Tübingen

Der Professor hält einen Vortrag über „Chaosforschung“. Er scheint selbst etwas chaotisch, geht auf und ab, zieht erst einmal die Jacke aus, faßt sich ans Kinn und beginnt dann, mit einer winzigen Schrift Namen, Begriffe und Figuren an die Tafel zu zeichnen. Weit ausholend, kommt er scheinbar vom Hölzchen aufs Stöckchen und doch immer wieder zum Ausgangspunkt zurück. Am Ende des Abends haben wir Denker wie Epiktet und Eigen, Descartes und Bertalanffy, aber auch einige der absurden Spielregeln des Wissenschaftsbetriebs kennengelernt. Und von der Chaosforschung haben wir immerhin so viel begriffen, daß sie mit ihren Gleichungssystemen und künstlichen Computerwelten die Kausalität wieder in die Physik einführen will, die ihr die Quantentheorie geraubt hat.

Fünfzig Studenten des Leibniz-Kollegs in der Tübinger Brunnenstraße klatschen Beifall und stellen dann ihre Fragen. Mehr noch als die Einblicke in eine neue Wissenschaft beeindruckt sie der Lebenslauf des Referenten. Denn Otto Rössler, so heißt der liebenswert chaotische Professor, ist ursprünglich Mediziner. Dieses Fach hat er einst studiert, um als Psychiater eine „Theorie der Liebe“ zu entwickeln. Statt dessen kam er über viele Umwege zur theoretischen Biologie und machte sich schließlich als einer der Begründer der Chaosforschung einen Namen. Für Joachim, 22 Jahre alt, ist die Erfahrung tröstlich, „daß man etwas anfangen und später was ganz anderes machen kann“. Die fünfzig jungen Leute kommen aus allen Teilen Deutschlands und aus dem Ausland, haben gerade das Abitur, den Wehr- oder Zivildienst hinter sich und noch lange keinen geradlinigen Plan für ihr Leben. Viele wissen nicht, was, ja ob sie überhaupt studieren sollen. Darum sind sie für ein Jahr ins Leibniz-Kolleg gekommen, das ihnen mit seiner einzigartigen Kombination aus Zusammenleben und Zusammenlernen eine Orientierung bietet.

Ein Studium generale im weitesten Sinne steht auf dem Stundenplan: Junge Dozenten, die meisten von der Tübinger Universität, geben in Arbeitskreisen und Studiengemeinschaften Einblick in ihre Wissenschaft, von der Physik bis zur Theologie, von der Sinologie bis zur Frauenforschung. Die Studenten können wählen, ob sie sich lieber ins Arbeitsrecht oder in die Apokalyptik, ins Wien der Jahrhundertwende oder ins Europa der neunziger Jahre vertiefen wollen; drei oder vier dieser Themen suchen sie sich aus, wobei eine Naturwissenschaft immer dabei sein soll.

In den Kursen arbeiten sie mit viel Eigeninitiative, verfassen Protokolle, Referate und erste eigenständige wissenschaftliche Untersuchungen, die sogenannten „Trimesterarbeiten“. Die können sehr theoretisch ausfallen („Das Böse im Alten Testament“) oder ganz praktisch (Laborversuche in der Krebsforschung). Die Einführung ins wissenschaftliche Arbeiten ist so systematisch, daß die Absolventen später an der Uni einen deutlichen Vorsprung haben.

Wer dann noch Zeit und Interesse hat, kann zeichnen, photographieren oder Theater spielen, einen Sprachkurs belegen oder die gemeinsame Studienreise vorbereiten helfen, die dieses Jahr nach Rom führte. Felicitas aus München hat dabei ihr ideales Studienfach entdeckt, die Architektur: „Da kann ich das Mathematische mit dem Künstlerischen verbinden.“

Aber das ist nur die eine Seite des Leibnizianer-Daseins. Wer wie die Autorin selbst ein Jahr in dem alten Gebäude in der Brunnenstraße verbracht hat, weiß, daß das Gemeinschaftsleben mindestens genauso prägend ist wie die Kopfarbeit. Das gemeinsame Wohnen in Doppelzimmern, Geburtstagsfeiern, Tanzfeten, Spaziergänge und nächtelange Diskussionen legen die Grundlage für Freundschaften, die ein Leben lang halten können. Nicht wenige Altleibnizianer empfinden wie die 33jährige Rita Mulert: „Es war das tollste Jahr meines Lebens.“

Das Leibniz-Kolleg wurde 1948 auf Initiative der französischen Militärregierung von Professorin der Tübinger Universität ins Leben gerufen. Zunächst sollten heimkehrende Soldaten mit „Notabitur“ nochmals ein Stück Allgemeinbildung erhalten. Doch die Gründerväter des Kollegs, zu denen der Theologe Romano Guardini, der Pädagoge Eduard Spranger und der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker gehörten, wollten mehr: „Nach den Verwüstungen der totalitären Jahre“ sollte mit dem Studium generale „eine neue geisiespädagogische Aufgabe“ erfüllt werden; die Studentinnen und Studenten sollten lernen, „die Beziehungen von Mensch zu Mensch, von Gemeinschaft und einzelnen, von Autorität und Initiative richtig zu leben“. Von der Autorität der frühen Jahre mit strikten Stundenplänen, gemeinsamen Essen und getrennten Flügeln für Frauen und Männer ist wenig übriggeblieben in der Brunnenstraße 34. Freiheit und Eigeninitiative sind gewachsen. Fünfhundert Mark pro Monat zahlen die Studenten oder ihre Eltern aus der eigenen Tasche; es gibt auch Stipendien.

Eine elitäre Einrichtung? Der ehrenamtliche Leiter des Kollegs, Professor Dietrich Niethammer, vielbeschäftigter Kinderarzt und Krebsspezialist, ist sich sicher: „Für die Kinder reicher Leute oder für Einserschüler hätte ich mich nicht hergegeben.“ – „Das Mädchen aus einer bayerischen Bauernfamilie mit vier Geschwistern und ohne Bücherregal zu Hause“, sagt ein anderer, habe darum ebenso gute Karten wie die – noch wenigen – Bewerber aus den neuen Bundesländern. Jedes Jahr melden sich (bis zum 20. Juli) vier- bis fünfmal so viele, wie aufgenommen werden können.

Warum gibt es nicht mehr Leibniz-Kollegs? „Die Universitäten“, sagt Professor Niethammer, „haben derzeit andere Probleme. Sie haben die Massen zu bewältigen.“ Und im Osten, wo ähnlich wie 1948 die „Verwüstungen der totalitären Jahre“ abgewickelt werden, denkt offenbar 1991 niemand an „neue geistespädagogische Aufgaben“ im Sinne eines Studium generale à la Leibniz-Kolleg. Wie sagte doch Professor Rössler, der Chaosforscher, so schön: „Was der Wissenschaft heute am meisten fehlt, ist Enthusiasmus.“

Judith Rauch