Von Christoph Dieckmann

Berlin, im Oktober

Der Mann ist völlig fertig. Ein Haufen Elend, so steht er vor seiner Gemeinde in der kleinen Kirche von Altglienicke am Rande Berlins: Gottfried Gartenschläger, ehemals Held der Opposition, Ostberlins urigster Pfarrer. Bärbeißige Anekdoten rankten sich um den Hünen mit der Lederjacke, und als der Stern 1986 über das unruhige Leben unter Kirchendächern in der DDR berichtete, fand sich kein fotogeneres Objekt als dieser Pastor, der so aussieht, wie er heißt.

Am vorigen Dienstag titelte Bild: "Berliner Pfarrer ein Stasi-Agent". Er gibt es zu; fast versagt ihm die Stimme dabei. "Und wenn Sie mich fragen, warum ich erst jetzt damit herauskomme: aus total scheißender Angst." Plötzlich erinnert man sich: Hatte Gartenschläger nicht die Videokamera geschwenkt, wann immer "die Opposition" sich in Ostberliner Kirchen versammelte? Wirkte sein Friedrichsfelder Friedenskreis nicht seltsam bremsend und sektiererisch, als sich kurz vor der Wende die kritischen Kräfte hätten bündeln müssen? Der Held ein Lump – die Sache scheint klar. Das ist sie keineswegs. Gartenschläger besteht darauf, kein Agent, kein Spitzel gewesen zu sein. Kontakte habe er gehabt, aber nicht für den Sicherheitsdienst gearbeitet, nichts unterschrieben, nie Geld kassiert.

1975 fing es an; da war Gottfried Gartenschläger fünfundzwanzig und Student. Er gehörte zur Leitung des Ostberliner Jugendklubs "Die Box" in der Grünberger Straße, wo stattfand, was in der DDR selten war: politische Diskussionen unterschiedlichster Partner, Auftritte "schwieriger" Künstler, überhaupt Kontakt zu sogenannten Andersdenkenden, auch zu "SED-Genossen, die genau dasselbe wollten wie ich: Möglichkeiten finden, wie das eine oder andere im Staat besser zu regeln ist". Ein Thema war die gleitende Arbeitszeit, ein anderes Erich von Dänikens Film "Erinnerungen an die Zukunft", der nach kurzem Einsatz aus den DDR-Kinos zurückgezogen wurde. Alsbald bekamen die Leute von der "Box" wachsamen Besuch. Erstaunt erfuhren sie, hier würde die Konterrevolution organisiert. Gartenschläger sah einen missionarischen Auftrag darin, die Stasi von dieser hirnrissigen Phobie zu heilen und gab ihr ein Beispiel kritischer Solidarität mit der DDR: sich selbst.

Das stille Drama begann. Gartenschläger, mittlerweile Pfarrer in Berlin-Friedrichsfelde, traf sich mit den Genossen Tschekisten, mal vier-, mal achtwöchentlich in konspirativen Stasi-Wohnungen. Das belastet ihn allerdings, denn Wackelkandidaten bekamen für gewöhnlich keinen Einlaß zu diesen Treffs. "Zu mir nach Hause wollte keiner kommen", sagt Gartenschläger. Weil er seinen Gesprächspartnern aus dem "Brief an einen Pfarrer in der DDR" des Schweizer Theologen Karl Barth vorgelesen hatte, taufte man ihn auf den Decknamen "Barth" – nach "Czerny" für den bratschenden de Maizière ein weiterer Beweis des schöngeistigen Charakters der Stasi.

"Ich gäbe sonstwas drum", beteuert Gartenschläger, "wenn ich nie in diese Lage geraten wäre. Aber wenn ich mich noch mal entscheiden müßte: Ich würde es wieder so machen." An beiden Seiten seien die Gespräche nicht spurlos vorübergegangen; jeder habe aus der Sicht des anderen gelernt. Daß es genützt hat, glaubt er bis heute; "sonst wär’s ja umsonst gewesen. Nur wer selbst ein Schwein ist, informiert auch wie ein Schwein." Er wollte die Kontakte nutzen, um Bedrohungen zu kennen und sie abzuwehren. Ging das nicht manchmal böse aus? "Ich weiß von keinem Fall, wo ich jemandem konkret geschadet hätte, aber ich kann es nicht ausschließen."

In den achtziger Jahren wuchs die kirchliche Friedensbewegung langsam zur staatskritischen Institution heran. Gartenschlägers Friedenskreis in Friedrichsfelde war eines der bekannten Zentren und der Friedrichsfelder Feuermelder ein geschätztes Periodikum im DDR-Samisdat. "Die Friedensbewegung wurde im weitesten Sinne als feindlich angesehen. Wenn man überhaupt so sprechen will: Ich habe die Feinde in Leuten gesehen, denen hier alles scheißegal war und die sich überhaupt nicht engagierten. Das waren für meine Begriffe in diesem Land neunzig Prozent." Gartenschläger, ein rabiater Ausreisegegner, ging regelmäßig zur Wahl, wozu er auch "seine" Jugendlichen anhielt. "Einmischen sollten sie sich auf diesen Bürgerdebatten vor der Wahl. Dort war man ganz erschrocken, wenn wir auftauchten und diskutieren wollten. Die wären lieber unter sich geblieben."

Dies gilt auch für jenen Teil der Amtskirche, der sich 1990 in nacheilender Tapferkeit die vorrevolutionäre Heldenrolle andichten ließ. Wahr ist, daß Gartenschlägers jahrelange "Offene Arbeit" mit Punks, Anarchos, Öko-Freaks und ähnlich sperrigen Kindern der DDR vielerorts auf kirchliches Unbehagen stieß. Als Freya Klier und Stephan Krawczyk schon DDR-weit Auftrittsverbot hatten, durften sie in Gartenschlägers Kirche noch ihr Programm aufführen, obwohl sie kein Christentum vortäuschten. Mancher Mann mit Kirchenschlüsseln ließ sich vor der Wende gern den Taufschein zeigen, bevor er unters schützende Dach einlud. "Die Kirche ist für alle da, aber nicht für alles", hatte der Thüringer Bischof Werner Leich gesagt – ein dehnbares Wort, das manches einschloß, zage Frömmigkeit wie frommen Mut.

Es hat in der DDR viele Motive gegeben, sich mit der Stasi einzulassen: Angst, Eitelkeit, Karrierismus, Geldgier, Rachsucht, Selbsthaß, den Reiz eines Lebens auf der Kippe, Idealismus nicht zuletzt und eine Schizophrenie, die im SED-Staat geeigneten Boden fand. Als erster Pfarrer in der DDR mußte unlängst Michael Stanescu aus dem thüringischen Kreis Stadtroda eine regelrechte Stasi-Mitarbeit gestehen. Beides sei er gewesen, sagte er: mal ganz Agent, mal völlig Kirchenmann. Es gab mildere Formen des Selbstbetruges. Viele lebten in taktischer Ironie, von ganzem Herzen halb und halb, auch Journalisten und Schriftsteller als schreibende Mikadospieler zwischen Staatsmacht und Leserschaft. Günter de Bruyn hat den geistigen Kuhhandel beschrieben: "Um einen Gedanken, der wichtig schien, unter die Leute zu bringen, gab man den anderen preis."

Der Präzedenzfall Gottfried Gartenschläger ist wünschenswert kompliziert. Einerseits zeigt er, wie die Stasi gerade dadurch Menschen fing, daß sie ihnen die subjektive Ehrlichkeit beließ. Zum anderen betrifft er einen Pfarrer, der sich in politischen Angelegenheiten auch dort noch engagierte, wo andere ihres Pfarramtes nicht mehr walten mochten. "Wer nicht verstrickt gewesen ist, war auch verstrickt", sagt Gartenschläger. Als er sich jetzt seiner Gemeinde in Altglienicke stellte, wurde die Kirchenleitung schmerzlich vermißt. Bischof Martin Kruse, Westberliner, hat als Episkopus des nunmehr ungeteilten Berlin-Brandenburg gerade erst Gottfried Forcks Landeskirche geerbt. Er bedauert, daß in Sachen Stasi "die evangelischen Landeskirchen der ehemaligen DDR nicht schnell zu einer einheitlichen Regelung gekommen sind". Im übrigen verweist er auf den November und die kommende Synode, die alles beraten werde. Die Glaubwürdigkeit der ostdeutschen Kirchen stehe aber nicht auf dem Spiel. "Die Integrität der Kirche ist in der DDR erhalten geblieben."

Nein, niemand soll behaupten, die evangelische Kirche hätte dem Staat den Arm verlängert. "Hofnarr, Bote und Rebell" ist sie nach Manfred Stolpe gewesen; da konnte jeder seine Rolle wählen. Es mehren sich aber die Stimmen, die ans Gewesene nicht rühren wollen: weil das bloß Haß aufwirble, weil die DDR nur mit der DDR zu erklären sei, weil doch wenigstens eine Autorität überleben müsse um der Menschen willen – aus sozialhygienischen Gründen sozusagen. Die DDR – es macht durchaus noch Sinn, sie so zu nennen – ist heute ein Land rapiden Identitätsverfalls. Dagegen hülfe es gar nichts, wenn die Kirche sich per oppositioneller Heldensaga eine Autorität sichern wollte, die ihr im Lauf der europäischen Säkularisierung ohnehin abhanden gekommen ist. Im Sturm von gestern flattert heute kein Flügel.

Wie weiter? Wer den Stasi-Sumpf einfrieren will, läuft über dünnes Eis. Es muß alles heraus, denn es kommt alles heraus. Aber durch wen? Durch einstige Offiziere, die ihr Wissen je nach Konjunktur veräußern? Durch späten Zufall, durch Denunziation? Besser, man offenbart sich selbst. In Ostberlin wurde kürzlich eine "Initiative Recht und Versöhnung" gegründet, getragen von den Theologen Ehrhart Neubert, Wolfram Hülsemann, Rudi Pahnke und Joachim Goertz und von dem Menschenrechtler Ludwig Mehlhorn – alles bekannte Namen in der östlichen Kirche und, wie Neubert sagt, "unentwegte Idealisten, die an ein paar universelle Werte glauben und das Stasi-Problem nicht einer formalen, positivistischen Rechtsauffassung überlassen wollen". Ihr Grundsatz ist: Versöhnung nicht ohne Recht und Wahrheit. "Wir sind dagegen, daß irgend etwas aus institutionellem Interesse hinter dem Berg gehalten wird", sagt Neubert. "Es kommt noch viel auf uns zu. Die ‚Kirche für andere‘ hat Verantwortung, wenn die Schuld der Gesellschaft aufgearbeitet wird. Mit den Menschen geht auch die DDR-Geschichte weiter, unabhängig von den politischen Optionen. Die DDR war unsere tägliche Lebenswelt. Mit dieser Vergangenheit muß man offensiv umgehen können, ohne Verteufelung oder neue Mythen."

Wenn ein Pfarrer sich in die Hand der Stasi gab, dann hat er Beichtgeheimnis und Pfarrerdienstrecht gebrochen. Aber jenseits dieses formalen Tatbestandes gibt es das Recht des einzelnen auf seine höchst persönliche Geschichte, auf ein ureigenes Urteil und – das muß grundsätzlich möglich sein – auf Rückkehr ins Normale. Stasi raus – ja, wohin denn? Lebenslänglich in den Schweinestall? Schlachten? Wir sind ein Volk.

Einer stand auf nach dem Gottesdienst in Altglienicke, ein älterer Mann, der sagte, das sei ein Schock gewesen: die Zeitung, Gartenschläger, Stasi. "Aber ich danke Gott, daß diese Herren nie an meiner Tür geklingelt haben. Ich bin nicht sehr mutig. Was hätte ich wohl getan?" Der Gemeindekirchenrat erklärte, der Fall betreffe unser aller Vergangenheit. Gartenschläger glaube man die gute Absicht, aber er habe sich überschätzt. Nun soll untersucht und verhandelt werden, wobei man hoffe, Gartenschläger als Pfarrer zu behalten. Der bot seinen Abschied schon an, doch daß er nun einfach wegläuft will keiner. Sein Amtsbruder Klaus-Dieter Lydike hielt eine Predigt wider die frömmelnde Arroganz und für die Unterscheidung von Schuld und Bösem. "Seine Grundsätze sollte man sich für die wenigen Gelegenheiten aufheben, wo sie nützen; allermeist reicht die Barmherzigkeit." Aber wozu reicht sie? Ein spitzelnder Nierenspezialist in der Charité ist leichter zu begnadigen als ein Pfarrer, der kein Handwerkszeug hat außer Vertrauen. Und das ist fürs erste ziemlich hin.

Gottfried Gartenschlägers Tragik zeigt, wie wenig man der DDR-Geschichte mit klaren Fronten beikommen kann oder mit Wolf Biermann, der die Nase voll hat von den Ostlern, bis auf sechsunddreißig gerechte Bohleys und Schorlemmers. Kein Hochmut und kein bundesdeutscher corpus iuris nimmt den sechzehn Millionen DDR-Deutschen die große Aussprache ab: Wer hat was getan? Warum? Wo war die Moral am Ende, und wann begann die Kriminalität? Noch spielen wir andere Spiele. Noch gilt Eifer bei der formalen Geschichts-Entsorgung als Alibi. Wenn alle Lenindenkmäler abgerissen sind, wenn jede Dimitroff-, Thälmann- und Rosenbergstraße nach Danzig, Prinz Ferdinand und Zwerg Nase heißt, dann werden die Ostdeutschen bekennen müssen, was sie insgeheim längst wissen: "Das alte System waren wir selber." Erst wenn das klar ist, darf man Unterschiede machen.