Von Marion Gräfin Dönhoff

Manche Schweizer sind so demokratisch, sind so puristische Lesebuch-Demokraten, daß sie es nicht ertragen können, wenn einer von ihnen über den Durchschnitt herausragt. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Der Baseler Carl J. Burckhardt, Schriftsteller, Historiker und Diplomat, war schon zu Lebzeiten vielen seiner Landsleute ein Dorn im Auge. Ein Historiker, der nicht nur Wissenschaftler ist, sondern auch glanzvoller Schriftsteller und amüsanter Erzähler – das wird in der Zunft nicht gern gesehen.

Zu Burckhardts 100. Geburtstag hat nun ein Paul Stauffer, der, wie die Neue Zürcher Zeitung – in deren ’Verlag das Buch erschien – erklärt, ebenfalls Historiker und Diplomat ist, in emsiger Kleinarbeit ein kritisches Werk kompiliert, das den Jubilar zu einem ruhmsüchtigen, eitlen Lügner stempelt. Die Lust am Entmythologisieren hat inzwischen offenbar auch die Schweiz erfaßt.

Die miese Perspektive, aus der das Buch geschrieben ist, kündigt sich schon im Titel an: Carl J. Burckhardt, zwischen Hofmannsthal und Hitler. Man kann sich unschwer die Empörung der Historiker-Garde vorstellen, wenn "in den Medien" eine solche Überschrift erschienen wäre. Da muß die persönliche Ranküne schon ganz schön intensiv sein, um einem Buch, das noch Jahrzehnte in den Bibliotheken stehen wird, diesen Titel zu geben.

Hofmannsthal war ein lebenslanger, enger Freund von Burckhardt; Hitler, den er zweimal gesehen hat – das erste Mal währte die Audienz 20 Minuten, das zweite Mal etwas länger –, Hitler war sein natürlicher Antipode, denn Burckhardt agierte von 1937 bis zum Ausbruch des Krieges als Hoher Kommissar des Völkerbundes im Freistaat Danzig.

Seine Aufgabe dort war es, das Funktionieren der Verfassung, die der Völkerbund 1920 konzipiert hatte, zu garantieren und zu verhindern, daß die Nazis, die schon bald nach der Machtergreifung "im Reich" die Mehrheit auch im Volkstag – dem Danziger Parlament – errungen hatten, die Stadt gleichschalten. Eine hoffnungslose Aufgabe.