Von Jutta Scheuer

Lenin persönlich hatte 1922 das Dekret unterzeichnet, das einen bedeutenden Teil von Rußlands angesehensten Denkern als "ideologische Gegner des Kommunismus" zwangsweise außer Landes schaffte. Nahezu siebzig Jahre währte das verordnete Schweigen über ihre Existenz, das offizielle Unwissen über ihr Werk, die akademische Ignorierung einer Epoche, in der Nikolaj Berdjajew schon vor 1917 Rußlands "kulturelle Wiedergeburt" sah und die ihre Fortsetzung in der ungewollten Emigration fand.

Das "neue Denken" der Perestrojka wollte sich von allem Anfang an auch der verlorenen Vergangenheit wieder bemächtigen. Immer mehr rückte in diesem Prozeß das russische religiöse Denken der vorrevolutionären Epoche und der Emigration in den Vordergrund, wurde schließlich zur wahren Mode. Mit dem Ausklingen der Perestrojka, so scheint es, wird es sogar eine Art Ersatz. Es geht nur mehr darum, eine Vergangenheit zu verklären, die man eigentlich kaum kennt. Unlängst für die breitere Öffentlichkeit noch namenlos, wurden die Träger der vordem geächteten russischen Spiritualität innerhalb kürzester Zeit zu neuen Ikonen der alten "russischen Idee".

Was die Russen gegenwärtig über ihr kulturelles Erbe hören wollen, entspringt ihrer verständlichen Suche nach einer neuen Identität. Als gelte es, das mit der Auflösung des Marxismus-Leninismus entstandene ideologische Vakuum um jeden Preis mit einem neuen Mythos aufzufüllen. Mangels sowjetischer Experten werden westliche Spezialisten besorgt, die aus dem kollektiven Bewußtsein wie aus den Bibliotheken getilgte Kultur des "silbernen Zeitalters" (Berdjajew) zu dokumentieren. Die sich an jeden Vortrag anschließenden ebenso qualwie vorwurfsvollen Fragen sind stets dieselben: Was habt ihr im Westen mit dem Erbe unserer russischen Kultur getan? Wie habt ihr die bei uns verbotene russische philosophische Tradition weitergeführt? In welcher Weise hat sie eure westliche Philosophie beeinflußt? Wo können wir Russen heute in eurem Denken ansetzen, um die bei uns sieben lange Jahrzehnte diskreditierte eigene philosophische Tradition wiederaufzunehmen?

Die existentiellen Fragen nach dem Schicksal der "russischen Tradition" und der "russischen Idee" gelten insbesondere dem philosophischen Vermächtnis, das Nikolaj Alexandrowitsch Berdjajew dem Westen hinterließ und somit für das neue, heutige Rußland bereithielt. Berdjajew stellt gegenwärtig nicht nur die Inkarnation des russischen Geistes überhaupt dar, sondern auch die seines Fortwirkens in der allgemein europäischen Kultur. Auf dem in der russischen Geschichte erstmals freien Büchermarkt schießen die Ausgaben seiner Schriften wie Pilze aus dem Boden. Seit den letzten beiden Jahren gibt es keinen Waggon der Moskauer Metro, in dem sich die Fahrer nicht mit der Lektüre Berdjajews wach beziehungsweise aufrecht hielten.

Jedesmal wieder bin ich peinlich betroffen, wenn ich auf die quälenden Fragen meiner Hörer eingestehen muß: daß die heutige westliche Philosophie bestens ohne Berdjajew auskommt; daß selbst in Frankreich, wo Berdjajew nach einer kurzen Zwischenstation in Berlin (1922 bis 1924) dauerhaft die Zelte seines ungewollten Exils errichtete, in der breiteren Öffentlichkeit kaum mehr die Rede von ihm ist. Gerade hier, wo er zwischen 1935 und 1945 vom Pariser Vorort Clamart aus mit den Gruppen um die Zeitschrift Esprit und Emmanuel Mounier die Philosophie des Personalismus und christlichen Existentialismus begründete, wo 1926 bis 1939 seine eigene philosophische Zeitschrift Put’ (Der Weg) herausgab und mit Hilfe des amerikanischen YMCA einen eigenen russischen Verlag gründete, war sein Einfluß größer als in irgendeinem anderen Lande. Doch für die modeorientierte Pariser Intelligenz gehört das längst einer unwiederbringlichen Vergangenheit an; wie denn auch die nach seinem Tode im Jahre 1948 gegründete Berdjajew-Gesellschaft kaum mehr als ein Schattendasein führt. Bedarf es vielleicht der sowjetischen Berdjajew-Renaissance, um den Denker und Visionär auch dem Westen wieder ins Bewußtsein zu bringen?

Dabei hat Berdjajew insbesondere nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs alle, die sich mit der Geschichte der russischen Kultur und der russischen Intelligenzija beschäftigten, auf entscheidende Weise beeinflußt, wovon die zahlreichen Übersetzungen seiner Werke ins Englische, Deutsche und Französische zeugen: Berdjajews Erklärung des Verhängnisses der Geschichte Rußlands, ihrer "Schismen" und stets von neuem "Katastrophen auslösenden Brüche" auf Grund der "Inkonsistenz des russischen Geistes", der sich nie aus dem Konflikt zwischen "Osten und Westen" zu befreien vermochte, hat im Westen im wahrsten Sinne des Wortes Schule gemacht. Vor allem wurde seiner Erklärung der unheilvollen Rolle der Intelligenzija Gehör geschenkt, die, durch die historischen Gegebenheiten der Autokratie bedingt, trotz ihrer provölkischen Ideologien immer nur den Gegenpol zum Volk darstellte.