Von Rolf Michaelis

Da ist er ja. Lebt also noch immer. Der gar nicht so alte Mann mit den langen Grauhaaren hält das Saiten-Instrument mit dem auf einer Seite wie ein schwangerer Bauch sich wölbenden Holz an den Leib gepreßt. Er schlägt und zupft die Stahl-Saiten der lauten- oder gitarreähnlichen Zither der ukrainischen Volksmusik, der Kobsa, die bei uns Bandura heißt.

Wenn er die alten Volkslieder der Ukraine singt, mit leiser Stimme die Helden-Gesänge der Kosaken anstimmt, schließt er die Augen. So gleicht er dem Kobsar, wie ihn der ukrainische Nationaldichter Taras Grigorjewitsch Schewtschenko vor hundert Jahren in den Titel seines ersten, immer wieder erweiterten Bandes mit Liedern, Balladen, Verserzählungen stellt: "Wer kennt nicht den Bänkelsänger, / Jenen alten Blinden, / Der die Kobsa spielt? Man kann ihn / Allerorten finden ... Wo’s nach Kiew geht, sitzt singend / Ein Kobsar am Wege ... Still sitzt der Kobsar am Kreuzweg, / Läßt die Saiten rauschen..."

Unser Kobsar, dem es auf seinem stoffbezogenen Klappstühlchen an diesem Herbsttag doch etwas kühl wird, lehnt seine Folklore-Leier an einen Baum, vertritt sich die Füße, pafft ein Zigarettchen.

Wo sind wir da? Im mythischen Herzland der Russen, wie es ein Steindenkmal hier, auf dem Wladimir-Hügel über dem Dnjepr, behauptet, oder auf einer Sightseeing-Veranstaltung des Reise-Unternehmens Intourist? Denn auch die Schulkinder, die hier oben, zwischen der in barockem Grün sich spreizenden Sankt-Andreas-Kirche und dem wie ein Bunker auf dem Berg hockenden Historischen Museum von Kiew, ihr Stündchen Heimatkunde absolvieren, starren den Bandura-Spieler an wie ein Töne produzierendes Fossil. So wird es uns ein paar Tage lang immer wieder gehen: Kaum glaubt man in diesem nachbarlichen Land Boden unter den Füßen zu haben, sackt alles weg, und man fühlt sich versetzt in ein sehr fernes Land.

Ukrainisch für Anfänger

Ukrainische Sowjetrepublik: 603 Quadratkilometer (Frankreich: 551 Quadratkilometer), Einwohner: 52,2 Millionen (Frankreich 55). Hauptstadt: Kiew, 2,7 Millionen Einwohner. Drei Viertel sprechen Ukrainisch (was mehr ist als ein slawischer Dialekt) als Muttersprache, lernen Russisch als erste Fremdsprache. Ukrainische Sprache und Streben nach Unabhängigkeit waren bis in Breschnjews Tage verfolgt. "Die Terrorwelle nach 1930 kostete etwa 200 ukrainische Dichter das Leben" (Kindlers Literatur Lexikon). "O Gott der Ukraine, höre! / Nimm du von uns die Schmach, die schwere, / Und laß zerschellen unsre Bande!" (Schewtschenko, "Hamalia", 1842).