Ich glaube es nicht. Man müßte sich da auch erst den Kopf zerbrechen, was man unter „Vergeschichtlichung“ versteht. Für mich heißt „Vergeschichtlichung“, daß man sich vergangene und durchaus nicht unbedingt wiederholbare Möglichkeiten vergegenwärtigt, um sich selber in der eigenen Situation zu klären. Das heißt also gar nicht, daß die Geschichte in einem rückwärtsgewandten Sinne wiedergewonnen werden kann.

Sie wurden 1912 in einem Pfarrhaus in Gnadenfeld/Oberschlesien geboren und haben von 1933 an Philosophie vor allem bei Gadamer in Marburg und von 1939 an dann in Leipzig studiert. 1940 mußten Sie Platos Unsterblichkeitslehre liegen lassen und für fünf sterbliche Jahre in den Krieg. Sie wurden mehrfach verwundet. Wie haben Sie das Kriegstreiben um sich her erlebt?

Ich habe das Kriegsgeschehen, so wie die meisten wahrscheinlich, als unabwendbar – nicht im politischen Sinn unabwendbar, sondern für den einzelnen: Man konnte nicht nein sagen – hingenommen. Aber für meine Person war es, auch nach den Verwundungen, eigentlich ertragbar.

Da hätte ich beinah Lust, eine etwas merkwürdige Geschichte zu erzählen. Die zweite Verwundung war sehr schwer. Ich kam in den Lazarettzug, war erst nicht transportfähig und wurde dann in Krakau ausgeladen. Da kam ich in das sogenannte Sterbezimmer. Ich weiß nicht, welche Beruhigungsmittel ich bekam. Der Stabsarzt kam nur selten in das Zimmer. Wir bekamen sehr gutes Essen. Es waren nur zwei andere noch da. Und neben mir war ein Tisch, da lagen Illustrierte drauf. Das waren Hefte fünfzehn Stufen unter Courths-Mahler, also ein reiner Kitsch. Aber ich muß noch einmal betonen: Ich weiß nicht, welche Beruhigungsmittel ich bekam. Und ich las so ein kleines Heft – ich weiß nicht, wer der Verfasser war, wie der Titel hieß – und weiß nur noch den Satz: „Irene klingelte. Der Diener führte das Reitpferd vor.“

Da setzte eine absolute Enthobenheit ein. Ich hab’ den ganzen Krieg und meine Verwundung vergessen. Ich sah nur noch das Bild: Diese Irene reitet ganz langsam – ostdeutsche Landschaft, Ebene, frei nach Rilke – durch einen Park in die Ebene hinein. Ich habe später festgestellt, daß in die Bildlichkeit Schilderungen Rilkes von südschwedischen Schloßlandschaften eingeflossen sind. Das hat mich nicht vom Tod errettet. Aber was mich lange beschäftigt hat, war, daß diese Enthobenheit an solch einem kitschigen Satz ansetzte.

Ich habe viele Vorträge über den Tod gehalten – das war ein Grundthema von mir – und auch mit Medizinern und Psychiatern darüber gesprochen. Ein Krankenhauspfarrer sagte, das verstehe er sehr gut. Manchmal kämen da Kinderlieder, etwas ganz Einfaches. Diese Geschichte fiel mir jetzt nur ein, weil ich damals noch absolut christlich dachte und an sich aufgegeben war. Hinterher dachte ich: Eigentlich merkwürdig, daß da nicht religiöse Gedanken in den Vordergrund treten, sondern – „Irene klingelte.“

Ihre Dissertation über Plato wurde in der „Genesenden-Auffangstelle“ fertig. Was haben Sie dann nach 1945 gemacht?