Von Bernd Greiner

In einem solchen Spiel gibt es keine Regeln. Bislang akzeptierte Normen menschlichen Verhaltens sind außer Kraft gesetzt." So heißt es in einem Memorandum aus dem Jahr 1954, in dem der ehemalige Präsident Herbert Hoover seine Vorstellungen über den Kalten Krieg darlegt. Die amerikanische Journalistin Linda Hunt zitiert diesen Satz, weil er prägnant beschreibt, wie seit Frühjahr 1945 die "Operation Paperclip" geplant und ins Werk gesetzt wurde: Alles war erlaubt, wenn es dazu diente, auf dem schnellsten Wege so viele deutsche Wissenschaftler wie möglich in amerikanische Dienste zu stellen.

Über die Anfänge dieses mysteriösen Projekts wurde in den letzten Jahren einiges veröffentlicht – in deutscher Übersetzung unter anderem eine minutiöse Abhandlung von Tom Bower. Aber der Fundus unglaublicher Geschichten ist wohl noch lange nicht erschöpft. Hunts Buch ist der beste Beleg. Dort ist nachzulesen, wer im Auftrag der Joint Intelligence Objectives Agency (JIOA), die das Projekt "Paperclip" fest in der Hand hatte, eine hiring list erstellte und Personalvorschläge machte: kein anderer als Werner Osenberg, im Zweiten Weltkrieg Wissenschaftssekretär der Gestapo. Während es Hunderte Von Besatzungsoffizieren mit der Entnazifizierung ernst meinten und sich bemühten, Kriegsverbrecher hinter Schloß und Riegel zu bringen, besorgte die JIOA Persilscheine für Wissenschaftler auf Osenbergs Liste, unter ihnen auch mehrere, die als Kriegsverbrecher hätten angeklagt werden müssen. Inkriminierende Dokumente verschwanden dabei gleich kistenweise, und Personaldossiers wurden im Dutzend umgeschrieben. Akten aus Berlin, von der Militärregierung mit Hinweisen wie "überzeugter Nazi" und "gefährlich für die nationale Sicherheit der USA" versehen, stempelten Beamte in Washington kurzerhand in "unbedenklich" um.

Es läßt sich streiten, welche Behörde in diesem Spiel ohne Regeln den Vogel abschoß. Der Luftwaffe dürfte in jedem Fall einer der vorderen Plätze zustehen, veröffentlichte sie doch Ende der vierziger Jahre zwei Bände über "German Aviation Medicine: World War II". Der Autor des Vorworts, Hermann Becker-Freyseng, wurde als kompetenter Experte vorgestellt. Daß der Mann in Nürnberg wegen Kriegsverbrechen angeklagt war, erfuhren die Leser nicht. Falls doch einmal jemand nachfragte, lautete die lapidare Antwort: "Don’t beat a Nazi dead horse." Der alte Feind war der Freund im Kampf gegen den neuen Feind – Hauptsache, ein von Braun, ein Debus oder ein Rudolph konnten ihren Sachverstand in den Dienst amerikanischer Rüstungsvorhaben stecken.

Wie gesagt, bis zum Jahr 1947 ist vieles berichtet und bekannt. Angeblich wurde das Projekt damals abgebrochen. Linda Hunt belehrt uns eines Besseren. In den fünfziger Jahren ging es munter weiter. Wer heute in Archiven recherchiert, wird auch unter den Rubriken "Project 63" und "Project National Interest" nachschlagen müssen. Sie enthalten zum Beispiel Unterlagen über einen Militärstützpunkt namens Edgewood Arsenal. Verborgen in den Wäldern Marylands, beutete die US-Army dort ein Vernichtungswissen ganz besonderer Art aus: das deutsche Know-how in der chemischen Kriegsführung. Deutsche Wissenschaftler konnten weitermachen, wo sie 1945 ihre Arbeit umständehalber hatten unterbrechen müssen – das experimentelle Erproben von Giftgas an Menschen eingeschlossen. Zwischen 1947 und 1966 wurde in Edgewood das von den Nazis entwickelte Gas Tabun an über 7000 US-Soldaten getestet. Auch deutsche Industrielle waren wieder zur Stelle. Von der US-Army unter Vertrag genommen, verdienten sie als Zulieferer am Geschäft mit dem chemischen Tod. So hatten bereits die fünfziger Jahre ihre Hippenstiel-Imhausens.

Linda Hunt kann sich – wie übrigens vor ihr auch Tom Bower – diese Vorgänge nur als "Verschwörung" vorstellen, als Machenschaft selbstherrlicher Militärs und Geheimdienstler, die übergeordnete Instanzen austricksen und einen arglosen Präsidenten ständig hinters Licht führen. Dem ist, wie wir aus jüngsten Studien des amerikanischen Historikers John Gimbel wissen, nicht so. Die entscheidenden Weichenstellungen für das Projekt kamen von ganz oben. 1945, 1946 und 1947 – immer wieder schufen Weißes Haus und State Department den notwendigen Freiraum, innerhalb dessen sich die Freibeuter des Projekts "Paperclip" bewegen konnten. Die Journalistin Hunt kann an dieser Stelle von Historikern noch manches lernen.

Und umgekehrt können auch Historiker in Linda Hunts Schule gehen. Ihr geht es nämlich nicht bloß um Zahlen, Fakten oder Schauplätze, sondern immer auch um die Mentalität der Akteure. Mit anderen Worten: Sie fragt nach den Denkhaltungen, die eine Gesellschaft sich leistet und mißt gesellschaftliches Handeln an den Methoden, die auf dem Weg zu bestimmten Zielen eingesetzt werden. Ihr deprimierender Befund: "Es geht in Ordnung, Massenmörder für uns arbeiten zu lassen, solange sie uns zum Mond bringen." Eine amerikanische Besonderheit war dies durchaus nicht, sondern Ausdruck der cold war mentality. Linda Hunt hofft, daß mit dem Ende des Kalten Krieges auch die letzte Stunde jener Denkhaltung geschlagen hat, die – je nach Bedarf – "keine akzeptierten Regeln menschlichen Verhaltens" mehr kennt. Der Autorin Optimismus in allen Ehren: Skepsis scheint eher angebracht.