Reihe sieben, Platz siebzehn von links im Berner Nationalratssaal: Hier sitzt gewöhnlich Heinz Allenspach, Direktor des Arbeitgeberverbandes, und wirft in stramm rechtem Reflex seine Hand bei Abstimmungen in die Luft. Heute hat ein blonder Jüngling seinen Platz eingenommen. Vorne auf dem Präsidentensessel hockt Sonja, sie will "ein bißchen moderieren". Greenpeace Aktivisten und Jungpolitikerinnen kichern und klatschen, wo sonst Abgeordnete allenfalls mit ihren Zeitungen rascheln. Einen Tag lang gehört das Schweizer Parlamentsgebäude mit defn rustikalen Charme des Neoklassizismus der Jugend. Ein paar Wochen zuvor gab es hier eine Sonderdebatte für Frauen, vor ein paar Monaten wurde ein Dürrenmatt Stück aufgeführt. Verstehen ausgerechnet die nüchternen Eidgenossen ihren Politpalast neuerdings als Bühne? Verkommt, wie Kritiker argwöhnen, der helvetische Politbetrieb zum Schauspiel? Hat in der Schweiz die politische Macht zwar noch eine Adresse — Bundeshaus, 3003 Bern —, aber kein Domizil mehr? Dem Schweizer und der Schweizerin, die dieser Tage aus den unzähligen Parteilisten und Politikernamen die ihnen zusagende Mischung für die Parlamentswahl am Wochenende zusammenstellen sollen, bereiten diese Fragen kein Kopfzerbrechen. Sie wissen längst, daß die Macht in ihrer Heimat nicht einfach zu orten ist. Statt in der politischen Berner Bannmeile zwischen Bundeshaus und "Bellevue Bar" vermuten sie sie ohnehin eher dort, wo sich die Zürcher Bahnhofstraße zum Paradeplatz ausbeult und die Gnome der Bank ihre Büros haben. Oder sie lokalisieren sie im malerischen Zähringerstädtchen Zofingen, wo der einflußreiche Ringier Verlag seine Klatsch- und Tratschpostillen vertreibt. Womöglich glauben sie sie auch am Hauptsitz des unbeugsamen Bauernverbandes aufgehoben. Bis sie sich schließlich erinnern, daß all dieses falsch ist: Denn die Macht im Land der Musterdemokraten ruht natürlich und jederzeit bei ihnen selbst, den Bürgern.

Haben die Schweizer nicht das Recht — auch wenn sie es mehrheitlich nicht wahrnehmen —, zu allem und jedem ihre Meinung zu sagen? Ob nun die Vierzigstunden Arbeitswoche eingeführt, die Armee abgeschafft, der Atomenergie entsagt oder den Vereinten Nationen beigetreten wird — immer haben die Bürger mit dem Stimmzettel das letzte Wort. In der Regel entscheiden sie sich, überwältigt von all dem vorgeschlagenen Neuen, dafür, daß alles beim alten bleibe. Reformen haben geringe Chancen, allenfalls reicht es für Reförmchen, "Reförmli", wie es hierzulande heißt. Alle paar Monate finden Abstimmungen auf Bundesebene, in den 26 Kantonen und den über 3000 Gemeinden statt. In kleineren Orten werden lokale Angelegenheiten meist im Wirtshaussaal des "Rössli" oder der "Eintracht" durch Handheben entschieden. Die Schaffhauser etwa befinden darüber, ob die Frauen zur Feuerwehr müssen, die Genfer, ob ihre Flughafenpiste zu verlängern sei, und in Kleinhünigen wird entschieden, ob chemische Mittel gegen Borkenkäfer einzusetzen seien. Ein bißchen ist es wie bei den Plastiken des Künstlers Jean Tinguely, auch er natürlich ein Helvet: Die Maschine spuckt und plätschert, quietscht und knirscht, doch Richtung und Ziel sind nicht zu erkennen. Ständig herrscht Bewegung — allein, der Mechanismus ist unergründlich.

Finden sich genügend Schweizer zusammen, können sie durch ihre Unterschriften eine Volksinitiative starten, damit über eine von ihnen vorgeschlagene Verfassungsänderung abgestimmt werde. Schlagen die Regierung, dieses kollektive Staatsoberhaupt mit sieben Köpfen namens Bundesrat, oder das Parlament eine Gesetzesnovelle vor, kann das Volk ebenfalls einen Urnengang erzwingen und darüber befinden. Kein Wunder also, daß in Bern oft so lange an neuen Rechtsnormen gebastelt wird und so viele Interessengruppen um Stellungnahmen gebeten werden, bis von dem ursprünglichen Vorhaben am Ende nur noch wenig übrigbleibt. Vernehmlassungsverfahren heißt eine recht undurchsichtige, zeitraubende Methode, um neue Gesetze "referendumsdicht" zu machen, also zu verhindern, daß eine Volksabstimmung darüber gefordert wird.

Wahlkampf in der Schweiz ist eine laue Veranstaltung. Und das Ergebnis steht auch diesmal schon wieder fest: Was immer Herr und Frau Schweizer am Wochenende den Wahlurnen anvertrauen, am Montag werden dieselben sieben Bundesräte wie bisher das Land regieren: der kauzige Otto Stich, der wendige Flavio Cotti, der fröhliche Jean Pascal Delamuraz, der brave Kaspar Villiger, der blasse Rene Felber, der tatendurstige Adolf Ogi und der verknorzte Arnold Koller. Seit 32 Jahren bildet eine "ewige" Koalition aus den vier größten Parteien, die meist klar über siebzig Prozent der Parlamentssitze erobern, die Regierung "Zauberformel" nennen das die Schweizer. Zwar versuchen die Sozialdemokraten und die Bauernpartei, die neben Christ- und Freidemokraten die Exekutive bilden, mitunter ein bißchen Links- beziehungsweise Rechtsopposition "von innen" zu veranstalten. Aber beide wollen nicht auf Einfluß und Posten verzichten, die eine Regierungsbeteiligung mit sich bringt. Die größten echten Oppositionsparteien, der grünliberale Lan- desring oder die Grünen, führen mit ihren jeweils rund zehn Parlamentssitzen ein lautstarkes Schattendasein. Wer vermöchte da den Bundesrat zu stürzen — verwegener Gedanke!

Wahlshowdowns, geifernde Elefantenrunden — so etwas braucht die Schweiz nicht. Wo fänden sich überhaupt die Elefanten? Nicht unter den sieben Bundes Biedermännern, die "alle so nett sind", wie ihnen landauf, landab attestiert wird. Und worüber sollten sie sich streiten, wenn sie sich doch eh über alles einmal in der Woche im Bundesratszimmer, das an Großmutters gute Stube gemahnt, einigen? Schweizer wollen bescheidene, diskrete Verwalter, keine Staatsmänner. Manch einer meint gar, die Bundesräte sollten ruhig öfters in ihren großkarierten Hemden — wie sie es alljährlich auf ihrer "Schulreise" zu tun pflegen — durch die Lande stapfen und das Regieren den Fachleuten überlassen. Die Schweizer sind nüchterne Egozentriker, die vom Staat allenfalls Strom, Straßen und Strafzettel erwarten.

Unter den 2500 Bewerbern, die am kommenden Wochenende um die 200 National- und die 46 Ständeratssessel buhlen, finden sich durchaus originelle Figuren. In der Schweiz ist Politik für die allermeisten eine Art Steckenpferd, eher Berufung als Beruf; Abgeordnete bekommen jährlich umgerechnet nur etwa 50 000 Mark. Den Kreis der Kandidaten macht das bunter. So rechnet der streitbare Genfer Bestsellerautor Jean Ziegler ("Die Schweiz wäscht weißer") ebenso wieder mit einem Sitz zu Bern wie der frühere Privatspitzel in Sachen Kommunismus, Ernst Cincera; Menga Danuser, bekannt geworden wegen ihres Eintrags in den Staatsschutzakten ("Trinkt abends gern ein Bier"), will wieder in die Bundesstadt und auch der Bergsteiger und Photograph Herbert Maeder. Erstmals bewerben sich ein ehemaliger Fünfkampfmeister und jetziger Sportreporter, ein Zürcher Obdachlosenpfarrer, der vor der sogenannten "Drogenhölle am Platzspitz" nicht zurückschreckt, und ein Eishockeytrainer.

Wenngleich die "politischen Verhältnisse" in einer Umfrage gleich nach der "Schweizer Engstirnigkeit" als Hauptkritikpunkt am Vaterland genannt werden, finden doch die meisten die helvetischen Kompromisse der "mittleren Unzufriedenheit" gar nicht so übel. Selbst ein notorischer Stänkerer wie der Schriftsteller Nikiaus Meienberg will die Schweiz retten. Denn gerade deutsche Verhältnisse erscheinen ihm schrecklich: Ein Land, in dem die Bürger nicht mal abstimmen können, ob sie mit einem anderen Staat (DDR) fusionieren wollen! Und "Kohl als Wahlredner in Zürich", so Meienberg auf der Titelseite der Zürcher Weltwoche, "da müßte man grad Attentäter werden". Lieber verzichtet er auf spannende politische Erdrutsche. Meienberg zieht ein Land vor, in dem die Machtfrage letztlich offenbleibt — manche Schweizkundige sprechen sogar davon, daß sich das propere, ordentliche Land diesbezüglich ein Stückchen Anarchie erlaube.