Von Jost Nolte

Aufgescheucht, irritiert, gereizt und irgendwie tief beunruhigt – die Selbsteinschätzung des Psychotherapeuten Hans-Joachim Maaz aus Halle, der sich gleich nach der ostdeutschen Wende sein Buch über den "Gefühlsstau" seiner Landsleute von der Seele geschrieben hat, klingt ein Jahr später nicht eben ersprießlich. Der "Gefühlsstau" war ein wichtiges Buch. Es enthielt dringend benötigte Auskünfte über das Seelenleben der DDR-Bürger, und daß der Autor eilends als Massenphänomen auf den Markt trug, was ihm die Patienten auf der Couch offenbart hatten, ging trotz einigen Bedenken gegen die so praktizierte Verallgemeinerung im großen und garzen in Ordnung.

Hans-Joachim Maaz wurde damit auch im Westen zum gefragten Experten. Was ihm hier begegnete, nutzte er zu einem Schnellkurs in westlicher Befindlichkeit, und das Ergebnis ist ein zweites Buch mit dem Titel "Das gestürzte Volk", das neben dem östlichen Untertanengeist die westliche Siegerpose anprangert und in dem es von harschen Urteilen über beide Seiten wimmelt. Hauptangeklagte aber ist die D-Mark, die wahlweise als verführerische Hexe oder als große Mutter auftritt.

Im Osten erkennt der Psychotherapeut ein Verlust-Syndrom, den Verlust von Identität und Orientierung. Man habe, sagt er, das Korsett gewechselt, es verschaffe eine schönere Figur, aber es drücke und zwacke überall. Anders und besser gesagt: Die DDR-Bürger sind die Grenzen und den Zwang los, mit denen sie sich notgedrungen eingerichtet hatten. Sie verharren aber nach wie vor in ihrem "inneren Gefängnis", und wenn sie aus ihm fliehen, geraten sie nur in neue Zwänge. Unterdessen trauern die Westdeutschen – ahnungslos, woran sie in Wahrheit selber leiden – den Milliarden nach, die sie in die östlichen Provinzen schleusen, und verlangen dafür, daß sich der Osten ohne Widerrede verwestlicht.

Der Osten gewinne auf diese Weise immerhin die Segnungen der Demokratie? Vorsicht, sagt Maaz. Demokratie sei Herrschaft der Mehrheit, und die Ostdeutschen seien bekanntlich in der Minderheit. Kurzum, die Vereinigung sei verunglückt.

Es fällt auf, wie der Seelenarzt Maaz bei der Diagnose am Fachvokabular spart. Abgesehen vom Befund des Verlust-Syndroms, von gehgentlicher Erwähnung von Depression und Manie, kommt es kaum vor. Helfen soll dennoch die Psychotherapie. Die Deutschen, darauf läuft der Vorschlag hinaus, sollen im Zwiegespräch oder nach Art der Selbsterfahrungsgruppen ihre Konflikte bis auf den bitteren Grund auskosten, dabei ihre Vorurteile verschrotten und, von ihnen befreit, den "Widerspruch zwischen Realpolitik und menschlichen Bedürfnissen" aufheben, die "Terrorwelt der Fülle und Vielfalt" bezwingen und den "Akt sozialer Gewalt" des Westens gegen den Osten stoppen.

Als politische Form der Selbsterfahrungsgruppe empfiehlt Maaz den runden Tisch. An ihm, so verspricht er, könne gelingen, die Ängste zu überwinden, und eines Tages müsse dann niemand mehr von einem Erich Honecker träumen, der vor dem Fernsehschirm "Ich hab’s euch ja gleich gesagt" murmele.