Die Beschneidung – in Frankreich schwelt ein Konflikt zwischen kultureller Tradition und Menschenrechtsverletzung

Von Barbara Ungeheuer

In der Rue de la Solidarite klingt und riecht es nach Schule. Hinter einem Kastanienbaum strecken kleine Mädchen ihre weißen und braunen Beine dem Pariser Sonnenhimmel entgegen. Noch farbenprächtiger als die Scherenschnitte an den Fenstern der École Maternelle, der staatlichen Vorschule, leuchten im Straßenbild die Boubous der Afrikanerinnen auf. Sie bringen ihre von bies zum Centre PMI, einer medizinischen Beratungsstelle. Solche Zentren zum Schutz von Mutter und Kind gibt es überall in Frankreich. Trotz der kribbeligen Lasten auf Arm und Rücken halten die Mütter oft mehrere Hefte im eisernen Griff, als wär’s ihr Reisepaß. Der amtliche Vermerk von Impfungen und Gesundheitsattesten dokumentiert die Kinder, vor allem aber auch die eigene Existenz im fremden Land.

"Für die meisten Afrikanerinnen sind wir der erste und der einzige Kontakt zur Außenwelt", erzählt eine der Sozialfürsorgerinnen des Zentrums. Binto K., die an diesem Tag die zwei jüngsten ihrer fünf Kinder zur Untersuchung gebracht hat, wird sonst jeden Morgen in der Wohnung eingeschlossen, bevor ihr Mann zur Arbeit am Flugplatz Orly fährt. Seit ihrer Ankunft aus Mali vor sechs Jahren hat sie nur die Entbindungsstation und das Centre PMI kennengelernt. Paris sei ein Sündenpfuhl und voller Gefahren, hatte ihr der Mann gleich bei der Ankunft eingetrichtert. Binto hat ihre drei Worte Französisch vom Fernsehen, dem kleinen Schaufenster in die verbotene Welt. Mit trüben Augen schaut sie auf das knackig runde Bäuchlein ihres Babies. Der positive Befund der Ärztin, von einer Übersetzerin in Bintos Bambara-Sprache wiedergegeben, scheint sie kaum zu berühren. Für sie ist der Makel offensichtlich und lastet schwer: Ihre jüngste Tochter darf nicht beschnitten werden. Es will ihr nicht in den Kopf, daß man in Frankreich wegen der Initiierung zur Frau bestraft werden soll. Werden ihre Töchter überhaupt Männer finden, wenn die Familie, wie sie es sich wünscht, einmal in die Heimat zurückkehrt?

Die Todesfälle häufen sich

Die Mehrzahl der auf eine halbe Million geschätzten und oft illegal eingewanderten Schwarzafrikaner wollen ihre kulturellen Traditionen aufrechterhalten, denn ihnen wird die Integration im französischen Gastland noch schwerer gemacht als den 2,5 Millionen Arabern. Die von achtzig Millionen Frauen in 26 Staaten Afrikas erlittene Beschneidung der Klitoris (die Zahlen stammen von der UNO) wird bis heute von den meisten Afrikanerinnen als unumgängliches Ritual angesehen. So hat es ihnen das animistische und islamische Patriarchat schon seit Jahrtausenden eingebleut. Auch christliche Missionare haben es nicht verhindern können. Ob die Beschneidung "auf die Klinge setzen" wie in Mali oder – noch euphemistischer – "das große Fest feiern" wie in Nigeria heißt, ihre Zwangsvollstreckung begründet sich auf überlieferte Lügen. Weder wird sie, wie so oft behauptet, vom Gesetz des Korans gefordert, noch garantiert sie die Fruchtbarkeit. Daß die Klitoris den Männern die sexuelle Befriedigung erschwert, gehört zum Mythenkatalog wie das absolute Keuschheitsgebot.

Für Frauen wie Binto K., ob sie nun in Frankreich oder in England leben, bedeutet die Nichtbeschneidung ihrer Töchter den Verlust ihrer Stellung als Frau in der Stammesgemeinde. Sie sind Außenseiterinnen in beiden Kulturen. "Das Leid der Entwurzelung ist für die afrikanische Frau besonders groß, dennoch dürfen wir nicht zulassen, was ihr, wenn auch schon seit Pharaos Zeiten, angetan wird", sagt Dr. Laura Burchard im Konsultationszimmer des PMI-Zentrums. Ein neun Monate altes Baby spreizt die Beine: wie ein kräuselnder Wurm zieht eine blaurote Narbe über die Scheide. Das Bindegewebe der kleinen Schamlippen ist ausgekratzt und grob vernarbt.

Als die Ärztin vor einem Jahrzehnt zum ersten Mal eine "Sunna-Beschneidung" vor Augen hatte, war ihr Entschluß gefaßt, "gegen diese grausame sexuelle Verstümmelung zu kämpfen". Bei ihren zumeist männlichen Kollegen in den Gesundheitsämtern verlief der Aufruf im Sande, alle neuen Fälle sexueller Verstümmelung bei der Polizei zu melden – galt allgemein doch die Devise: Was sollen wir uns in die Bräuche von Buschmenschen einmischen!

Die afrikanischen Mütter wurden zwar in den PMI-Zentren vom Verbot der Beschneidung informiert, doch befolgt wurde es nicht. Seit die französische Regierung in den frühen achtziger Jahren die Zusammenführung der Immigrantenfamilien erleichterte, registrierten Krankenhäuser immer häufiger neuartige Eingänge, die den Behörden gemeldet und schließlich auch von den Medien beachtet wurden: Säuglinge und kleine Mädchen, die nach dem Rasierklingenschnitt verblutend und zu spät in die Klinik gebracht wurden.

Es blieb einer Handvoll Aktivistinnen aus der Frauenrechtsliga überlassen, der Justiz die Scheuklappen abzunehmen. Ähnlich wie die meisten Ärzte weigerten sich auch die Richter, eine fremde kulturelle Tradition strafrechtlich zu verfolgen. Der Paragraph 312 des Strafgesetzbuches, der vorsätzliche Körperverletzung behandelt, sei im Fall "der Ausübung eines kulturellen Brauchs" nicht anwendbar, lautete der Spruch eines Richters.

Linda Weil-Curiel läßt die letzten zehn Jahre ihres "eigensinnigen" Kampfes gegen die Justiz und für "das Recht aller Frauen auf ihre körperliche Integrität" noch einmal abrollen, und man glaubt, einer horrenden Farce über die multikulturelle Gesellschaft Europas beizuwohnen. Während gerade das Glockenspiel im Kirchturm von Saint-Germain-des-Pres das Gequake der Touristen überspielt, das in ihr Anwaltsbüro über dem "Café Deux Magots" heraufdringt, wirft sie das Video einer Excision auf die Leinwand: Ein kleines Mädchen, völlig nackt auf einem Schemel sitzend, wird von drei Frauen festgehalten. Die eine drückt ihre Arme fest um die Brust und die Arme des Mädchens, während die zwei anderen seine Beine weit aufspreizen. Die "Exciseuse", die Beschneiderin, sagt ein kurzes Gebet – "Allah ist groß und Mohammed sein Prophet. Möge Allah alles Böse fernhalten." Dann nimmt sie eine Rasierklinge und schneidet die Klitoris ab. Danach schneidet sie entlang der kleinen Lippe und beginnt das Fleisch der großen Lippe auszukratzen – von einer Seite der Vulva zur anderen. Das kleine Mädchen schreit und windet sich im eisernen Zangengriff der Frauen. Die Operateurin wischt das Blut von der Wunde, und die Mutter legt ihre Hand wie zur Überprüfung hinein. Eine winzige Öffnung bleibt, nachdem die Haut der großen Lippe mit mehreren Dornen einer Akazie zusammengeheftet worden ist. Mit Pferdehaar werden die Dornen befestigt, und darüber wird eine dunkle Paste geschmiert. Zwanzig Minuten hat die "Operation" gedauert. Jetzt wird das Mädchen von der Hüfte bis zu den Füßen in Baumwollstreifen eingewickelt: Die kleine Mumie kommt ins Bett.

Dieses Dokument einer Infibulation, der extremsten Form der weiblichen Beschneidung, wie sie heute noch in Äthiopien praktiziert wird, hält Linda Weil-Curiel unter Verschluß. "Kein Richter würde die Geschworenen damit foltern wollen", meint sie. Auch die Filmkassette einer Sunna-Beschneidung, die GAMS, die Organisation gegen die sexuelle Verstümmelung, dem medizinischen Personal zeigt, ist bisher in keinem Prozeß als Beweismaterial zugelassen worden.

Daß überhaupt einigen Eltern und Exciseusen in den letzten Jahren der Prozeß gemacht wurde, ist allein dem Engagement dieser Anwältin und einigen in den PMI-Zentren angestellten Ärztinnen zu verdanken. "Die Vorstellung, daß auf französischem Boden jeden Tag kleine Mädchen verstümmelt werden und weitere 36 000 in dieser Gefahr schweben, hat den Hürdenlauf der letzten Jahre leicht gemacht", sagt Linda Weil-Curiel. Auch galt es juristisches Neuland zu betreten, und es habe sie fasziniert, den Tatbestand der Beschneidung als vorsätzliche schwere Körperverletzung einzuführen.

Die Zurückhaltung der Justiz war zweifellos auch politisch motiviert. Man wollte damals den Straßenfegerbrigaden aus Mali und Senegal, die Paris so schön sauber hielten, keine Scherereien bereiten.

Als 1980 zum ersten Mal ein Pariser Krankenhaus den Befund "einer erweiterten Beschneidung unter großem Blutverlust und folgendem Schock" dem zuständigen Jugendrichter übermittelte, dauerte es ganze vier Jahre, bis der Vater, der mit einer Rasierklinge seine Tochter beschnitten hatte, verurteilt wurde. Wegen "Schlägen und Verletzungen eines Kindes unter fünfzehn Jahren" bekam er ein Jahr auf Bewährung. Inzwischen häuften sich die Todesfälle afrikanischer Babies. Linda Weil-Curiel mußte einen Weg finden, daß die Verstümmelung selbst und nicht allein ihre Folgen strafrechtlich geahndet würden. Sie mußte eine Kinderschutzorganisation ausfindig machen, die es ihr erlaubte, in deren Namen als Nebenklägerin vor Gericht aufzutreten.

"Hätte es nicht Lindas juristische Interpretationen und Plädoyers gegeben, würde sich noch heute kein Schwurgericht für zuständig halten, über die Tätlichkeit afrikanischer Eltern und der Exciseusen zu urteilen", meint Dr. Marie-Helene Franjou. Auch sie gehört zu der kleinen Gruppe von PMI-Ärztinnen, die Eltern vor Gericht brachten und professionelles Zeugnis über die psychischen und physischen Schäden der beschnittenen Frau ablegten. In ihrer Praxis in einem der Pariser Vorortghettos hat sie Komplikationen bei der Entbindung afrikanischer Frauen erlebt und eine Passivität, die als depressives Verhalten zu gelten hat. Ihre Einmischung und ihr Engagement begründet sie so: "Die meisten der hier geborenen Afrikanerinnen werden bleiben. Wir müssen ihnen die Rechte einer französischen Staatsbürgerin gewährleisten."

Im Prozeß Coulibaly, der im März viel Aufsehen erregte, saß ein seit vielen Jahren in Paris lebender Mann aus Mali mit seiner ersten Frau wegen der Beschneidung ihrer sechs Töchter auf der Anklagebank. Seine zweite Frau hielt ihre zwei Jüngsten auf dem Schoß. Sie sind nicht beschnitten. Das haben sie Dr. Burchard zu verdanken. Sie erinnert sich, wie Sory Coulibaly sie anflehte, die Beschneidung bitte doch selbst auszuführen. Auch ist es für die Frauen schwer verständlich, warum die Beschneidung strafbar, die Polygamie dagegen weiterhin geduldet wird.

Die Eltern wurden zu fünf Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt, die Beschneiderin muß fünf Jahre ins Gefängnis.

Mittlerweile ist das Bewußtsein gewachsen, daß das multikulturelle Zusammenleben Kompromisse erfordert, das Lernen auf beiden Seiten. Der Erfolg einer Umerziehung aber wird zuvorderst von den Afrikanerinnen selber abhängen, das wissen auch die französischen Aktivistinnen. Sie bemühen sich, afrikanische Gesundheits- und Frauenorganisationen für ihren Kampf zu gewinnen. Seit der UNO-Frauenrechtskonferenz in Addis Abeba, auf der ein umfassender Bericht über das Beschneidungsritual und seine Konsequenzen publiziert wurde, wächst die Zahl der afrikanischen Mitstreiterinnen. Wie es sich allerdings auch im Mikrokosmos der Pariser Prozesse gezeigt hat, bleibt man gespalten. Da stand zum Beispiel eine nigerianische Ethnologin – "was weiß denn schon ein Europäer über das Lustgefühl der afrikanischen Frau" – einer senegalesischen Ärztin gegenüber, die die Beschneidung als "barbarische Unterdrückung der Frau durch den Mann" anprangerte.

Daß die Informationskampagne, die bereits in den Konsulaten der afrikanischen Länder beginnen sollte, verstärkt werden müsse, darüber sind sich afrikanische wie europäische Frauenorganisationen einig. England hat diesen Weg gewählt, nachdem bis vor einem Jahrzehnt noch die Beschneidungen in einer staatlichen Klinik ausgeführt wurden. Auch Schweden und die Schweiz haben einschlägige Gesetze verabschiedet, bisher aber noch in keinem Fall angewandt.

In einigen afrikanischen Ländern, wie zum Beispiel in Burkina-Faso, Benin und Dschibuti, haben die Staatschefs persönlich zur Informationskampagne gegen die Beschneidung aufgerufen. Einer dieser Rufer in der Wüste hat die Wahrheit ausgesprochen: "In unserer Gesellschaft ist die Frau schlicht ein Tier. Genutzt wie eine Kuh, eine echte Kuh, die Kinder gebärt, die Milch gibt, die Arbeitskraft besitzt und obendrein noch Vergnügen bietet. Wenn sie alt und müde ist, ersetzt sie eine andere. Das war’s dann – sie hat kein Recht, Rat zu geben oder ihre Meinung zu äußern."

Angst und Verzweiflung

Aminata Diop hat eine andere Vorstellung vom Leben. Die 22jährige Frau ist vor einem Jahr aus Mali nach Frankreich geflüchtet. Sie wollte um jeden Preis der von Eltern und Bräutigam erzwungenen Beschneidung entrinnen. Sie hat Asyl beantragt – das erste Mal, daß in einem westlichen Land eine Frau ihr Asylgesuch mit "der massiven Bedrohung ihrer körperlichen Integrität" begründet hat.

Aminata sieht aus wie eine brave Missionsschülerin, die sie auch einmal war. Sie spricht leise, ihre Hände bleiben im Schoß gefaltet. Nicht eine Geste verrät ihre Angst und Verzweiflung. Schon als Zehnjährige war sie auf der Flucht. Damals war eine ihrer Freundinnen nach der Beschneidung gestorben; die schrecklichen Schmerzensschreie der Mädchen blieben ihr im Ohr. Die Schule in Bamako erlaubte es ihr, ihre Besuche im Heimatdorf so zu legen, daß das jährliche Beschneidungsfest bereits stattgefunden hatte. Als sie schließlich den von ihrem Vater ausgesuchten Mann traf und sich mit ihm vereinigte, stand ihr Entschluß noch fester, sich niemals beschneiden zu lassen. Das große Hochzeitsfest im Dorf sollte damit beginnen – so wollten es die Eltern und der Bräutigam. Noch spät in der Nacht bestieg Aminata einen vorbeikommenden Laster, kam in Bamako bei einer Freundin unter, die für eine belgische Fluglinie arbeitet und ihr einen Billigflug organisieren konnte. Sie bekam ihren ersten Paß mit Besucherstempel. Für die Familie war sie längst zur Aussätzigen geworden. Ihr Vater hatte bereits die Mutter, "die eine solche Tochter geboren hat", aus dem Dorf verbannt.

Eine ältere Gynäkologin, die sie im Auftrag der Pariser Asylbehörde untersuchen sollte, um festzustellen, ob Aminata auch wirklich nicht beschnitten war, nahm sie bei sich auf. Linda Weil-Curiel kämpfte den Fall "dieser unglaublich mutigen Frau" zehn Monate lang durch die Instanzen der Asylbehörde. Vor zwei Wochen ist ihr Asylgesuch abgelehnt worden, weil die Behörde ihre Geschichte für nicht überprüfbar hielt. Doch hat das oberste Gremium der Asylbehörde im Prinzip die Gefahr einer erzwungenen Beschneidung als Asylgrund anerkannt: "Die Beschneidung fällt unter die Menschenrechtsverletzungen, wie sie von der Genfer Konvention definiert wurden."