Von Norbert Grob

Wie ein viertklassiger Genre-Film fängt es an. Vermummte Polizisten mit großkalibrigen Waffen in einem schmuddligen Hausflur: Rufe schallen, Türen splittern, Schüsse knallen. Ein paar Cops zielen auf alles, was sich bewegt; ein paar robbers sterben dabei. Doch der gesuchte Killer entkommt. So ist der Polizeieinsatz überaus deutlich ausgestellt als seltsames, rituelles Hin und Her: als großes Getue mit geringem Effekt.

So konventi’onell das klingt, so unkonventionell ist es inszeniert. Gewehre, Masken, Knüppel kommen ins Bild, wie von Geisterhand geführt. Schreie und Schüsse sind musikalisch arrangiert, im Rhythmus von Blues und Rap. Die Szene wirkt wie ein kurzes Ballett, wie ein Tanz, der sich selbst genügt. Die Bilder fließen nicht ineinander, sondern bleiben für sich: abgetrennt, abgehackt. Die Umgebung bleibt Kulisse, das Tun pure Gestik. Wodurch die Aktion der Polizisten sich ausnimmt, als fände sie auf einer Bühne statt. Mit Realismus hat David Mamet nichts im Sinn. Seine Kamera fängt stets die doppelte Wahrheit ein: das Handeln und das verspielte Arrangement dahinter.

Später wird es eine zweite Erklärung für die desaströse Polizeiaktion geben, einen Hinweis auf die Pose hinter der Posse: "Komm, laß uns cops & robbers spielen", fordert da ein irischer Polizist seinen jüdischen Partner auf, "wir schnappen uns den bösen Buben, danach stolzieren wir herum und machen einen drauf."

Mamet ist ein Außenseiter unter den amerikanischen Filmemachern. Er begann früh, für die Bühne zu schreiben, zunächst in Chicago, dann in New York. Mitte der siebziger Jahre gewann er den "Preis der New Yorker Theaterkritik", Mitte der achtziger Jahre erhielt er für sein Drama "Glengarry Glen Ross" den Pulitzerpreis. Anfang der achtziger Jahre fing er an, Drehbücher zu schreiben, für Bob Rafelson und Sidney Lumet, später auch für Brian De Palma und Neil Jordan. Inzwischen hat er drei Filme gedreht und dabei typische Kino-Genres genutzt, um seine betont theatralischen Visionen zu variieren: den Spielerfilm "House of Games" ("Haus der Spiele", 1986), den Mafiafilm "Things Change" (1988) und nun den Polizeifilm "Homicide".

Charakteristisch für diese drei Filme ist der doppelte Boden, auf dem die Protagonisten sich ständig bewegen. In "House of Games" warnt der Spieler sein Opfer: Jede Sekunde werde ein Dummer geboren – und zwei, die ihn ausnehmen. Das sei das amerikanische Prinzip. Deshalb gelte es, vorsichtig zu sein und niemandem zu trauen. Als die Frau, die er mehrmals reingelegt hat, sich beschwert, antwortet er bloß: Er habe sie ständig gewarnt. Außerdem sei es sein Beruf, das Vertrauen anderer Menschen auszunützen.

In "Homicide" wird dieses Prinzip zum Gesetz der Geschichte. Da fühlt sich der jüdische Cop noch aufgehoben im Kreis seiner Kollegen, als er schon unversehens zwischen alle Stühle gefallen ist. Nach dem Mord an einer jüdischen Ladenbesitzerin, für den er sich eigentlich nicht zuständig fühlt, wird er auf seine Herkunft verwiesen. Er sei doch einer von denen, erklärt ihm sein Vorgesetzter. Seine Antwort: "Ich dachte eigentlich, ich sei einer von euch!" Die Erkenntnis, daß Vertrauen nur ein Moment ist, auf dem die anderen ihr Spiel aufbauen, bringt sein Innerstes in Unordnung. So übersieht er, daß andere seine Irritation nutzen, um ihn noch tiefer in die Irre zu ziehen.