie, seinen Sprachgewohnheiten und seinen thematischen Schwerpunkten kennenzulernen, um eine Stütze für die (Rück )Übersetzung zu haben.

Was die Nutzung des Cassirer Nachlasses betrifft, so kann nur eine fundierte Rekonstruktion tatsächlicher und systematischer Zusammenhänge sinnvoll sein, die sich auch am publizierten Werk orientiert. Viele wichtige deutsche Werke Cassirers sind beispielsweise in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft makellos nachgedruckt. Ihre Lektüre könnte das für die Wissenschaft und für die Philosophie so wichtige Verständnis von Zusammenhängen entscheidend fördern und damit auch einem verbesserten kulturellen Selbstverständnis im ganzen dienen. Wer Cassirers "Versuch über den Menschen" authentisch kennenlernen will, muß immer noch den englischen Originaltext heranziehen.

Aus dem Englischen von Reinhard Kaiser; S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1990; 381 S , 48 - DM