Von Dieter E. Zimmer

Der Moment ist verpaßt. Denkmale werden in den Augenblicken der Gefühlsaufwallung gestürzt, wenn empörte Menschenmengen sich die Freiheit nehmen, die geltenden Bestimmungen zu mißachten, die Bannmeile zu verletzen, den verbotenen Rasen zu betreten, der Staatsmacht ihre Insignien zu entreißen. Der Sturz der Denkmale ist in dieser Stimmung ein kulminierender Akt von unmißverständlicher Bedeutung: eine Art symbolischer Voodoo-Mord an den Machthabern, die sich diese überlebensgroßen Bilder selber gesetzt hatten.

Die Revolution in der DDR verlief bekanntlich besonnen und gewaltfrei und wurde landauf, landab dafür zu Recht gerühmt. Sie vergriff sich weder an den Mächtigen noch an ihren steinernen oder bronzenen Abbildern. Die Statuen blieben stehen und sorgen nun für eine auf keine Weise auszuräumende Verlegenheit. Durch einen kalten, kalkulierten Verwaltungsakt nachzuholen, was dem Volkszorn zugestanden hätte, hätte etwas Peinliches, so als hätte man im gegebenen Augenblick die nötige Ohrfeige versäumt und bemühte nun die Paragraphenritter. Aber stehenlassen kann man die Monumente auch nicht gut, ohne sich den Anschein zu geben, daß man gar nichts gegen sie einzuwenden hat.

So steht im Osten Berlins nach wie vor Lenin in rötlichem Granit neunzehn Meter hoch auf dem Leninplatz, den Blick streng und fest auf die Schachtelwohnungen der Plattenbauten gegenüber und die zu Hertie mutierte sozialistische Kaufhalle zu deren Füßen gerichtet. An seinen Sockel hat man Teelichter und einen Blumenstrauß gestellt. Eine Kreuzberger Künstlerinitiative, das „Büro für ungewöhnliche Maßnahmen“, hat dem Standbild ein Spruchband auf den Bauch gemalt. Lenin trägt eine Banderole vor sich her, auf der eine Parole steht, die er selber eben nicht ausgegeben hatte: „Keine Gewalt“. Es wirkt, als bäte er selber um Schonung. (Wäre es seine Losung gewesen, so würde ihn jetzt wahrscheinlich niemand stürzen wollen.)

Es steht eigenartig um Denkmale. Sie geben vor, Straßen und Plätze künstlerisch zu verzieren, aber je auftrumpfender sie es tun, um so miserabler sind sie in der Regel als Kunst. Sie werden in didaktischer Absicht errichtet, weil ihre Aufsteller meinen, der Geist des Abgebildeten werde von den Statuen ausstrahlen und von den Passanten Besitz ergreifen. Aber es ist der reine Aberglaube. Indoktrinierende Kraft ist Denkmalen nicht eigen. Ihr Schicksal ist es geradezu, ignoriert zu werden. Höchstens, daß sie ein wenig Gegenpropaganda machen, wo sie ungewöhnlich unangenehm auffallen, wie im Falle der Dioskuren Sakko & Jacketti hinterm Palast der Republik. Keinen Menschen überkommt wilhelminischer Geist, wenn er an einem Standbild Kaiser Wilhelms vorbeigeht, und auch die leninisierende Kraft der Lenin-Denkmale war wohl immer bloßes Wunschdenken ihrer Erbauer. Von daher könnte man sie getrost allesamt stehenlassen; ihr didaktischer Bombast ist ihrer faktischen Harmlosigkeit direkt proportional.

Den Zweck, um dessentwillen sie auf ihren hohen Sockeln stehen, erfüllen sie also keineswegs Aber sie lassen dennoch ganz und gar nicht kalt: als Selbstdarstellungen der jeweiligen Obrigkeit nämlich.

Man muß den Unterschied sehen. Die Bedeutung eines Denkmals besteht gar nicht in seinem Gehalt. Sie besteht darin, daß es zu Rückschlüssen auf den einlädt, der es hinstellt oder stehenläßt. All die Diskussionen um die Kriegerdenkmale früherer Zeiten haben nicht behauptet, daß diese die Menschen mit militärischem Geist infizierten; es ging allein darum, ob und in welchem Sinn der Staat durch seine Monumente vergangener Kriege gedenken soll. Die propagandistische Wirkung auch der Lenin-Statue dürfte gleich null sein. Es geht nicht darum, ob dieser versteinerte Herr Uljanow werbend oder vielleicht eher abschreckend dreinschaut. Es geht darum, daß jeder, der ihn sieht, unweigerlich sagt: Aha, solche Denkmale setzt oder duldet hier der Staat.

Ob Lenin am Leninplatz (der in Zukunft, in wiederum plump didaktischer Absicht, Platz der Vereinten Nationen heißen soll) stehenbleiben kann, wird darum kontrovers diskutiert, wie man so sagt. Die Bezirksverordneten von Friedrichshain haben für seinen Abriß votiert; mindestens tausend Anwohner für seinen Erhalt. Der Stadtentwicklungssenator will ihn beseitigen, der Regierende Bürgermeister ebenfalls, der Kultursenator und die meisten Denkmalschützer plädieren dafür, ihn stehenzulassen.

Rechtlich steht das 1970 von dem sowjetischen Bildhauer Nikolaij W. Tomskij geschaffene Monument unter Denkmalschutz. Aus ihm dürfte es nur entlassen werden, wenn ein öffentliches Interesse das des Denkmalschutzes überwiegt – also nur nach öffentlicher Diskussion, bei der auch Fachkommissionen Gehör finden. Eine Demontage bei Nacht und Nebel wäre schlicht illegal, Staatsvandalismus.

Für den Erhalt sprechen vor allem zwei Argumentationsstränge. Einer ist der städtebauliche. Der ganze gewaltige Straßendurchbruch vom Straußberger Platz zu dem Hügel des Friedrichshains ist auf diese Statue hin komponiert. Er ist realsozialistischer Städtebau par excellence, Ende der sechziger Jahre geplant von Hermann Henselmann, dem Architekten der Stalinallee, nicht eben nach heutigem Geschmack, aber als solcher nicht eben vom schlechtesten. Nimmt man ihm den Lenin, so ist es, als zöge man einem Mauerbogen den Schlußstein weg: Der ganze Platz fiele in sich zusammen. Und da man nicht das ganze Ensemble abreißen will und kann, würde Lenin hier auch post mortem präsent bleiben: als klaffende Lücke, die jeder, der auch nur ein wenig Logik und Erinnerung mitbringt, im Geist automatisch auffüllt.

Der andere Argumentationsstrang ist der historische. Er besagt in etwa: da er nun schon einmal dasteht, Zeugnis einer bestimmten Epoche, die nicht verdrängt werden soll, soll man ihn auch stehenlassen; er tut ja niemandem mehr etwas, erinnert höchstens daran, daß es mit dem Realsozialismus nicht gut ausgegangen ist.

Bisweilen nimmt dieses Argument nun allerdings absonderliche Züge an. Die Vertreterin des Landeskonservators: „Wer die Geschichte der DDR aufarbeiten will, braucht die Denkmale als Dokumente.“ Jenes „Büro für ungewöhnliche Maßnahmen“: Der Abriß wäre ein „schäbiges Exempel des gnadenlosen Umgangs mit politischen Gegnern“, ein Akt der „Bilderstürmerei, dessen eigentliches Ziel nur das Auslöschen von Erinnerung und Geschichte ist“. Der Dichter Stephan Hermlin: „Ein Niederreißen des Lenindenkmals wäre ein Akt der Barbarei. Es handelt sich da um einen der vielen Versuche, Geschichte, die unser Jahrhundert geprägt hat, in Vergessenheit sinken zu lassen.“

Wie brüchig solche Argumente sind, wird mit einem Schlag klar, wenn man sich an Lenins Stelle eine andere Führerpersönlichkeit denkt. Niemand und am allerwenigsten die, die einen Abriß oder eine Versetzung Lenins heute als antihistorischen Akt verdammen, hätte je im Traum daran gedacht, zu sagen: Wer den Nationalsozialismus aufarbeiten will, braucht Hitler-Denkmale; wer Hitler-Denkmale beseitigt, verhindert die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus; wer Hitler-Denkmale antastet, zelebriert den gnadenlosen Umgang mit einem politischen Gegner und sucht überhaupt Erinnerung und Geschichte auszulöschen. Wer solches vorgebracht hätte, hätte mit Sicherheit gehört, er verhöhne die Opfer, und wäre umstandslos ein unverbesserlicher Nazi genannt worden. Lenin sei eben nicht Hitler? Die Sätze bleiben auch dann undenkbar, wenn man an Hitlers Stelle eine andere, weniger „schlimme“ Nazigröße setzt. Das ganze leninistisch-marxistische System sei in keiner Hinsicht mit dem nationalsozialistischen zu vergleichen und dürfe darum eine schonendere Behandlung beanspruchen? Genau das ist die unausgesprochene Frage im Hintergrund: ob der Marxismus-Leninismus ein retrospektives Wohlwollen verdient, das man dem Nazismus nicht gewährt. Sie werden erst Spätere entscheiden. Edle Allzweckfloskeln wie „Geschichte bewahren“ – natürlich immer gut – mogeln sich an dieser Frage vorbei oder haben sie bereits zugunsten des Marxismus-Leninismus entschieden, wollen das aber lieber nicht so deutlich sagen. Ein Wort wie „bewahren“ verschweigt, ob es sich um ein Bezeugen oder Dazu-Bekennen handeln soll; wer es im Mund führt, muß sich den Verdacht gefallen lassen, es ginge ihm um letzteres.

Es sind trotzdem überwiegend vernünftige Argumente; die für den Erhalt sprechen. Lenin gehört hier hin. Er schadet keinem. Ob er als großer Irreführer und nichts sonst in Erinnerung bleibt, wird erst aus einigem Abstand entschieden werden, und dann ist er jedenfalls so fern, daß auch sein altes Denkmal nicht mehr störte, wie niemand sich heute an einem Denkmal selbst für den Grafen Dracula stieße. Also sollte die Hinrichtung in effigie unterbleiben.

Solche Gründe werden aber wenig gegen den simplen Umstand verschlagen, daß der Staat wohl oder übel mit den Denkmalen identifiziert wird, die auf seinen Straßen stehen. Berlin als vermutlich einzige Stadt der Welt, in der noch ein Lenin-Monument gen Himmel ragt: dieses Kopfschütteln, dieses höhnische Lachen werden seine Stadtväter nicht hinnehmen wollen und können.

Der Fall wäre aber lösbar. Das endgültige Urteil kann man der Zukunft überlassen. Heute, in der Zeit zwischen Nähe und Abstand, sollte man erstens keine vollendeten Tatsachen schaffen und das Ding zwar stehenlassen, es aber zweitens gleichsam in Anführungsstriche setzen, um unmißverständlich klarzumachen, daß es nun nicht mehr ernst genommen werden muß und also auch keine voreiligen Rückschlüsse auf den politischen Gemütszustand der Stadtoberhäupter erlaubt.

Etliche Vorschläge liegen auf dem Tisch. Einer lautet: ankippen – das Lenindenkmal sozusagen als Wetterhäuschen für die aktuelle Weltgeltung des Leninismus; lächerlich. Ein anderer (der des „Büros für ungewöhnliche Maßnahmen“): ihn jedes Jahr von einem anderen Künstler umgestalten lassen; ungewisse Aussichten. Walter Momper möchte ihn von Christo verpacken lassen; nicht schlecht, nur keine Dauerlösung, denn das Großstadtpaket wirkte hier nur wie eine Baustelle mehr. Der beste Vorschlag, meine ich, ist der des Ostberliner Graphikers Manfred Butzmann: „Eine Veränderung, die sich immer wieder neu verändert, das wäre mir das liebste. Und da halte ich mich an die Natur. Man könnte das Denkmal mit Efeu und wildem Wein beranken...“

Es risse dies nichts nieder, aber schüfe gehörige Distanz zu dem einstigen Heiligenbild – und wäre damit gleichzeitig ein Denkmal für die Revolution von 1989. Es wäre außerdem ein Zeichen (denk mal!) dafür, daß steinerne Agitprop in der jetzigen Zivilgesellschaft ausgespielt haben soll. Und es holte das Grün des nahen Friedrichshains im Hintergrund herbei und hinein in den Platz, als städtebauliches Signal, daß Berlin eine Grüne Stadt sein möchte.

Roter Lenin, werde grün.