Seit vierzig Jahren wacht Heinz-Georg Bruder über 150 Kilometer Zaun und ebenso viele Kilometer kanalisierte Kloake. Von Gelsenkirchen bis Dinslaken sorgt er sich um die Sicherheit von Hundehaltern und spielenden Kindern entlang eines Flusses, der keiner mehr ist. Bruder ist Streckenmeister am Unterlauf der Emscher – der Welt größtem offenen Abwassersystem. Als im vergangenen Jahr eine Frau in der Emscher ertrank, erzählt er, habe es Tage gedauert, bis man herausfand, daß die Tote eine Farbige war – so sehr hatte die Kloake die Haut gebleicht.

Ganze zwanzig Prozent reinen Wassers fließen noch in der Transportrinne für den Industrieschmutz des nördlichen Ruhrgebiets; achtzig Prozent der Emscher bestehen aus Abwasser. Bei anderen Industriegewässern ist das Verhältnis umgekehrt.

Von ihrem Oberlauf bis zu ihrer Mündung in den Rhein ist die Emscher deshalb samt ihrer Nebenflüsse abgezäunt und Stacheldrahtverhauen. Nur gutgesicherte Tore aus Stahl führen durch den ständig kontrollierten Maschinendrahtzaun.

"Der Fluß ist wirklich gefährlich", erläutert Bruder. Die Betonschalen, die das einst mäandernde Gewässer seit fast neunzig Jahren in gerade Bahnen zwingen, seien "steil und ganz glatt. Da darf ja nichts hängenbleiben." Wer da hineinfällt, findet keinen Halt mehr. Dennoch, seufzt der Streckenmeister, sei "jeden Tag ein Stück Zaun durchgekniffen".

"Wir haben das hier immer mit der Berliner Mauer verglichen", sagt Werner-Jan Schmidt, Mitbegründer des Vereins "Menschen an der Emscher". Nur wenige Gehminuten trennen ihn von Vereinskollegen auf der anderen Seite des Flusses. Doch die Brücke über die Emscher ist abgesperrt und unzugänglich.

Der 33jährige wohnt mit seiner Familie am Emscherlauf in Höhe Castrop-Rauxel. Ein unangenehmer, säuerlicher Geruch weht in seinen Garten herüber, vor allem im Sommer, vor allem im Abend. Mit dem Slogan "Die Emscher stinkt" hatte der Verein vor fünf Jahren die Öffentlichkeit und Heinz-Georg Bruders Arbeitgeberin, die Emschergenossenschaft, aufzuscheuchen versucht. Vergeblich, erzählt Schmidt. "Klar stinkt die Emscher", habe damals die Genossenschaft lapidar erwidert und hinzugefügt: "Da seid ihr selber schuld, das ist ja euer eigener Dreck."

Erst als der Verein unter dem Motto "Was so stinkt, muß auch giftig sein" Gewässeranalysen und den Bau von Klärwerken forderte, habe die Emschergenossenschaft ihre harte Position aufgegeben. Es begann ein neuer Zeitabschnitt: der – wie es im Jargon der Genossenschaft heißt – "ökologische Umbau des Emscher-Systems". Aus der Kloake soll wieder ein Gewässer werden.