Mit dreißig hört das Leben zum ersten Mal auf. Es ist das Alter, in dem die falschen Träume zerbrechen und einen Moment lang kein richtiger mehr übrigbleibt. Und weil das ein Moment der Wahrheit ist, lohnt es sich nicht auszuweichen. Wer nicht mit dreißig dreißig werden will, wird es eben spätestens mit vierzig, und manch einer bringt schon mit zwanzig seinen dreißigsten Geburtstag hinter sich. „Es kommt ein Tag“, schreibt Albert Camus in seinem Sisyphos-Essay, „da stellt der Mensch fest, daß er dreißig Jahre alt ist. Er erkennt, daß er sich an einem bestimmten Punkt einer Kurve befindet, die er durchlaufen muß. Er gehört der Zeit, und mit jenem Grauen, das ihn dabei packt, erkennt er in ihr seinen schlimmsten Feind.“

In Leonard Gardners Roman „Fat City“ sind sie gewissermaßen alle dreißig Jahre alt – und einer ist es sogar wirklich. „Er war in der Falle“, heißt es von ihm. „Sein Leben schien zu Ende zu sein. In vier Tagen wurde er dreißig.“ Billy Tully ist Boxer, oder vielmehr – er war es. Tullys beste Zeit ist lang vorbei, die Kräfte haben nachgelassen, und seine Frau hat sich aus dem Staub gemacht. Billy Tullys Schicksal sind billige Hotelzimmer, Pfirsichpflücker- und Zwiebelschneiderjobs – und der Alkohol.

Doch auch die Vergangenheit strahlt nicht so recht. Selbst die schönste Zeit seines Lebens war nämlich verflogen, „ohne daß ihm Zeit zum Nachdenken blieb, und war vorüber, als er noch glaubte, alles würde besser werden“. Und: „Er hatte nicht bemerkt, daß ihm nie mehr als Mittelmaß und lokale Berühmtheit vergönnt sein würden.“ Stockton, Kalifornien, die titelgebende fat city, war auch nie der Ort, den kurzen Karriereglanz zu genießen. Die Stadt, bewohnt von 80 000 Menschen, schwitzt vor Verzweiflung, stinkt vor Gemeinheit und starrt vor Dreck. Stockton, ein Loch: Wer hineinfällt, kommt so schnell nicht mehr heraus.

Gardners Buch, 1969 in Amerika und jetzt endlich auf deutsch erschienen, gehört zum Genre der Boxer-Romane und sprengt es zugleich wie jedes bessere Genre-Werk. So genau der 1933 geborene Autor Boxkämpfe beschreibt, so wenig geht es ihm allein um deren sportliche Seite. Es geht um die Flüchtigkeit des Gewinnens und die Größe im Verlieren, den Ehrgeiz und die Hoffnung, den Mut, die Disziplin und das Ausgebranntsein – um Dinge also, die auch jenseits des Rings zählen, nur daß sie beim Boxen härter und, wenn man so will, ehrlicher zum Vorschein kommen. Das heißt nun aber nicht, daß Gardner bloß eine allegorische Szenerie aufgebaut hätte, die man nur entziffern brauchte und dann getrost vergessen könnte. Sein düsterer Verismus hat genug Erdenschwere, um für sich stehen zu können. „Fat City“ ist genau auf der Kippe zwischen der sichtbaren Wirklichkeit und der unsichtbaren. Das hat wohl auch John Huston gereizt, das Buch mit Stacy Keach und Jeff Bridges zu verfilmen: Es wurde eine seiner stärksten Arbeiten.

Überhaupt, das Kino. Von Robert Rossens „Body and Soul“ bis zu Martin Scorseses „Raging Bull“, ja bis hin zu John G. Avildsens erstem „Rocky“ hat Hollywood immer wieder diese amerikanischen Balladen von Sieg, Niederlage und Untergang erzählt. Wenn Schriftsteller den Boxer-Mythos zelebrieren, liegt darin nicht zuletzt eine Sehnsucht, die eigene literarische Leistung so eindeutig wie eine sportliche beurteilen zu können, statt sich von irgendeinem dahergelaufenen Kritiker einen Platz auf der Rangliste zuweisen zu lassen. Das gilt zumindest für die Riege der harten Jungs, für die Hemingways und Mailers, die mit den empfindsameren Mythomanen freilich auch die Bewunderung für Präzision, Tempo und Grazie teilen – und vielleicht sogar ein gewisses Mitleid mit den zahllosen Gescheiterten und Ausgebeuteten der Branche. Doch sowohl Eduardo Arroyos Biographie „Panama“ wie Joyce Carol Oates’ Band „On Boxing“, um zwei jüngere Beispiele zu nennen, sind schon von einer anderen Mentalität geprägt als die Prosa der tough guys.

Leonard Gardner ist da sozusagen der Meister aller Klassen: ein brillanter Stilist ohne den kleinsten Durchhänger, geschult am lakonischen Ton der harten Jungs und mit reichlich Pose und Stilisierung ausgestattet, aber gleichzeitig begabt mit einer ganz uneitlen philosophischen Hellsicht, die von Camus stammen könnte. Denn auch Gardner erzählt von der menschlichen Revolte in der Leere des Universums, vom lächerlichen Aufbegehren gegen die Vergänglichkeit, das mit der Erfahrung des dreißigsten Geburtstags seinen Ausgang nimmt. Und diese Erfahrung macht Ernie Munger, bald nachdem er achtzehn ist.

Ernie Munger boxt wie Billy Tully. Doch er hofft noch im Gegensatz zu ihm, und der Kampflärm stachelt ihn noch an. Die ersten Niederlagen kommen schnell, im Ring und in der Liebe. Bei Gardner ist das fast dasselbe, und die Frauen machen dabei eine ziemlich schlechte Figur, Die Männer sind, selbst wo sie den Macho mimen, durchweg klüger, aber das hilft ihnen nichts. Ihr Glück liegt in der Vergangenheit, an anderen Orten, bei fremden Frauen. Sie schlafen mit einer – und denken an eine andere. Und daß sie oft verstehen, was mit ihnen geschieht, macht die Sache auf eine Weise nur noch schlimmer. „Ein Mensch“, schreibt Camus, „ist immer das Opfer seiner Wahrheiten. Hat er sie einmal erkannt, kann er sich von ihnen nicht frei machen.“

So stolpern Gardners Helden immer weiter auf den Abgrund zu, und doch fehlt ihnen dabei eines: Angst. Denn das Wissen, daß sie eines Tages endgültig unterliegen werden, mildert ihr Erschrecken. „Für einen Menschen ohne Scheuklappen gibt es kein schöneres Schauspiel als die Intelligenz im Widerstreit mit einer ihm überlegenen Wirklichkeit“, so noch einmal Camus. „Das Schauspiel des menschlichen Stolzes ist unvergleichlich. Alle Entwertungen können ihm nichts anhaben.“

Und einer von Gardners Boxern sagt: „Findet alles im Kopf statt... Du mußt es wollen das bringt’s. Du mußt es so wollen, daß du’s schmeckst...Alles andere ist Konditionssache.“

Gregor Dotzauer

  • Leonard Gardner:

Fat City

Roman; aus dem Amerikanischen von Ursula Locke-Groß und Michael Naumann; Rowohlt Verlag, Reinbek 1991; 199 S., 34,– DM