Mitterrands Berater Jacques Attali überraschte kürzlich mit der unpopulären Prognose: "Wir stehen heute am Ende der Epoche, in der New York das Herzstück von Weltökonomie, Elektrizität und Technologie bildete. Das Wahrscheinlichste ist, daß Tokyo das kommende Herz ist "

Daß wir dieses "Herz" (immer noch) bestürzend wenig kennen und fortfahren, unseren Kenntnis- und Erkenntnisrückstand gegenüber Japan zu akkumulieren, hat Roland Barthes vor zwanzig Jahren bereits auf die Formel gebracht: "Heute gibt es zweifellos tausend Dinge vom Osten zu lernen, eine gewaltige Erkenntnisarbeit ist erforderlich und wird erforderlich sein — daß sie ausbleibt, kann nur das Ergebnis ideologischer Verblendung sein Diese in Europa weitgehend unterbliebene geistig intellektuelle Beschäftigung.

mit Japan ist eine beklagenswert traurige Regel. Indes, sie kennt Ausnahmen. Das vielleicht glänzendste Beispiel ist das Werk eines Japankenners, das erst jetzt, mit fast zwanzigjähriger Verspätung, in deutscher Sprache erscheint.

Die Rede ist von einer Publikation, deren Editionsgeschichte für deutsche Leser Züge des Beschämenden trägt. Denn die soeben in der edition suhrkamp unter dem Titel, "Spiegel, Schwert und Edelstein" erschienenen Japanbetrachtungen des (bei uns nahezu unbekannten) deutsch jüdischen Schriftstellers und Gelehrten Kurt Singer basieren auf Beobachtungen und Erfahrungen in Japan zwischen 1931 und 1939, die 1973 (elf Jahre nach Singers Tod) bereits als Buch in London erschienen; Singer hatte das ursprünglich in deutscher Sprache konzipierte und geschriebene Buch zuvor, in den fünfziger Jahren, deutschen Verlagen zum Druck angeboten. Vergeblich!

In der englischen Fassung erntete das Werk höchstes Lob: Der in Tokio lebende Japankenner und angesehene Literaturkritiker Donald Richie hatte "Mirror, Sword and Jewel" 1979 immerhin mit den Worten charakterisiert: "Das beste Buch über Japan, das ich jemals gelesen habe Und das in einer Sammelrezension der nach seinem Urteil fünf besten Bücher, die in diesem Jahrhundert von westlichen Autoren über Japan geschrieben wurden. Dem Urteil Richies über Singers "überragendes Werk" sekundierte die Londoner Times damals im Literary Supplement mit dem Votum: "brillant".

Dieses Urteil galt einem Werk, das Jahrzehnte nach seinem Entstehen die (englischen) Leser überraschte durch die Lebendigkeit seiner Diktion und die unveränderte Gültigkeit der Aussagen. Es präsentiert sich jetzt (leider ohne Register) im deutschen Sprachgewand als Spätheimkehrer und als (gelungene) Rückübertragung aus dem Englischen unter Einbeziehung von Teilentwürfen und Bruchstücken des deutschen Manuskripts; denn das eigentliche deutsche Manuskript ist seit den fünfziger Jahren verschollen. Nicht verloren gingen der bereits von der Times gerühmte "erstaunliche Durchblick" und die Tiefe der Einsichten Singers. Es sind genauer gesagt Ausblicke aus der Tiefe einer Nation, von der Singer hellsichtig notiert hat: "Kein Volk hätte weniger Grund zu der Klage, daß es von anderen ungesehen und — wenn überhaupt bemerkt — unverstanden bleibe " Singer gelingt das doppelte Kunststück, Japan zu "bemerken" und es gleichzeitig konsequent aus seinen "seelischen Grundformen und geistigen Urtendenzen" zu verstehen. Ein Verfahren, das sein Werk zum Klassiker der europäischen Japanliteratur macht und Singer als die Ausnahme unter jenen Japanfahrern erscheinen läßt, die gegen alles, was sie erfahren, durch ihr (Vor )Urteil gewappnet sind.

Das Ungewöhnliche dieses Erkenntnisverfahrens kommt freilich nicht von ungefähr. Denn zu den wichtigsten akademischen Lehrern Singers zählt (neben Heinrich Wölfflin) kein Geringerer als Georg Simmel, dessen unorthodox aspektreiche Philosophie und umfassend gebildete wie scharfsinnig brillante Urbanität quer zum akademischen Diskurs seiner Zeit stand. Simmel hatte denn auch resigniert behauptet: "Ich weiß, daß ich ohne geistige Erben sterben werde "

Zum Glück irrte Simmel. Denn Singers eigene unorthodoxe Persönlichkeit und Biographie, seine stupende geistige Regsamkeit und die Weite seines Horizonts (Singer hatte Philosophie, Soziologie, Literatur, Kunstgeschichte und Nationalökonomie studiert, war 1931 einer Einladung der kaiserlichen Universität Tokio als Gastprofessor für Nationalökonomie gefolgt und flüchtete 1939 nach Australien, von wo er 1957 nach Europa zurückkehrte) verschränkten sich bei ihm mit eben der "synoptischen Kraft", die er an seinem Lehrer Sirnmel rühmte.

Es ist diese Begabung, in Bezügen zu denken, diese hochentwickelte Fähigkeit zu interdisziplinären Grenzüberschreitungen, die Singer befähigt, die Wahrheit im Sinne Hegels als Das "Ganze" zu verstehen. Das heißt im Falle Japans: weder zu verklären, noch zu verteufeln, weder nach moralischen oder ideologischen Kriterien zu trennen, was zusammengehört, noch voreilig das zu synthetisieren, was sich als unauflösbare Antinomie erweist.

Die Vorteile dieser Betrachtungsweise liegen auf der Hand. Sie lassen Singers Buch als hochaktuell, als Glücksfall erscheinen in einem Augenblick, da der Westen sich anschickt, neue "Japan Feindbilder" zu entwerfen. Der Grund hierfür wäre leicht zu nennen: Er liegt in jener Kluft, die sich im Westen nach wie vor auftut zwischen ökonomischer Realität und mangelndem kulturell historischen Bewußtsein gegenüber einem Land, das zunehmend Gefahr läuft, zum Antimodell des "zivilisierten" Europas deklariert zu werden. Singers Japanstudie überbrückt diese Kluft durch ein Studium generale Japans, das in unzähligen (gelegentlich aphoristisch verkürzten) Einzelbetrachtungen philosophischer, psychologischer, soziologischer und kulturgeschichtlicher Art nahezu sämtliche Bereiche der japanischen Kulturund Lebenswelt thematisiert.

Zu den brillantesten Kapiteln dieser Pflichtlektüre geistiger Japanfahrer zählt Singers soziokulturelle Interpretation des japanischen Schlüsselromans der Jahrhundertwende: "Kokoro" ("Das Herz") von Natsume Soseki. Mit philologischer Stringenz erläutert Singer hier die im Text verborgenen (und bis auf den heutigen Tag fortwirkenden) Grundmuster der Lebens- und Denkformen der japanischen Gesellschaft in ihrem rapiden Übergang von einer fast "mittelalterlich" agrarischen Organisation zum hochmodernen Industriestaat. Die hierbei sichtbar werdenden schmerzhaften Widersprüche macht Singer dingfest an ganz in japanisch ambivalentem Licht erscheinenden Phänomenen wie jener "in den Japanern schlummernde Zustand potentieller Kriegsführung", der für Singer "durch Zeremonie und gefällige Form überdeckt" wird. Sprachphilosophisch eindringlich untersucht er in diesem Zusammenhang die "Tragödie der Sprachlosigkeit", jenen "Mangel an verbaler Kommunikation", den Singer deutet als "Logophobie" und Vorliebe des Japaners, "alles so lange wie möglich in der Schwebe zu halten". Und am Beispiel der im Roman geschilderten außerordentlichen Empfänglichkeit des "Meisters" für Signale von außen entwickelt Singer unter dem provokativen Titel "innere Anarchie" das Psychogramm der japanischen "Seele", die er einen "Wechselstrom von Impulsen, Widersprüchen, Sehnsüchten, Erhebungen und Erniedrigungen" nennt.

Sein morphologischer Blick erkennt auf dem Grund dieses "Wechselstroms" auch den Grund der fortdauernden Differenzen zwischen westlichem und japanischem Denken: daß nämlich für den Japaner dort kein Konflikt besteht, "wo der Europäer durch das Nebeneinander antagonistischer Elemente höchst beunruhigt wäre". Singer greift hierbei weit zurück auf die synkretistische Tradition des Mahayana Buddhismus, der es ermöglicht, daß beim Japaner "auf der Ebene des Alltagshandelns an die Stelle des (abendländischen) Ringens um eine Synthese eine geradezu unheimliche Fähigkeit tritt, sich augenblicklich von einem Ast auf den anderen zu schwingen". Eine Fähigkeit, die verschwistert ist mit der (bei Singer ebenfalls aus dem Mahayana Buddhismus abgeleiteten) Tendenz "zum Verzicht auf das Selbst".

Singer variiert diese (unter anderem für das Verständnis des japanischen Erziehungswesens wichtige) Einsicht mit dem Satz: "Apollos Anruf Erkenne Dich selbst hat noch nie einen Andächtigen begrüßt, der sich einem japanischen Heilig"tum näherte Jäh sichtbar werden in Exkursen dieser Art die geistig religiösen Bedingungen einer auf Selbstbescheidung und Selbstentäußerung gründenden Konsens- und Harmoniekultur, die (anders als die europäische Individual- und Streitkultur) Revolutionen, Reformation und Aufklärung nicht kennt und statt dessen zu einer "Selbstverborgenheit" geführt hat, das heißt zu einem "sich Verbergen der Japaner voreinander und einer eigentümlichen Verborgenheit Japans und des einzelnen Japaners vor sich selbst". Unzählige fundamentale europäische und japanische Mißverständnisse werden so bei Singer überraschend einsichtig und lassen das Ausmaß ahnen jener latenten geistigen Divergenzen, die das westliche und fernöstliche Selbstverständnis kennzeichnen bei zentralen Begriffen wie zum Beispiel "Dialog", "Demokratie" und "Persönlichkeit".

Singer ermöglicht Erhellungen dieser Art, weil er bei seiner Japan Exegese nicht eurozentristisch verfährt und nachweist, daß auch in anderen außereuropäischen Kulturen erstaunliche Parallelen zu wichtigen Gehalten der japanischen Kultur existieren; nicht zufällig gehört das Kapitel über chinesisch japanische Polaritäten (der Ertrag einer Chinareise Singers) zu den umfangreichsten und profundesten Betrachtungen von "Spiegel, Schwert und Edelstein". Singer befolgt hier wie überall die konfuzianische Tugend, die er im eigenen Vorwort (von 1950) bezeichnet hat als den Willen, "unseren Nachbarn zu kennen, wie auch wir gekannt zu werden wünschen, und einen Menschen mit allen seinen Licht- und Schattenseiten zu respektieren, wie auch wir respektiert werden möchten. Wenn dies geschieht, sollte alles Übrige ein Leichtes sein "

Das Schwerste wird auf diese Weise bei Singer leicht, nämlich Gerechtigkeit zu üben gegenüber seinem Gegenstand. Sein wahrhaft dialektisches Fazit lautet daher auch: "Die Japaner sind für uns nicht deshalb schwer zu verstehen, weil sie besonders seltsam und kompliziert sind, sondern aufgrund ihrer Einfachheit Goethes Verdikt, daß Bücher nur da sind, um unseren Irrtümern Namen zu geben, entspricht "Spiegel, Schwert und Edelstein" so auf eigene Weise: Es nennt unsere Japan Irrtümer beim Namen und fordert auf, sie zu überprüfen. Spiegel, Schwert und Edelstein Strukturen des japanischen Lebens; Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991; 335 S , DM