Von Maria Gazzetti

Im Sommer 1985 bereitet Italo Calvino seine Harvard-Vorlesungen über Literatur vor und stellt seinen zunehmenden universalhistorischen Pessimismus auf die Probe: Er ist der Überzeugung, daß die Literatur allein eine neue Art des Seins erfinden und eine Welt konzipieren kann, die nach anderen Werten durchdacht ist. Seine Einschätzung der Geschichte ist pessimistischer denn je. Aber gerade deshalb verleiht er in der Gegenwart dem Schriftsteller, dem Philosophen und dem Dichter die Aufgabe, „die Wahl jener Werte“ zu treffen, „die es zu retten gilt aus jener immensen Summe negativer Erfahrungen, die Geschichte heißt“. So schreibt er im September 1984 in der römischen Tageszeitung La Repubblica.

Literatur ist für diesen Moralisten und (links) engagierten Streiter eine Flucht „aus der Schwere und Unerträglichkeit“ der Welt. Calvino hat den Begriff „Flucht“ schon immer eher als eine positive Herausforderung verstanden: „Für den Gefangenen“, schrieb er in der Aufsatzsammlung „Kybernetik und Gespenster“, „ist die Flucht immer etwas Schönes gewesen, und auch eine individuelle Flucht kann ein notwendiger erster Schritt zur Einleitung einer kollektiven Flucht sein. Dies muß auf der Ebene der Worte und der phantasmatischen Bilder Gültigkeit besitzen: aus dem Gefängnis der Darstellungen von der Welt flüchten, welche Dir in jedem Satz deine Sklaverei vorhalten, bedeutet, einen anderen Code versuchen, eine andere Syntax, einen anderen Wortschatz, durch den Du der Welt deiner Wünsche Form verleihen kannst.“

Da der Skeptiker und Rationalist Calvino es gewohnt war, Literatur als Instrument der Erkenntnis zu verstehen, die von den modernen Wissenschaften nicht zu trennen war, ist es überraschend, daß seine Interpretation von Literatur sich diesmal auf existentiellem Terrain bewegt. Aber der „Zauberer“ Calvino, wie ihn Mary McCarthy genannt hat, der das Erzählen in Gedankenspielereien auflöste und trotzdem nie müde wurde, für die Aufwertung der Romaneske zu plädieren, der den Autor, „dieses enfant gaté der Unbewußtheit“ lieber abgeschafft hätte und experimentierfreudig in „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ den „bewußten Leser“ zum Romanhelden machte – dieser Zauberer hat die Literatur schon immer aufgefordert, „den Ausweg zu finden, auch wenn dieser Ausweg nichts ist als der Übergang von einem Labyrinth ins andere“.

Die Harvard-Vorlesungen enthalten konzentriert die Haltung des späten, innerlich zerrissenen Calvino, der mit seinem vorletzten Buch „Herr Palomar“ skeptisch, aber keineswegs triumphierend zugegeben hatte, unter der Unverstehbarkeit der Welt zu leiden und dennoch daran zu glauben, daß es eine bewußtere Art der Einflußnahme seitens des Schriftstellers gibt, „die nur dann ihre Wirkung entfalten kann, wenn sie schwierig und indirekt ist, und sich bewußt unter das Gesetz literarischer Strenge stellt“.

Was Calvino unter literarischer Strenge versteht, erklärt er in den Vorlesungen anhand bekannter literarischer Beispiele. Das Ergebnis ist Literatur über Literatur. Ein Buch, das bei aller äußeren Klarheit eher verwirrt, weil die Beispiele für literarische Strenge, die Calvino auswählt, verwirrend einfach und ungemein abstrakt sind. Noch nie drohten Calvinos Prinzipien des literarischen Handwerks sich derart sternenstaubförmig in der Luft aufzulösen wie hier. Doch auch diesmal hat Calvino, der mit jedem neuen Werk seine Kritiker überraschte, ein Buch geschrieben, das fesselt. Zwar nicht als Erzähltext, aber als Versuch eines Tagebuchs, das Methoden des Phantasierens, des Denkens, des Sehens und des Sprechens behandelt, um seine vor allem persönlichen Beziehungen zur Literatur mit all ihren ungelösten, schwärenden Widersprüchen zu rekonstruieren.

Am 6. Juni 1984 wurde Italo Calvino offiziell von der Harvard-Universität eingeladen, um dort die Charles Eliot Norton Poetry Lectures für das akademische Jahr 1986/87 zu halten. Die Norton Poetry, 1926 gegründet, wurden im Laufe der Zeit Persönlichkeiten wie Eliot, Strawinski, Borges und Paz anvertraut und nun zum ersten Mal einem italienischen Autor. Der Text, den Calvino für diesen Zyklus schrieb, besteht aus fünf Vorlesungen über die „Leichtigkeit“, die „Schnelligkeit“, die „Genauigkeit“, die „Durchsichtigkeit“ und die „Vielschichtigkeit“. Die sechste wollte er in Harvard noch schreiben, und sie sollte der consistency (Konsistenz, Haltbarkeit) gewidmet werden. Am 13. September 1985 starb Calvino in seinem Sommerhaus bei Siena. Die Vorlesungen wurden posthum 1988 in Italien mit dem Titel „Amerikanische Vorlesungen“ und mit einem Vorwort der Witwe Esther Calvino veröffentlicht. Jetzt erscheinen sie in deutscher Übersetzung unter dem von Calvino formulierten Untertitel „Sechs Vorschläge für das nächste Jahrtausend“.