Offener Brief an die Konferenz der Kultusminister: Schafft eine einheitliche Schulstruktur für die neue Bundesrepublik!

Von Klaus Hurrelmann

Nachdem die fünf neuen Bundesländer ihre Schulgesetze entwickelt haben, ist im vereinten Bundesgebiet das Schulformen-Chaos perfekt. Das Gebot des Grundgesetzes auf Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse wird damit verletzt. Aus diesem Grund und auch aus pädagogischen Erwägungen muß endlich eine Reform der Schulstruktur in der Bundesrepublik Deutschland her!

Schon die alten Bundesländer hatten sich den Luxus geleistet, das Schulwesen nach ganz unterschiedlichen Gesichtspunkten aufzubauen:

  • Zwar gibt es überall die Grundschule, doch sie dauert bis zum Übergang auf die weiterführenden Schulen in einigen Ländern vier und in anderen sechs Jahre.
  • Zwar gibt es überall drei Basisformen für die weiterführenden Schulen, nämlich Hauptschule, Realschule und Gymnasium, doch ihr pädagogischer Stellenwert ist nicht überall gleich. Es gibt unterschiedliche Regeln für den Übergang von der Grundschule in weiterführende Schulen; der Elternwille wird von Land zu Land verschieden gewichtet. In den von der SPD regierten Ländern wurde zusätzlich zu den drei Basisformen für weiterführende Schulen als vierte Form die Gesamtschule eingeführt. Ursprünglich als integrative Schulform gedacht, die alle anderen ersetzen sollte, hat sie inzwischen zu einer weiteren Zergliederung eines ohnehin stark gegliederten Schulsystems geführt.
  • Zwar gibt es überall eine gymnasiale Oberstufe, aber die alten Bundesländer leisten sich eine breite Vielfalt von Angeboten und Strukturen, was zu den unterschiedlichsten Wegen beim Zugang zum Abitur führt.
  • Zwar gibt es überall Sonderschulen, aber die Varianten und Formen sind auch in diesem Bereich vielfältig und unübersichtlich.

Die neuen Bundesländer orientieren sich in ihren Schulgesetzen nur teilweise an den Vorgaben der alten Länder. Sie haben die im Westen schon existierende bunte Vielfalt von Alternativen noch kräftig verstärkt. Das fällt vor allem bei der Schulstruktur für die Mittelstufe auf. Während Mecklenburg-Vorpommern die drei Basisformen Hauptschule, Realschule und Gymnasium einführt, tritt bei den anderen vier neuen Bundesländern die Hauptschule nicht mehr als eigenständige Schulform auf. Statt dessen gibt es die "Gesamtschule" (Brandenburg), die "Sekundärschule" (Sachsen-Anhalt), die "Mittelschule" (Sachsen) und die "Regelschule" (Thüringen) als jeweilige Regel- und Basisform neben dem Gymnasium, das überall existiert. Auch in der Oberstufe gibt es neben dem Gymnasium unterschiedliche Formen, wie etwa das "berufliche Gymnasium", das "Fachgymnasium" und diverse berufliche Schulen. Für die Sonderschulen gibt es ebenfalls keine einheitliche Regelung.

Die große Chance, mit der deutschen Vereinigung auch ein einheitliches Schulsystem zu schaffen, ist bislang nicht ergriffen worden. Statt dessen wurden die schulideologischen Grabenkämpfe der alten Bundesrepublik in den neuen Bundesländern munter weitergespielt. Das hat aber auch dazu geführt, daß von einheitlichen "Lebensverhältnissen" im so wichtig gewordenen Bildungsbereich nicht die Rede sein kann. Weder Eltern noch Lehrer, Kultusbeamte oder Bildungsexperten sind in der Lage, die unendliche Vielfalt des Bildungsangebotes und der Schulstrukturen in den sechzehn Bundesländern auch nur annähernd zu überblicken.