Von Elke von Radziewsky

Eigentlich konnte sich Ludwig Meidner nie entscheiden, ob er nicht besser doch Schriftsteller geworden wäre. Oder vielleicht sogar Architekt, wie die Eltern, brave Kaufleute im oberschlesischen Bernstadt, es sich gewünscht hatten, die mit den künstlerischen Fähigkeiten des Sohnes bestenfalls etwas Praktisches anfangen konnten. Aber Ludwig Meidner war Maler geworden. Bedauerlicherweise, wie er später manches Mal dachte. Wäre der Krieg nicht gewesen, hätte er in Deutschland bleiben können: Auch noch am Ende seines Lebens sinnierte er über verpaßte Chancen. Ein echtes Zwittertalent und ein Kleinstädter, der kurze Zeit seines Lebens Großstadtmaler war.

Ihn ehrt eine große Ausstellung auf der Mathildenhöhe in Darmstadt. Ein großzügiges Projekt, mit dickem zweibändigem Katalogwerk voller Aufsätze zu Meidner, einer Sammlung von Meidnerschen Erzählungen, Feuilletons und Traktaten. Nach Jahren ist der Nachlaß des 1966 hier verstorbenen Künstlers gesichtet und ausgewertet. Einen anderen Anlaß gibt es nicht. Außer dem vielleicht, daß 1920 auch auf der Mathildenhöhe die Ausstellung "Deutscher Expressionismus" stattgefunden hatte.

Räume mit runden Wänden, bald mit schimmrig weißen Stoffen abgetrennt, bald ineinandergestöpselt wie die Glieder einer Kette hat man für seine Kunstwerke aufgebaut. Die Portraits, die Straßen- und Kaffeehausszenen, die apokalyptischen Landschaften, religiöse Themen, Buchillustrationen und Insektenbilder: Den ganzen Meidner will man hier zeigen, die erfolgreichen Arbeiten genauso wie die kaum zur Kenntnis genommenen. Viel Graphik ist dabei, viel Schwarzweiß. Meidner hatte oft keine Farben, hat dann von einer Frau geträumt, die ihm als Mitgift tausend Tuben Umbra und Preußisch Blau in die Ehe bringt.

Das erste Mal ist Ludwig Meidner 1905 in Berlin. Enttäuscht hatte er das Kunststudium in Breslau abgebrochen und war in die Großstadt gereist. Mit dem Abzeichnen von Modellpelzen verdient er sich nun sein Geld. Verächtlich. Als Freunde ihm raten, nach Paris zu gehen, verläßt er Berlin, reist nach Frankreich. Hier befreundet er sich mit Amadeo Modigliani, sieht Bilder von Toulouse-Lautrec, von Cézanne, doch sonst erscheint ihm Paris, die Hauptstadt des altgewordenen Impressionismus, marode. Der Bernstädter sucht etwas anderes. 1907 zwingt ihn der Musterungsbescheid nach Berlin zurück. Hier bleibt er.

Nicht wie Monet oder Pissaro sieht er die Stadt, die für ihn von Baum und Wiese kommen und Boulevards wie Blumenbeete malen. Auch nicht wie Matisse oder Kandinsky, die er ornamental und dekorativ findet. Er will die Sensation, den Taumel, das Fieber und das Fahnenhissen.

Nervös, hektisch sein und arbeiten muß der Künstler, brutal und unverschämt sein wie die Stadt um ihn. In seiner "Anleitung zum Malen von Großstadtbildern" predigt Meidner Bewegung, Dynamik, beschwört das Arbeiten wie in Ekstase. "Sind nicht unsere Großstadtlandschaften alle Schlachten der Mathematik. Was für Dreiecke, Vierecke, Vielecke und Kreise stürmen auf den Straßen auf uns ein. Lineale sausen nach allen Seiten." Nicht Farbtupfer können das charakterisieren, sondern Linien: dicke, dünne, schnell hingesetzte. Er zeichnet sein Manifest in Straßen- und Kaffeehausszenen. Stürzende Perspektiven, Prismenfächer, viel hat er bei den Futuristen gelernt.