Von Manfred Seiler

Wenn man heute von der Germanistik, von der Literaturwissenschaft spricht, dann kratzen sich vielleicht noch einige an der Stirn, schauen überrascht um sich und denken: Ja, da war doch einmal etwas. Aber was? So unbedeutend ist sie geworden, daß man ihr völliges Verschwinden aus dem gegenwärtigen Literatur- und Kulturleben nicht einmal bemerkt hat. Es gibt sie noch, aber man nimmt sie eigentlich nicht mehr zur Kenntnis.

Die alten Heroen, deren Stimme früher noch manchmal in den Feuilletons donnerte, sind in den siebziger Jahren von ihren Nachkommen, die sich nie zu Nachfolgern aufschwangen, demontiert worden. Eine Disziplin ist sie geworden, die offensichtlich jede öffentliche Auseinandersetzung scheut, deren „wissenschaftliche“ Beschäftigung mit der Literatur völlig belanglos ist für die, die Literatur immer noch beschäftigt. Als ob Emil Staiger, der Buhmann in der Germanistik der siebziger Jahre (der auch heute noch als Pappkamerad zum Beispiel für die feministische Literaturwissenschaft herhalten muß), doch noch recht bekommen sollte: „Es ist seltsam bestellt um die Literaturwissenschaft. Wer sie betreibt, verfehlt entweder die Wissenschaft oder die Literatur. Sind wir aber bereit, an so etwas wie Literaturwissenschaft zu glauben, dann müssen wir ... sie auf einem Grund errichten, der dem Wesen des Dichterischen gemäß ist, auf unserer Liebe und Verehrung, auf unserem unmittelbaren Gefühl.“

Wie man weiß, hat sich die Germanistik für den anderen Weg entschieden. Sie wurde eine Wissenschaft, in der ein Wort wie „Gefühl“ fremder klingt als die unverständlichsten Fremdwörter, die heute in dieser Disziplin wuchern.

Dieser Wandel von der Versprachlichung eines Kunsterlebnisses hin zur Wissenschaft wird noch heute in der Germanistik stark verklärt. „Paradigmenwechsel“ nennt sich die Zauberformel für diese Verklärung, ein Begriff, der immer noch mit verdächtiger Insistenz falsch ausgelegt wird. Mit diesem Begriff beschrieb sein Urheber, der Wissenschaftshistoriker Thomas S. Kuhn, in historischer und nicht systematischer Absicht, wie es Wissenschaftstheoretiker bis zu diesem Zeitpunkt immer getan hatten, den Theorienwandel in den Wissenschaften, in den sciences, wie Kuhn betonte, also in den Naturwissenschaften und nicht in den humanities.

Doch diesen Theorienwandel als Folge einer wissenschaftlichen Krise hat es in der Germanistik nie gegeben. Jene Krise, die auch heute noch für den Paradigmenwechsel verantwortlich gemacht wird, war keine „wissenschaftliche“ Krise im Sinne Kuhns. Weder wurden revolutionäre Entdeckungen gemacht, die nach einer neuen Theorie verlangten, noch ergab sich ein Theorienwandel überhaupt aus der Beschäftigung mit dem „wissenschaftlichen Gegenstand“, der Literatur. Vielmehr wurde eine Krise der Gesellschaft in die Disziplin hineingetragen und dort bereitwillig aufgenommen.

Der Zeitpunkt dieser Krise ist auch nicht 1968 anzusetzen, wie immer wieder behauptet wird, sondern 1966, mit der ersten Wirtschaftsrezession, die in der Bundesrepublik wie ein Schock wirkte. Bald auch glaubte man den Grund für die Rezession erkannt zu haben, nämlich im mangelhaften Bildungsstand des deutschen Arbeitnehmers. Die Universitäten sahen sich unversehens in einem Legitimationszwang. Wissenschaft als Selbstzweck war plötzlich verpönt, man mußte schon nachweisen können, daß man einen Beitrag leisten konnte für den neuen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Natur- und Ingenieurwissenschaften hatten dabei keine Schwierigkeiten. Anders die Geisteswissenschaften, die zunächst recht blank dastanden. Doch das Thema beherrschte damals fast alle Kongresse und Tagungen (zum Beispiel den legendären Germanistentag 1966 in München).

Alle Lösungen, die damals vorgeschlagen wurden, liefen im Grunde auf zwei Kernziele hinaus: Die Disziplin mußte politisiert werden (um ihren gesellschaftlichen Nutzen darzulegen), und sie mußte methodologisiert werden (um als Wissenschaft zu gelten). Der Wandel vollzog sich innerhalb weniger Jahre. Aus dem Gelehrtenfach wurde eine Wissenschaft, die sich gesellschafts- und ideologiekritisch mit sich selbst beschäftigte und die Literatur nach ihren „sozialgeschichtlichen Umständen, nach ihren politischen Absichten und Einschlüssen“ befragte. Die immanente Textinterpretation als die bislang einzige Methode, wurde abgelöst durch eine Vielzahl von Methoden und methodischen Ansätzen.

So begeistert war man von seiner neuen Wissenschaftlichkeit, daß man die Tendenz zum Relativismus gar nicht bemerkte. Wurde im vorwissenschaftlichen Zeitalter noch diskutiert und gestritten, wenn ein Gedicht zwei sich widersprechende Interpretationen provozierte (wie noch zwischen Emil Staiger und Martin Heidegger über Mörikes „Die Lampe“), so schien das jetzt keine Beunruhigung mehr auszulösen. Man stellte beide Interpretationen einfach gleichberechtigt nebeneinander und nannte es „Methodenpluralismus“ und „Deutungsvielfalt“, was sich zudem noch irgendwie demokratisch anhörte.

Schon der Anspruch, ein Kunstwerk gültig erkannt und verstanden zu haben, galt schlichtweg als unwissenschaftlich, ebenso wie alle Wertungsfragen oder ästhetischen Urteile. Dieses Geschäft überließ man der als unwissenschaftlich verpönten Literaturkritik im Feuilleton. Merkwürdigerweise fiel damals keinem Germanisten auf, daß man damit den Anspruch aufgab, Entdeckungen zu machen (was doch der Anspruch einer jeden Wissenschaft sein sollte). Und merkwürdigerweise bekümmerte es auch niemanden, daß die neue Wissenschaftlichkeit ein unwissenschaftliches Fundament hatte, nämlich die Werturteile der Literaturkritik. Denn deutungswürdig nach allen Regeln der Wissenschaft war ein Werk ja erst dann, wenn die Kritik mit allen Regeln der Kunst entschieden hatte. Auch die Trennung von Literaturwissenschaft und Trivialforschung, die damals aufkam, hatte ein ästhetisches Urteil zur Voraussetzung, das vor aller Wissenschaft gefällt worden war. So fehlte dem „Paradigmenwechsel“ eben jener Theorienwandel, der nach Kuhn unverzichtbar ist für einen Paradigmenwechsel. Noch immer bestimmte und bestimmt das hermeneutische Paradigma die Literaturwissenschaft, die unbezweifelte Vorstellung, der künstlerische Wert eines Werkes ergäbe sich aus der Deutung seines Inhalts.

Jemandem, der in der Literaturwissenschaft vor zehn oder fünfzehn Jahren seinen Abschluß gemacht und sich danach nicht mehr um sie gekümmert hat und ihr plötzlich auf einem Germanistentag begegnet, mag es so vorkommen, als habe er sie erst gestern verlassen. Irgendwie ist alles gleichgeblieben. Nur schlimmer ist es geworden. Noch immer nimmt die Wissenschaft gesellschaftliche Ereignsse in sich auf, einzig und allein um damit ihren gesellschaftlichen Nutzen zu beweisen. „Kultureller Wandel und die Germanistik in der Bundesrepublik“ lautete das Motto des Germanistentags 1991. Gemeint war damit natürlich die Vereinigung Deutschlands, der kulturelle Wandel durch die Öffnung im Osten – es war der erste gesamtdeutsche Germanistentag nach 1945 –, gemeint war damit aber auch die Öffnung Europas, die den ehemaligen Anspruch der Germanistik, eine Nationalphilologie zu sein, ihre Provinzialität fragwürdig macht. Doch diese Themen wurden nur angesprochen (zum Beispiel in der Eröffnungsrede von Wolf Lepenies), geprägt haben sie diesen Germanistentag nicht.

Immer noch ist die Begeisterung für den Begriff „Wissenschaft“ oder „wissenschaftlich“ ungebrochen. Immer noch gibt es den Methodenpluralismus, die Vieldeutigkeit als Wert, die methodischen Interpretationsansätze, denen es nicht um ein Verständnis geht, sondern um die Bestätigung der gewählten Methode. Immer noch gibt es die Klage über zuwenig Stellen für den „wissenschaftlich hochqualifizierten Nachwuchs“, immer noch den Ruf nach dem Staat, der jetzt endlich die Verbeamtung auf Lebenszeit nach dem ersten Proseminarschein anbieten soll.

Aber „wissenschaftlich qualifiziert“ heißt hier offensichtlich ungeeignet für den Kultur- und Medienbetrieb, wo Germanistikabsolventen nur noch Seltenheitswert haben, wo das Studium von Theater- und Literaturwissenschaft eher als Disqualifikation denn als Qualifikation angesehen wird, wie selbst der neue Vorsitzende des Germanistenverbandes, Professor Ludwig Jäger aus Aachen zugestand. Weil die hochgerühmte Wissenschaftlichkeit zu einer reinen Fußnotenzählerei verkommen ist, wo das Zitat mit seiner korrekten Angabe den eigenen Gedanken ersetzt. Wo der Methodenpluralismus jede Diskussion verhindert, wo man sich in die Deutung stürzt, um sich eine Reflexion über den möglichen ästhetischen Wert gar nicht zuzumuten. Wo es kein Formbewußtsein mehr gibt, keine Kenntnis der Prinzipien von Genres und Gattungen. Wer lehrt noch, was ein Sonett ist, eine Romanze, was die Regeln der klassischen Komödie sind. Welcher Germanistikstudent hat eine Vorstellung von einer Exposition, von einer Novelle, von einem Epos? Wer hat also noch den Mut zu einem (relativ) sicheren und begründeten ästhetischen Urteil? Wenn man sich doch einmal zu einem Werturteil verleiten läßt, dann kann man es nur mit Metaargumenten begründen, mit der „Irritation der Lesegewohnheit“ beispielsweise, der Abweichung von der Norm also, obwohl man diese Norm schon lange nicht mehr kennt und es die Gewohnheit des Lesens eigentlich gar nicht mehr gibt. Irritierend ist nur der, der überhaupt noch liest. Auch in der Germanistik.

So unfähig zum ästhetischen Urteil ist die Literiturwissenschaft geworden, daß sie selbst nicht mehr in der Lage ist, einen Literaturkanon zu entwickeln, wie Renate von Heydebrandt bedauerte, die zugleich ein bedauerliches Beispiel für diese Unfähigkeit anführte: „Wenn der eine Büchners ‚Danton‘ für den Kanon verteidigt, weil er seine politischen, ethischen, religiösen Überzeugungen in diesem Werk am genauesten bestätigt findet, so der andere, weil ihm ... die Unerschöpflichkeit der Deutungsmöglichkeiten höchste ästhetische Befriedigung verschaffen.“

Das ist Resignation vor der Beliebigkeit. Jeder nimmt sich, was er braucht, und sucht sich den entsprechenden methodischen Ansatz dazu. Inhiltlich wird das Kunstwerk auf seine Botschaft reduziert (auch eine vieldeutige Botschaft ist eine Botschaft) und formal auf die Blödsinnsformel „Text“. In der Literaturwissenschaft hat man es immer mit „Texten“ zu tun, nie mit Dramen, mit Erzählungen, Balladen, Oden oder Hymnen. Doch von der Textebene aus ist ein Kanon, also eine Sammlung literarischer Werke, über deren ästhetischen Wert Einigkeit besteht, niemals möglich und auch nicht erwünscht. Ein Kanon soll ja gerade die Relativierungen, die der „Text“ anstrebt, verhindern. Eine Einübung in das Formbewußtsein soll er sein, Argumente soll er absichern, die ein ästhetisches Urteil begründen, das sich auf ein noch nicht kanonisiertes Werk bezieht.

Wenn wir es nur mit Texten zu tun haben, ist unser ästhetisches Urteilsvermögen gar nicht gefordert. Der Text vermittelt uns seine Verfügbarkeit, das Werk fordert Distanz und Respekt. Der Text ist ein Produkt, das Werk eine Leistung. Der Text braucht unser ästhetisches Urteil nicht, weil er unterschiedslos sein will, das Werk nötigt es uns ab. So tobt sich die Angst vor dem ästhetischen Urteil zu einem Werk in der Germanistik als Respektlosigkeit am Text aus.

Deshalb wird die Einebnung der Vielfalt an Formen und Gattungen auf die Plattenbauweise „Text“, die Eliminierung eines ästhetischen Formbewußtseins, immer weiter getrieben, zum Beispiel von der feministischen Literaturwissenschaft, für die ein Text nur noch ein ideologischer Bestätigungscode zu sein hat. Mit dem Pathos aus den Freiheitskriegen wird hier der Geschlechterkampf auf der Textebene ausgetragen. Man will sich keinem „formalen Ansatz unterwerfen“, weil er institutionell und traditionell ist, also bestimmt von der männlichen Ästhetik. „Weiß ich, was ein Text ist? Ich weiß, daß die Tradition es für mich weiß. Die Institution Literatur legt fest, ob ein Text ‚Werk‘ ist oder nicht. Aber wie verstehen wir ein Schreiben, das außerhalb der Institution oder allenfalls an ihren Rändern entsteht?“ Diese Denunzierung der (männlichen) Literatur zu einer Institution ersetzt die notwendige ästhetische Diskussion durch eine moralische, in der das Formbewußtsein zu einem Unterdrückungsmechanismus des weiblichen Schreibens reduziert wird.

Doch auch das Schreiben an den „Rändern“ versteht man nur, wenn man seinen Kern verstanden hat. Das war ja auch der Grund, warum Renate von Heydebrandt die (Wieder-)Einführung eines literarischen Kanons forderte, weil man die Norm kennen muß, um ihre Abweichung zu verstehen. Schreiben ist mehr als nur Ausdruck einer Selbsterkenntnis, als Therapieersatz, wie es in der modisch gewordenen „Schreibbewegung“ betrieben wird, in der die Undeutlichkeit eines Textes eine Entgrenzung von Kunst und Leben suggerieren soll. Zwar mag es statthaft sein, jeden künstlerischen Anspruch im eigenen Schreiben aufzugeben, den eigenen Text als Orientierungs- und Identitätssuche zu begreifen. Der Verlust dieser psychologisierten Literaturwissenschaft besteht jedoch darin, daß sie jeden Text nur so verstehen will. Der „Mann ohne Eigenschaften“ als der „Mann von nebenan“.

„Eine ganze Literaturwissenschaft wäre zunächst einmal eine, in die ich schreibend als ICH verstrickt wäre“, schreibt Christa Bürger. Und: „Meine Schwierigkeiten rühren von meiner Undeutlichkeit her; Beteiligte und Beobachtende zugleich weiß ich mich. Als Professorin mit Stellenbeschreibung, Prüfungsberechtigung und Besoldungsgruppe bin ich Teil der Institution Wissenschaft, als Schreibende fühle ich mich außerhalb.“ Genau das aber steckt hinter der Forderung nach der ästhetischen Kompetenz, dem Mut zur Deutlichkeit.

Da kann man, muß man Wolf Lepenies zustimmen, der in seinem Eröffnungsvortrag die Evaluierung der Wissenschaften auch für die alten Bundesländer fordert. Doch die West-Germanistik scheut die Auseinandersetzung mit ihrer Schwester aus der ehemaligen DDR. Mehr als die Forderung, man möge die Abwicklung der Wissenschaft nicht so hastig betreiben wie die der Wirtschaft, und ein paar Hinweise auf die sprachlichen und literarischen Kenntnisse des östlichen Kulturraums in der DDR-Germanistik war nicht zu hören. Zu vermuten ist, daß man in der westlichen Literaturwissenschaft ahnt, wie gering die Unterschiede auf der methodischen Ebene sind, obwohl und gerade weil die Germanistik in der DDR so ideologisch geprägt war als Kernwissenschaft im pädagogischen Programm mit dem Titel „Erziehung zum neuen Menschen“.

Auch dort regierte das hermeneutische Paradigma, auch dort wurde der Wert eines literarischen Werks durch die Deutung bestimmt, die das ästhetische Urteil durch die ideologische Bewertung der Botschaft ersetzt, durch die Bestätigung „politischer, ethischer, religiöser Überzeugungen“. Die Entscheidung für ein bestimmtes hermeneutisch notwendiges Vorverständnis wird jedoch vor jeder methodisch abgesicherten Deutung getroffen, außerhalb jeder Wissenschaftlichkeit, unabhängig von allen Kriterien. Der geforderten Politisierung der Germanistik im Westen entsprach im Osten die praktizierte Ideologisierung. Die Deutung sagt nur etwas über den „vorgeformten Erwartungshorizont“ des Interpreten und nichts über den ästhetischen Wert eines Werks.

Solange das hermeneutische Paradigma die Literaturwissenschaft beherrscht, ist ihr ideologischer Mißbrauch quasi methodologisch vorgegeben. Wie stark dieser Mißbrauch wirkt, wird auf der Ebene der politischen Macht entschieden und nicht im germanistischen Seminar. Und so verschieden die Vorgaben des Erwartungshorizontes auch sein mögen, solange sich der hermeneutische Zirkel dreht, kommt am Ende doch immer das gleiche dabei heraus: das „wissenschaftlich hochqualifizierte“ Personal von Ex-DDR und Ex-BRD mit seiner einigenden Angst vor dem ästhetischen Urteil und dem gemeinsamen Wunsch nach Verbeamtung.