Zunächst setzten Wilhelm II und seine Berater auf eine Sammlung aller monarchistischen, republikfeindlichen Organisationen in Deutschland. Als politisches Fanal war unter anderem die Beisetzung der Exkaiserin Auguste Viktoria im Park von Sanssouci in Potsdam gedacht. Der Trauerakt wurde, pietätvollerweise, bereits fünf Monate vor dem Ableben der schwer erkrankten Fürstin in allen Einzelheiten vorbereitet, und tatsächlich kamen sie dann am 18. April 1921 alle an ihrem Grabe zusammen — die Repräsentanten des eben gestürzten Regimes mit Hindenburg, Ludendorff und Tirpitz an der Spitze, um gegen die Demokratie zu demonstrieren. Vielleicht hätte man sich daran erinnern sollen, als man in diesem Jahr Friedrich den Großen und seinen Vater an ebendemselben Ort zu Grabe trug.

Seit 1928 begann die Hohenzollernfamilie aus Enttäuschung über die in ihren Augen zu schlappe Haltung der Deutschnationalen Volkspartei sich immer mehr der neuen Kraft im "nationalen Lager", der NSDAP, zuzuwenden. Bereits im Mai 1928 berichtete Kronprinz Friedrich Wilhelm seinem Vater aus Rom begeistert über den italienischen Faschismus, den er eine "fabelhafte Einrichtung" nannte:

"Sozialismus, Kommunismus, Demokratie und Freimaurerei sind ausgerottet, und zwar mit Stumpf und Stiel; eine geniale Brutalität hat dies zuwege gebracht So viel "geniale Brutalität" erwarteten die Hohenzollern offenbar auch vom "Führer" der NSDAP, deshalb boten sie ihm die Hand zur Zusammenarbeit. Wilhelm II billigte 1928 den Beitritt seines jüngsten Sohnes August Wilhelm ("Auwi") zur SA und 1930 dessen Eintritt in die NSDAP. Mitte Januar 1931 kam Hermann Göring zum erstenmal nach Doorn, im Mai 1932 ein zweitesmal. Die vielfältigen Kontakte, die von Beauftragten des Exkaisers zur NSDAP geknüpft wurden, hat Gutsche erstmals ausführlich beschrieben. Dennoch überschätzt der Autor vermutlich die politische Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen Hohenzollern und Nazi Bewegung, wenn er ihr einen wesentlichen Anteil an der Machtergreifung vom 30. Januar 1933 zuschreibt.

Sicher aber ist, daß das Engagement des Exkaisers und seiner Umgebung dazu beitrug, die Nazis in den sogenannten "besseren Kreisen" salonfähig zu machen. Trotz mancher Irritationen über den seit Sommer 1932 sichtbar gewordenen absoluten Machtanspruch Hitlers gab Wilhelm II die Hoffnung nicht auf, mit seiner Hilfe die Monarchie restaurieren zu können "Man rufe mir, ick komme! Amen!" schrieb er noch am 25. Januar 1933. Diese Hoffnung erwies sich freilich als Illusion. Die Nazi Führer hatten sich des Exkaisers nur bedient, um ihre eigene Herrschaft zu etablieren. Als sie ihn nicht mehr brauchten, ließen sie ihn fallen. Die Enttäuschung über diesen schnöden Treuebruch hinderte Wilhelm II indes nicht daran, in der Expansionspolitik des "Dritten Reiches" eine Erfüllung seiner eigenen Weltmachtträume zu sehen. Nach der Eroberung von Paris und der Kapitulation Frankreichs im Juni 1940 sandte er ein Glückwunschtelegramm an Hitler und jubelte in einem Privatbrief: "Die Schmach vom November 1918 im Wald von Compiegne ist ausgelöscht und das Diktat von Versailles für immer zerrissen "

Zwar distanzierte sich der Exmonarch im privaten Gespräch von den Judenpogromen des 8. November 1938, doch erhob er seine Stimme nicht zu öffentlichem Protest. Im Gegenteil: Sein Antisemitismus blieb, wie Gutsche betont, "ein wesentliches ideologisches Element seines Sympathisierens mit der völker- und menschenfeindlichen Politik des nationalsozialistischen Deutschlands". Der Zweite Weltkrieg war in "seinen Augen das Werk des "Weltjudentums und seiner Goldmacht". Deshalb, so belehrte er Alwina Gräfin von der Goltz im Juli 1940, müsse "in England wie auf dem Europäischen Continent der Antichrist Juda hinausgestoßen werden".

Bis in seine letzten Tage blieb der Alte in Doorn sich treu, "Symbol einer Zeit und eines Geistes, der, in Machtbegehren und Selbstüberhebung, die Katastrophe herbeigeführt hat", wie Theodor Wolff zur Abdankung des Kaisers im Berliner TaEr starb wenige Wochen bevor die Hitler Armeen die Sowjetunion überfielen — der Beginn vom Ende des Deutschen Reiches.

Unter Mitarbeit von Elisabeth Müller Luckner; R. Oldenbourg Verlag, München 1991; 366 S , 98 - DM Der letzte Kaiser des Deutschen Reiches.