Es muß einen wie mich ja entzücken, daß die höchste literarische Auszeichnung in Deutschland nicht etwa unter dem großen gemeinsamen Nenner Goethe steht, sondern ausgerechnet an den Namen unseres größten Dichters gebunden ist. Georg Büchner, ein Staatsfeind! ein verjagter Umstürzler! ein verreckter Aufrührer! Gefahndet wurde nach ihm. Und er entwischte seinen Häschern mit knapper Not.

Dem Historiker Walter Grab in Tel Aviv verdanken wir die Bekanntschaft mit dem vergessenen radikalen Demokraten Wilhelm Schulz, Zeitgenosse Büchners und Leidensgenosse. Nach seiner abenteuerlichen Flucht aus dem Kerker freundete er sich im Exil in Straßburg mit Büchner an und wohnte mit ihm dann auch im selben Haus in Zürich, wo beide sich um einen Lehrauftrag an der neugegründeten Universität bewarben. Schulz schrieb vierzehn Jahre nach dem Tod des Freundes: „Keiner wußte es besser, als Büchner selbst, daß er kein Shakespeare war. Aber wenn irgend Einer, so hatte er das Zeug dazu, es zu werden... In ihm hätte Deutschland seinen Shakespeare bekommen, wie es 1848 beinahe seine Freiheit und seine Einheit bekommen hätte. Aber es hat so wenig diese verdient, als Jenen ... dieses Deutschland – oder nenne man es lieber die unselige Verdrehtheit und Zerrissenheit der socialen Zustände – hat ihn auch ums Leben gebracht.“

Was wir schon dunkel ahnten, dank Walter Grab, genannt der Jakobiner-Grab, haben wir es schriftlich: Büchner ist im Exil am lieben Vaterland krepiert und nicht nur in Zürich am Typhus gutbürgerlich verstorben. Aber was heißt hier „hätte Deutschland seinen Shakespeare bekommen, wie ... seine Freiheit und seine Einheit.“ – Wir haben die Freiheit (welche auch immer!), wir haben sogar die Einheit (frag mich nicht, welche!), und wir haben einen Dramatiker von des Elisabethaners Kaliber. Seine drei Stücke beweisen es.

Der Büchner-Preis hat freilich nebenbei auch seinen Preis. Ich, der x-te Laureat, muß mich gewiß nicht ängstlich an den belorbeerten Wortathleten vergangener Jahre messen. Und schon gar nicht mißt sich der Preisträger 1991 an den ewig nach schnell verderblichen Genies suchenden Juroren mit ihrer zeitgeistlichen Wünschelrute in den Händen. Aber messen muß sich jeder Preisochse in Darmstadt an diesem Büchner. So was tut weh. Und das ist womöglich der größte Gewinn: Man weiß wieder schärfer, wo Gott wohnt, und lernt ohne alle lumpenhafte Bescheidenheit wieder Bescheidenheit. Falls wir es auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten je vergaßen: Gemessen an diesem früh gestorbenen Riesen sind wir alle nur langlebige Zwerge.

Bei dem Jahrtausendgenie Georg Büchner gibt es keinen Abfall. Und doch stochert jeder nun wie im Müll und findet, was er grade am allermeisten braucht. Woyzeck – lieber armer Mörder! Dantons Tod – es lebe der König! Leonce und Lena – die hinreißende, die aufreizende Langeweile der Parasiten! und das Lenz-Fragment – wen das nicht umhaut, der hat nie gestanden. Und Büchners politische Umtriebe: die illegale Gründung einer geheimen „Gesellschaft der Menschenrechte“ in Gießen. Der Hessische Landbote – ein aggressiver Traum mit statistischen Stacheln! Aber das wahre Wunder an diesem Menschen ist, daß er auf zwei Beinen ging. Unter lauter tagespolitischen Vierfüßlern und abgehobenen Einbeinern war Georg Büchner ganz ein Dichter und zugleich ganz ein Mann der politischen Tat.

Seine aufklärerische Hetzschrift für die Bauern in Hessen hat die Sprachkraft der Bibel und hatte damals die Sprengkraft einer Anarchistenbombe. Freilich, Sie wissen ja, es versagte der Zünder.

Im Juni ’34 schrieb der junge Mann an seine Familie nach Darmstadt: