Von Karl-Markus Gauß

Hundert Tage und sechshundert Seiten lang regnet es in diesem verstörenden, grandiosen Roman unaufhörlich, "es war ein Regen, ekelhaft wie nie, ein dünnes, weinerliches Gewieschel"; dann ist das ganze, von biedersinnigen Bestien bevölkerte Dorf, dann ist Österreich, wo es am schönsten und abgründigsten ist, in Schlamm und Kot, in Lehm und Jauche ertrunken. Schweigen heißt der Ort des Entsetzens, der in diesem Winter 1952/53 von einer rätselhaften Serie von Morden und absonderlichen Erscheinungen der Witterung heimgesucht wird. "In dieser Nacht und ihrem Rabenschwarz waren Land und Himmel zusammengewachsen, so daß es nirgends ein Entrinnen gab." Rächend und strafend kommt die Natur über die Provinzwelt, in der die Kriegsverbrecher von gestern als Honoratioren von heute wohlangesehen sind und über die Greueltaten des Krieges längst die gespenstische Idylle aus Wiederaufbau und Wohlstand, Heimatverein und Fremdenverkehr gewachsen ist.

"Was mich betrifft: ich habe mich abgefunden, daß ich unter Mördern lebe", sagt einer, der dazugehört, ohne damals mitgemacht zu haben. Daß die Täter ungeschoren davonkommen und ihre Schandtaten vergessen werden, daß alles, was in Schweigen geschehen ist, vertuscht wird, damit können sich einzig die nicht abfinden, denen es damals ans Leben ging: die Ermordeten. Weil über die Verbrechen, denen sie zum Opfer gefallen sind, rasch und undurchdringlich der Trachtenmantel des Schweigens gebreitet wurde, beginnen sie, die Toten, den überlebenden Mördern, denen in Österreich sonst keiner Übles wollte, ihren eigenen Prozeß zu machen. Und sie erwählen sich aus dem Dorf auch einen Henkersknecht, der ihr Urteil vollstreckt, denn: "Die Toten haben Hunger."

Der 1919 geborene, souverän über eine Vielzahl von Stilmitteln, literarischen Tricks und Techniken verfügende Hans Lebert hat seinen Roman "Die Wolfshaut" erstmals 1960 veröffentlicht. Obwohl es vom konservativen Patriarchen der Literatur Heimito von Doderer bis zum ketzerischen Marxisten Ernst Fischer nicht an rühmenden Stimmen fehlte, die in dem monumentalen Roman ein Meisterwerk österreichischer Erzählkunst erkannten, blieb sein Erfolg beschränkt.

Hans Lebert, der 1941 der Anklage wegen Wehrkraftzersetzung nur durch Simulation einer Nervenkrankheit zu entrinnen vermochte, hat sich in der Folge nicht nur aus dem literarischen, sondern nachgerade von der Teilhabe am öffentlichen Leben zurückgezogen. Der Erzähler Lebert, ein radikaler Sprachkünstler ganz eigener Prägung, ist verstummt, und doch werden wir ihn, einen Neffen Alban Bergs, der in seiner Jugend als Heldentenor in Wagner-Opern gefeiert wurde, allein der "Wolfshaut" wegen zu den großen österreichischen Schriftstellern zählen müssen. "Die Wolfshaut" ist zugleich ein spannender Krimi, Österreichs düsterster Provinzroman vor Thomas Bernhard und eine über die historisch präzise skizzierten Verhältnisse hinauswachsende Parabel von Schuld und Sühne. Die Natur ist in ihm vollständig anthropomorphisiert, und dies durchaus im Zeichen des Unheils: "Maletta gelangte ans südliche Ende der Ortschaft und wankte in eine parteibraune Landschaft hinaus. Die Bäume längs der Fahrbahn standen Spalier und hoben grüßend ihre Hände hoch; in weißen Stutzen marschierten die Prellsteine auf; die Windstöße knatterten wie in Standarten und Fahnen."

Ein ekliger Geruch von Verwesung liegt über dem Dorf, in dessen "Gast- und Fleischhauerei Zur Traube", einer Vorhölle aus Schnaps und fetten Würsten, tränenseliger Kriegskameraderie und gewalttätiger Brunft, die Honoratioren mit dem Vertuschen ihrer Vergangenheit beschäftigt sind. Aber, "die verborgene Fäulnis" stinkt zum Himmel und verflüchtigt sich erst, als die Gräber geöffnet werden, das Geheimnis gelüftet ist: In der stillgelegten’ Ziegelei sind noch in den letzten Kriegstagen sechs Fremdarbeiter erschossen und verscharrt worden.

Aufgedeckt und gerächt wird das Verbrechen, das Lebert unmißverständlich als "Kollektivschuld" deutet, durch zwei Außenseiter: durch den nach Jahren zurückgekehrten "Matrosen", der nach dem Grund für den Selbstmord seines Vaters sucht und in dessen Mitschuld an den Ermordungen findet; und durch Maletta, einen Getretenen und Verdammten, der im Dorf mit den unsäglichsten, von Lebert in wahrhaft schauerlicher Intensität ausgebreiteten Grausamkeiten und Demütigungen gequält und darum von den Toten als ihr Werkzeug der Rache gewählt wird.