Theo gegen den Rest der Welt

Von Klaus Wittmann

Schuld sind die Medien, das Landratsamt, der Umweltminister, die Gerichte. Alle führen sie eine Hetzkampagne gegen Deutschlands erfolgreichsten Molkereimeister, und deshalb sagt der auch nichts mehr. Seit Monaten verweigert Theobald Müller (51) aus Aretsried bei Augsburg Interviews. Der Grund: Das Image von Müller-Milch ist angeschlagen. Nach Jahren des Erfolgs plötzlich eine Serie von Negativschlagzeilen: "Grundwasserdiebstahl", 375 000 Mark Geldbuße, Pfandverordnung umgangen, Fischsterben verursacht, für überfälligen Kläranlagenbau von der Gemeinde Millionen abkassiert, massive Klagen der Nachbarn. Die weiße Weste des Schwaben hat Flecken bekommen.

Theo Müller, CSU-Mann und vor zwanzig Jahren noch Chef einer Vier-Mann-Molkerei, hat einen sagenhaften Aufstieg hinter sich. In seiner Großmolkerei beschäftigt er inzwischen rund tausend Mitarbeiter und setzt mit 726 Millionen Bechern Milchprodukten jährlich über 500 Millionen Mark um. Er baut in England und Brandenburg derzeit eigene Werke, erweitert in rasantem Tempo den Betrieb in Aretsried – und handelt sich damit eine Menge Ärger ein.

Unter der Überschrift "Gebaut wird immer" hatte die Molkerei Müller vor einem halben Jahr noch freimütig in einer PR-Veröffentlichung die hauseigene Art der Betriebserweiterung beschrieben: "Bei Müller ist es sozusagen Tradition, aus eigener Kraft Bauvorhaben zu konzipieren, die Planungsvorbereitungen eigenständig durchzuführen und binnen kürzester Zeit die Inbetriebnahme vorzunehmen." Was das im Klartext heißt, wissen die Beamten im Landratsamt Augsburg nur zu gut: "Die Firma Müller hat einige Dutzend Schwarzbauten errichtet, wobei man sagen muß, daß jeder einzelne dieser großen Milchtanks als einzelnes Bauvorhaben zählt", sagt Josef Gediga, der Leiter der Bauabteilung im Landratsamt. Lange Zeit kümmerte sich Müller wenig um eine Genehmigungspflicht, baute einfach weiter. "Sogar in diesem Frühjahr gab’s noch einzelne Versuche, aber wir sind strikt eingeschritten mit Baueinstellungen und Bußgeldbescheiden."

Vorbei sei die Zeit, da man sich auf schriftliche Aufforderungen verlassen habe, sagt Gediga. Der seit Januar amtierende Bauamtsleiter hat inzwischen zu ungewöhnlichen Mitteln gegriffen. "Wir werden alles mit formellen Bescheiden untermauern. Wenn die Firma etwas beizubringen hat – seien das Gutachten oder Messungen oder was auch immer –, dann wird das in einen Bescheid hineingeschrieben und gleich ein entsprechendes Zwangsgeld festgelegt." Allein dieser Tage werden der Molkerei Müller sieben Bescheide mit einer Zwangsgeldandrohung von jeweils 10 000 Mark ins Haus geschickt.

Einige Betriebsteile müssen umgehend saniert werden, fordert Gediga: die viel zu laute Milchannahme im Ort, die Rührwerke in den riesigen Milchtanks und die Granulattanks. Die Klagen der Bevölkerung über Lärm und Gestank seien völlig berechtigt. Nun seien der Firma klare Fristen gesetzt worden. Müller-Milch müsse das viel zu lange verzögerte Gesamtlärmgutachten ergänzen, ein lufthygienisches Gutachten erstellen lassen und ein umfassendes Verkehrskonzept vorlegen. Alles Dinge, die Müller-Milch bislang offenbar für unnötig hielt. Sollten die Fristen, die teilweise im November und Dezember bereits auslaufen, nicht eingehalten werden, droht im schlimmsten Fall der Firma die Stillegung der betroffenen Betriebsteile im inzwischen völlig verbauten Aretsried.

Wie man bei Müller-Milch mit Messungen und mit den Nachbarn umgeht, zeigt der jüngste Versuch einer Erschütterungsmessung des TÜV Bayern. Das große neue Becherwerk II sollte abgenommen werden und zwar im Vollastbetrieb. Josef Gediga dazu: "Der TÜV kam zu diesen Messungen, und dabei ist festgestellt worden, daß das Werk nicht mit voller Kapazität lief. Daraufhin ist der TÜV wieder abgezogen." Der TÜV wird wiederkommen, aber er hat darum gebeten, daß künftig immer ein Immissionsschutzingenieur des Landratsamtes zur Kontrolle dabei ist.

Theo gegen den Rest der Welt

Lange Zeit war das Landratsamt Augsburg Theo Müller gegenüber sehr geduldig. Der Chef der Bauabteilung gibt offen zu, daß es eine Menge Dinge aus der Vergangenheit aufzuarbeiten gibt. Doch nun soll es vorbei sein mit der Nachsicht. Am Freitag vergangener Woche ist – kurz nach einem Bußgeldbescheid über 375 000 Mark wegen illegaler Grundwasserentnahme (siehe ZEIT vom 17. Mai) – ein weiterer folgenschwerer Bescheid des Landratsamtes an die Firma Müller ergangen. Es geht dabei um die Pfandpflicht für die beiden Produkte "Multivitamin- und Blutorangendrink".

Nach Auffassung des Grünen-Abgeordneten Raimund Kamm – und inzwischen auch nach Überzeugung des bayerischen Umweltministers Peter Gauweiler – hat nämlich Müller-Milch mit einem simplen Trick versucht, die sogenannte "Zwangspfandverordnung" für Getränke in Plastikbechern zu umgehen. Was Coca-Cola nicht geschafft hat, schien der schwäbischen Erfolgsmolkerei zu gelingen. Sie mischte den beiden Drinks kurzerhand zehn Prozent Süßmolke bei – zur Produktverbesserung, wie der Pressechef erklärte – und schon war nach Auffassung des Müller-Management ein "Lebensmittel eigener Art" entstanden: Die Drinks seien keine Drinks mehr, und somit sei auch die Fünfzig-Pfennig-Pfandpflicht vom Tisch.

Doch die Rechnung hat Theo Müller ohne seinen Parteifreund Peter Gauweiler gemacht. "Jeder weiß, daß wir in der Bundesrepublik an Plastikpackungen zu ersticken drohen. Der Bund wird kritisiert, daß die Verordnungen nicht weit genug gehen. Da kann es doch nicht angehen, daß wir dann bei einer Firma die vorhandenen Bestimmungen nicht anwenden", sagt der bayerische Umweltminister, "es kann sich doch niemand, nur weil er öffentlich Spektakel macht, einfach dieser Verordnung entziehen."

Das bayerische Umweltministerium schickte prompt eine Anordnung an das Landratsamt, einen entsprechenden Bescheid an die Firma zu erlassen – und Theo Müller legte sich mit Gauweiler an: Bundesumweltminister Klaus Töpfer erhielt aus Aretsried zwei Briefe mit der Bitte um Unterstützung im Pfandstreit. Vorsichtshalber gab es vom mächtigen Herrn Müller auch noch einen Beschwerdebrief gegen Gauweiler an den bayerischen Ministerpräsidenten Max Streibl.

Doch Gauweiler läßt sich nicht umstimmen: "Das hilft ihm nichts, wenn er versucht, sich mit dieser Beschwerde dem normalen Gesetzesvollzug zu entziehen." Der Beschwerdebrief ändere "nichts an dem, was wir erklärt haben: Die Firma Müller ist verpflichtet, sich dieser Verordnung zu unterwerfen, und sie ist natürlich auch herzlich gebeten einzusehen, daß hier nicht einer Firma, die unübersehbaren Plastikmüll produziert, Sonderrechte eingeräumt werden können". Auch Bundesumweltminister Töpfer teile voll die Auffassung des bayerischen Umweltministeriums, "ganz abgesehen davon, daß es auf eine solche Auslegung des Bundesumweltministers gar nicht ankommt, weil in diesem Fall die Länder zuständig sind".

Was ist los mit Theo Müllers lange gerühmtem "Draht nach oben"? – "Der einzige Draht, den er zur Verfügung hat, ist der Rechtsweg", sagt Gauweiler. Und diesen Rechtsweg hat die Molkerei Müller in Form einer Feststellungsklage beim Verwaltungsgericht Augsburg auch beschritten – obwohl kurz zuvor das Landgericht Köln entschieden hatte, die beiden Drinks unterlägen der Pfandverordnung. Die Richter hatten der Molkerei bei Zuwiderhandlung bis zu einer halben Million Mark Bußgeld angedroht. Müller-Milch hat auch dagegen Widerspruch eingelegt, mit der Begründung, für 0,5-Liter-Getränke, die lichtgeschützt werden müssen, gäbe es kein vernünftiges Mehrwegsystem.

Doch damit nicht genug, versucht die Molkerei in einer Presseerklärung dem bayerischen Umveltministerium den Schwarzen Peter zuzuschieben: "Unabhängig von der rechtlichen Seite stellt sich für unser Unternehmen die Frage: Sollen wir von der jetzigen Polystyrol-Verpackung auf die kunststoffbeschichtete Kartonverpackung umstelle? Wir tun dann zwar was Schlechtes für die Umwelt, aber wir hätten unsere Ruhe", unkt Müller-Milch. "Die Entscheidung hierzu liegt sehr stark beim Bayerischen Umweltministerium." Peter Gauweiler dazu: "Das ist doch Unsinn. Durch die Anordnung wird die Firma doch nicht zum Tetrapack gezwungen. Die Firma erklärt sich einfach nicht bereit, ein Mehrwegsystem, das ihr natürlich möglich wäre, auch nur zu versuchen."

Theo gegen den Rest der Welt

Jahrelang konnte der Molkereibesitzer Theo Müller auf das Wohlwollen der bayerischen Regierung zählen. Sein Erfolg schmückte den Freistaat. Und selbst die Fußball-Nationalmannschaft stimmte – gegen entsprechendes Honorar – ein Loblied auf Müller-Milch an. Doch der Glorienschein um Müller verblaßt. "Der Herr Müller hat seinen Einfluß wohl völlig überschätzt. Bedauerlich ist nur, daß er so um sich schlägt und somit Gefahr läuft, den ganzen Betrieb zu gefährden." Der dies sagt, verkörpert für Theo Müller das Feindbild schlechthin. Es ist der Landtagsabgeordnete Raimund Kamm von den Grünen, der mit einer Reihe von Parlamentsanfragen den Stein so richtig ins Rollen gebracht hat.

Auch Kamm bekommt zur Zeit am eigenen Leib zu spüren, was schon so viele vor ihm erlebt haben: Müllers Vorliebe, Kritiker an die Wand zu drücken. Auf fünf Millionen Mark hat Müller den Streitwert einer Klage gegen Kamm festgesetzt – wegen einer umstrittenen Äußerung zu den Polystyrolbechern. "Damit soll ich alleine durch die Prozeßkosten finanziell in die Enge getrieben werden", empört sich Kamm. Die Zivilklage gegen den Politiker läßt auch Müller-nahe Aretsrieder nur noch den Kopf schütteln. Ein Mitarbeiter: "Wie kann denn der so was machen. Die Leute solidarisieren sich doch mit dem Kamm, wenn sie das lesen."

Auch in Unternehmerkreisen ist die Verwunderung über das Verhalten des einst so hochgeschätzten Molkereibesitzers groß. Als Mitte September 85 Mitglieder des Technischen Vereins, eines altehrwürdigen Wirtschaftsclubs, mit den bereitstehenden Bussen zur lange verabredeten Betriebsbesichtigung nach Aretsried fahren wollten, kam der überraschende Anruf von Müllers Sekretärin: Herr Müller habe die Besichtigung abgesagt. Architekt Alfred Kosebach ist noch heute verärgert über die Ausladung, die er als Eklat bezeichnet: "Ich weiß nicht, hat der Mann durchgedreht? Wir wären doch als Freunde gekommen, nicht als Kritiker. Der Besuch war seit Monaten vorbereitet. Viele von uns, alles Leute aus der Wirtschaft – Bankdirektoren, Manager, Techniker – hatten sich für diesen Tag extra freigenommen. So etwas ist uns in unserer 150jährigen Vereinsgeschichte noch nicht vorgekommen."

Der Grund für die kurzfristige Absage: die angebliche Hetzkampagne, die derzeit gegen die Firma laufe. Theo Müller hat sich ein beispielhaftes Image aufgebaut – und zerstört es nun selbst.