Von Birgitta Ashoff

Er liebt federleichtes Velours, Seidenstrümpfe, durchsichtige Gewebe und exotische Parfüms. Er ist ein „nervöser, jedoch aufmerksamer Reisender“, dieser russisch-amerikanische Dichter, der nun schon seit siebzehn Jahren jeweils im Winter nach Venedig aufbricht. Für Joseph Brodsky war Venedig immer schon das Paradies, eine lichte Verheißung, ein Gegenbild zu Dantes Hölle im venezianischen Arsenal.

„Italien ist ein Traum, der für den Rest deines Lebens immer wieder wiederkehrt“, diese Prophezeiung der Dichterfürstin Anna Achmatowa hatte sich der junge Brodsky schon in Leningrad angeeignet, bevor er als „Literatur-Drohne“ geschmäht und 1972 zur Auswanderung gezwungen wurde. Auf Vermittlung von W. H. Auden erhielt Brodsky eine Literaturprofessur in den USA. Von seinem ersten Salär kaufte sich der inzwischen naturalisierte Amerikaner ein Ticket („Detroit–Milano–Detroit“) nach Venedig.

„So manchen Mond ist es her, daß der Dollar 870 Lire und ich 32 Jahre alt war“, beginnt Brodskys knapp hundert Seiten kurze, starke Liebeserklärung an die Serenissima. Der Ehrgeiz des Dichters zielt darauf, nach „siebzehn Wintern Ausmustern“, ihr Gesicht zu portraitieren – wie ein Maler. Sein Stadtportrait will sich neben die Arbeiten der Venedig-Kundigen Poussin und Lorrain, Thomas Mann und Vergil, Vivaldi und Cherubini stellen, die er – leider – allesamt zitiert und deren Präsenz er immer wieder bemüht.

Als traue er nicht seiner eigenen Optik und Originalität, schleppt der Autor allerlei Zeugen seiner hohen Bildung mit durch den Text: von Properz, Puschkin und Pasternak bis zu Hazlitt und Akutagawa Ryunosuke wird die Crème seiner literarischen Favoriten aufgeboten. Es sind allesamt sperrige und überflüssige Reverenzen. Der Leser muß und will vielleicht auch gar nicht wissen, wieviel der Dichter Brodsky weiß – oder sich über Venedig angeeignet hat. Wann immer er sich in den kunstvoll aufeinander bezogenen 48 Kurzkapiteln allein auf die Fährte begibt, seiner eigenen Wahrnehmung vertraut und sich nicht von Visconti & Co. abhängig macht, entsteht glänzende Prosa.

Brodskys poetisches Genie explodiert nicht nur in den sprachlich brillanten Beschreibungen von allerlei wundersamen Begegnungen: Ezra Pounds Witwe Olga Rudge kommt dabei entschieden schlechter weg als jene wollbesockte Geliebte, die mit einem jauchzenden „uno, due, tre“ ins Eisbett des Schriftstellers springt.

Das winterliche Venedig mit seinen feuchten Steinfluchten, glänzenden Glockentürmen und graudurchwirkten Kanälen inspiriert den auf Schönheit fixierten Augenmenschen Brodsky zu atemberaubend formulierten Erkenntnissen über die ewigen Themen: Liebe, Eros, Treue, Träume, Sehnsüchte und Trennungsschmerz. Und immer dann, wenn sich der Autor als neugieriger Flaneur ungeschützt den verführerischen Provokationen dieser Stadt stellt, die er wie einen dekadenten Traum empfindet, zeigt er sich als wunderbarer Liebhaber mit uneitler Selbstironie: „Ich würde als erstes nach Venedig kommen, mir ein Zimmer im Erdgeschoß irgendeines Palazzo mieten ..., ich schriebe ein paar Elegien, wobei ich meine Zigaretten auf dem feuchten Steinboden ausdrücken würde, ich würde husten und trinken und mir, wenn das Geld ausginge, statt in einen Zug zu steigen, einen kleinen Browning kaufen und mir auf der Stelle eine Kugel ins Hirn jagen, unfähig, in Venedig eines natürlichen Todes zu sterben.“