Der Johannesburger Stadtteil Yeoville, wo Rian Malan wohnt, erwacht spät. Kein gewöhnliches Wohnviertel für südafrikanische Verhältnisse: Apartheid ist hier seit Jahren schon faktisch aufgehoben. Eine Mixtur aus Boheme, Akademikern, Aussteigern, harten Aktivisten und sanften Alternativos mit eignen Bioläden; dazu viele Juden, die mit Synagogen, koscheren Delikatessengeschäften und Lokalen wie dem Cafe "Tel Aviv" den Stadtteil prägen.

Dort treffen wir den 36jährigen Schriftsteller, der mit Kaffee, Zigaretten und einem angewidert faszinierten Blick in die Zeitungen den Tag beginnt. Tod und Verderben in den Townships beherrschen die Schlagzeilen. Wieder hat es über hundert Tote in einer Woche gegeben. Rian Malan deutet auf die Bilder zu den Katastrophenmeldungen: "Verstümmelte, Verbrannte, Erschlagene: das macht den Weißen angst, das macht sie noch psychopathischer. Unmöglich, sagen sie, wir können das Land nicht teilen mit Leuten, die zu so was fähig sind. Und was werden sie erst mit uns machen, wenn sie die Gelegenheit dazu bekommen?"

Die Gewalt in einem vom Rassismus geprägten Land ist sein Thema. Beschrieben hat er sie in seinem Buch "Mein Verräterherz". In dieser großangelegten Reportage, einer Montage aus Biographie, historischer Erzählung und Reflexion, ist die gespaltene Identität eines abtrünnigen Burensohnes zu besichtigen: "Ich war der gerechte Weiße gewesen, der sich über die grausame Behandlung der Schwarzafrikaner empörte, und hatte mich als ein Schwarzafrikaner gefühlt, der entsetzt war, welche Grausamkeiten die Schwarzafrikaner sich gegenseitig zufügten. Ich fühlte stets, wie zwei widerstreitende Kräfte kämpften in meinem Verräterherzen "

Auf beiden Seiten dieser gespaltenen Gesellschaft hat Malan gelebt: aufgewachsen in einem weißen Villenviertel von Johannesburg, nach Schule und Studium Polizeireporter beim Star. Erschreckt und verstört vom alltäglichen Morden im Apartheidsland, ging er ins selbstverordnete Exil nach Amerika und arbeitete acht Jahre lang als Rockmusikkritiker in Los Angeles. 1986 war er der Rolle als linker Vorzeigeprophet gegen die Apartheid überdrüssig geworden und kehrte zurück. "Es ist noch genau das gleiche", sagt er kauend, "außer, daß ich jetzt wieder hier bin, um mich damit auseinanderzusetzen " Jedesmal, wenn er nach Soweto fahre, sei er von neuem der paranoide Weiße, der Mißhandlung, Entführung oder mindestens einen Überfall erwartet "Und dann ist es immer sehr nett. Ich habe echte Freunde dort und fahre öfter hin, als mir guttut So kann er weiter am eigenen Subjekt erforschen, was ihn an seiner Heimat Südafrika fasziniert: die Furcht der Weißen vor den Schwarzen, ihre Angst vor dem Unbekannten, das Schwarze verkörpern "Ich bin besessen davon", gesteht er. "Mein Verräterherz" hat im vergangenen Jahr weltweit Aufsehen erregt, auch in Deutschland. Daheim war das Echo zwiespältig. Diffamiert fühlte sich selbstredend die Garde der alten Buren, irritiert von der pessimistischen Perspektive aber waren auch englischsprachige Liberale. Einigen Anti Apartheid Aktivisten schien seine Darstellung von Rassismus geprägt. "Ich fühle mich eben nicht als Teil der großen Anti Apartheid Industrie", sagt Malan etwas kokett, "und ich glaube nicht, daß mein Buch als wichtiger Beitrag zum Kampf gegen die Apartheid willkommen geheißen wurde "

Zu den Aktivisten zählt er sich nicht mehr "1986 habe ich beschlossen, daß ich als Journalist oder Autor nicht einfach diese offizielle Südafrika Geschichte erzählen kann Weil die Frage des Rassismus und der Rasse immer in der Essenz reaktionär sei, bleibe es sehr schwer, darüber zu reden. Dabei hielten noch immer viele Weiße die Schwarzen für nichts anderes als Wilde — und genau diese Grundhaltung sei es gewesen, die die Sicherheitskräfte des Landes in Folter und Unterdrückung umsetzten "Das ist das Bewußtsein der Weißen, und wenn man über dieses Land schreibt, muß man sich damit befassen "

Ist er denn, wie manche Kritiker erkennen, ein moderner Rassist? Die Frage fordert ihn, er läßt sich Zeit mit der Antwort, verflogen ist mit einem Mal die Präzision seiner Sätze, die manchmal beinahe zu glatt daherkommen "Das werde ich mich selbst sicher bis an mein Lebensende fragen", antwortet er "Zumindest habe ich bestimmt ein starkes Bewußtsein von der Hautfarbe anderer Menschen " Dann springt er, beinahe trotzig, in die Politik: "Ich glaube, daß Weiße auch weiterhin eine wichtige Rolle spielen sollten. Es ist eine Tatsache, daß es bei den Weißen einen Fundus von Fähigkeiten und Talenten gibt, den das schwarze Südafrika nicht hat "

Eine Überzeugung, die er mit der Mehrheit der Weißen dieses Landes teilt. Ist er also doch kein so großer Verräter, wie das Buch nahelegt? "Nein, ich fürchte nicht. Und ich kann mir vorstellen, daß eine schwarze Minderheitenregierung alles noch schlimmer macht "

An Träumereien über die geglückte Integration von Schwarz und Weiß in einem zukünftigen Südafrika beteiligt er sich nicht; die tragische Ausweglosigkeit des Systems war schließlich auch Tenor seines Buches. Selbst in hundert Jahren, davon ist er überzeugt, wird der Rassismus hier ein Problem sein. Die ethnischen Enklaven werden vorherrschen, und immer noch werden die Weißen alles versuchen, um ihre Kinder in Privatschulen zu schikken, wo sie nicht mit zu vielen Schwarzen lernen "Es sieht nicht nach einem Happy End aus, wir werden uns nicht gegenseitig in die Arme sinken, und das Leben wird sich nicht in einen Reggae Song verwandeln "

Wenn es also ohne die Weißen nicht geht, wie soll das neue Südafrika dann mit ihrer Schuld umgehen? Als er jünger war, meint Malan, habe sein Leben aus nichts als Schuld bestanden. Seine Beziehungen mit schwarzen Südafrikanern seien vergiftet gewesen davon und von den meist peinlichen Versuchen, davon loszukommen "Es war unmöglich, offen darüber zu reden, was ich über dieses Land dachte. Ich habe mich Schwarzen gegenüber als der Schuldige präsentiert, verantwortlich dafür, was mein Vater und seine Gang ihnen angetan haben "

Drei Jahrhunderte lang haben Malans Vorfahren Südafrikas Geschichte mitgeprägt; typische Afrikaaner, seit Ende des 16. Jahrhunderts am Kap daheim, zusammengewachsen aus Holländern, Hugenotten, Deutschen. Das Buren Klischee heute: rechtsradikale Trunkenbolde in Khaki, unbelehrbar den Gedanken der Apartheid verhaftet. Der Schriftsteller Andre Brink schreibt, die Alleinherrschaft seit 1948 habe das Beste in ihnen systematisch unterdrückt. Apartheid habe nur die ängstliche, unsichere Seite enthüllt, gekennzeichnet durch "Arroganz, Gemeinheit, Engstirnigkeit". Die andere Seite seien seine "Achtung vor dem Leben, seine romantische Veranlagung, seine tiefe Verbundenheit mit der Erde, sein großes Herz".

Auch wenn seine eigene Familie sein Buch eher großzügig kommentierte (Malan: "Blut ist dicker als Wasser"): Vom Durchschnitts Buren lebt der "gealterte Yeoville Linke" heute weit entfernt, von gelegentlichen Besuchen bei seinem Bruder, "einem echten Afrikaaner", abgesehen. Schon in der Schule hat er aufgehört, Afrikaans als Umgangssprache zu benutzen; sie eignet sich nicht unbedingt für theoretische Diskussionen ("Diktatur des Proletariats" und "Produktionsbeziehungen", das geht nicht auf Afrikaans, erklärt er lachend. In seiner Generation ist Englisch die Sprache des Geistes, der Kultur, nicht zuletzt des Rock n Roll ) Und trotzdem glaubt er, die Tragik der Buren zu verstehen. Ihren trotzig brutalen Aufstieg, die Absurdität der Apartheid Ideologie, zusammengepflückt aus selektiver Lektüre des Alten Testaments, erklärt Malan mit einem stets nachweisbaren Minderwertigkeitskomplex. Vor ihrer "Machtergreifung" 1948 galten sie als Witzfiguren, "niedere Spezies"; ein Zustand, den erst der "Buren Sozialismus" der Nationalen Partei änderte, der ihnen allen gute Jobs und staatliche Vergünstigungen zuschanzte. Sein Großonkel Daniel Frangois Malan, von 1948 bis 1954 Premierminister, ein Vordenker der Apartheid und eine der Hauptfiguren im "Verräterherz", sei ein typischer Vertreter gewesen: "Sie wollten die politische Kontrolle über das Land gewinnen, um reich zu werden, damit die anderen aufhören, über sie zu lachen. Das war der wichtigste Motor des Afrikaaner Nationalismus bis zur Mitte der siebziger Jahre "

Die Weißen geben den Anspruch auf die Macht und die Privilegien ab, die Schwarzen verzichten auf die Katharsis der Revolution und Rache — das etwa ist der Kurs, den Präsident de Klerk seiner Partei verordnet hat. Im Prinzip hält Malan das für praktikabel. Mit Einwänden, denn die Nationale Partei bleibt, was sie immer war: "eine diabolisch effektive Machtmaschine", getrieben von "80 Prozent Pragmatismus und 20 Prozent Moral". Zur Abwechslung werde nun versucht, mit Reformen statt mit Tricks die Macht zu erhalten "Sie versuchen, ihre häßlichen Gesetze loszuwerden und sich den Schwarzen als Befreier zu präsentieren. So hoffen sie, die Mehrheit erlangen zu können. Sie träumen, aber der ANC träumt auch, wenn er glaubt, automatisch alle zu repräsentieren, die eine dunkle Hautfarbe haben "

Seit dem 2. Februar 1990, dem Tag von de Klerks Reform Rede, hat das Tempo der Geschichte gewaltig angezogen. Malan bewertet positiv, daß durch die Legalisierung der Opposition all jene an den Rand der Politik gedrängt wurden, die er "die Amateure" nennt — Kirchenführer, Akademiker, Schreiber wie er selbst "Die längste Zeit meines Lebens war Politik hier eine Seance: Die wichtigsten Mitspieler saßen nicht am Tisch, waren etwas Esoterisches. Nie konnte man ihre Gesichter sehen, ihre Stimmen hören. Eine Menge Leute hatten sehr dumme Vorstellungen, was der ANC wirklich repräsentiert. Heute latscht man einfach ins Hauptquartier des ANC und stellt ihnen Fragen Ein guter Anfang, findet Malan. "Aber es wird in diesem Land keine Stabilität geben, bevor wir nicht eine Regierung haben, die breite Unterstützung genießt. Dann erst wird es zu einer Umverteilung von Schuld und Verantwortung kommen "