Von Hansjakob Stehle

Trügt das Idyll wie so manches, das Totenstille als Frieden erscheinen läßt? Zwischen Weingärten, Olivenhainen und Zypressenalleen, hoch über dem Gardasee – kaum schöner, würdiger könnte man sich den Ort letzter Ruhe vorstellen, an dem hier in gutem Einvernehmen mit der italienischen Gemeinde Costermano 21 951 tote Deutsche beigesetzt wurden. "Helden" nannte man früher solche Gefallenen, bis dann Hitlers Krieg, seine Schlachten und Schlächter, nur noch Opfer hinterließen. Auch hier, wo sie vom Herbst 1943 bis zum Frühjahr 1945 gegen Amerikaner und Briten, aber auch gegen Italiener, die ihr faschistisches Regime abgeschüttelt hatten, kämpfen und sterben mußten.

Aus über dreitausend Friedhöfen und Feldgräbern in Norditalien hat man 1967 ihre Gebeine ausgegraben und bei Costermano zusammengetragen, getreu der Losung, die der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) seit 1919 und auch jetzt wieder zum Volkstrauertag in Zeitungsanzeigen verkündet: Kriegsgräber seien ein "Aufruf zu Verständigung und Frieden" und – "eine Herausforderung an unsere Zeit".

Gilt das etwa auch für das Grab Nummer 716 im Block 15 des Kriegerfriedhofs von Costermano? Die eingemeißelte Inschrift besagt: "Stubaf. Christian Wirth 1885-1944". Gehört auch sie zu den Angaben, die der VDK, wie es heißt, "in mühsamer Kleinarbeit zur Identifizierung zahlreicher bisher unbekannter Leichen gesammelt" hat? Oder wußte man ohnehin, wer dieser SS-Sturmbannführer Wirth war? Und wer seine Gehilfen waren, SS-Hauptsturmführer Franz Reichleitner und SS-Untersturmführer Gottfried Schwarz, die auf demselben Friedhof bestattet sind? Auch sie Opfer? Oder Täter?

Die Antwort war lange vor der Entstehung des Soldatenfriedhofs bei Costermano in Prozeßprotokollen und Geschichtsbüchern über die Massenvernichtung der Juden nachzulesen: Der Stuttgarter Kriminalkommissar Wirth, der schon zur Zeit der Weimarer Republik durch brutale Methoden aufgefallen war, machte bei den Nazis durch eine "Erfindung" Karriere. Was er 1941 in einem Sanatorium in Brandenburg an der Havel unter der Tarnbezeichnung "Stiftung für Anstaltspflege" bei der Ermordung von Geisteskranken ausprobiert hatte, entwickelte er 1942 in den Todeslagern Belzec, Sobibor, Treblinka und Majdanek zur technisch perfekten Methode: Zehntausende erstickten täglich in den Kammern, in die Wirth das Kohlenmonoxid von Diesel-Auspuffgasen pumpen ließ. Dem Mord folgte der Raub: "Heben Sie mal diese Konservenbüchse mit Goldzähnen – das ist nur von gestern und vorgestern!" sagte Wirth zu einem Besucher. Erst als ein "Konkurrent" in Auschwitz das schneller wirkende Zyklon B als Mordmittel entdeckte und der "wilde Christian", wie ihn seine Untergebenen nannten, durch alkoholische und andere Exzesse auch manchem Vorgesetzten lästig wurde, schickte man Wirth 1943 nach Oberitalien. Zur Bekämpfung von Partisanen, zur "Bandenbekämpfung", wie es hieß. Aber als "Spezialist" sorgte Wirth auch dafür, daß einige hundert italienische Juden aus dem Lager San Saba bei Triest ins Vernichtungslager transportiert wurden.

Als unsicherer Geheimnisträger und "Bestie in Menschengestalt", wie ihn sogar sein Mitarbeiter Suchomel nannte, wurde Wirth – wahrscheinlich im Auftrag von SS-Mitwissern – im Mai 1944 durch seinen Fahrer, einen ukrainischen SS-Mann, erschossen.

Sein Grab in Costermano – auch eine "Herausforderung an unsere Zeit"? Wohl kaum im Sinne der hochgemuten Volksbund-Parole, allenfalls als Stein des Anstoßes, der sich merkwürdigerweise weder mit dem Schubkarren (was das einfachste wäre), noch mit wohlgewählten Worten wegräumen ließ. Dabei war der Stein bereits vor drei Jahren gleichsam ins Rollen gebracht worden, als Manfred Steinkühler, damals deutscher Generalkonsul in Mailand, das Auswärtige Amt bat, für die "Umbettung" Wirths und seiner zwei Komplizen nach Deutschland Sorge zu tragen.