Seit die Prominenz über sie hereinbrach, verteilt die 43jährige Hochschullehrerin Audienztermine wie andere Dozenten Seminarscheine. Nur zu gern empfängt sie in ihrem Büro in der Philadelphia University of the Arts. Ihr Wortschwall, gewürzt mit teeny talk wie "Yeah, yeah" und "O k, o k ", bricht los, bevor wir noch einen Stuhl gefunden oder den Kassettenrecorder eingeschaltet haben. Er bricht auch nicht ab, als die wortgewaltige Autorin sich später, ohne dabei den Faden zu verlieren, mit Käsegnocchi, Cäsarsalat, Kalbsfilet mit Beilagen, Eiskrem, Kaffee und Whisky Soda stärkt. Der Redefluß der Camille Paglia hat etwas Episches: "Ganz klar, das erste von einer Frau verfaßte Epos. Vom Anfang aller Zeiten bis heute, o k ? Es gibt Götter, und es gibt Unterwelt, Es gibt einen epischen Helden, mich, eine Frau, o k ? Und die Suche nach den sexuellen Geheimnissen, vom Parthenon bis zum Abfalleimer "

Eine epische Heldin? Was uns hier gegenübersitzt, heftig gestikulierend und "mit der Stimme einer Kreissäge" (Paglia über Paglia), ist eine kleine Maus, einssiebenundfünfzig groß, im blauen Rock und hochgeknöpften Baumwollblüschen. Ihr Haar ist leicht angegraut, und als einziges Make up trägt sie zwei hektische rostrote Streifen auf den Backen.

Camille Paglias Mausigkeit dürfte ebenso schierer Berechnung entspringen wie ihre lustvoll eingestandene Methode der "Sensationsmache". Und alles wegen eines Buches mit dem eher harmlosen Titel: "Sexual Personae: Art and Decadence from Nefertiti to Emily Dickinson" (Sexuelle Masken: Kunst und Dekadenz von Nofretete bis Emily Dickinson, Yale University Press), das die Italoamerikanerin in die Talkshows und die Magazine katapultiert hat. Die Reaktionen reichten von "höchstem Lob" (Gore Vidal) bis zu wütender Verachtung: "Das Werk einer brillanten Idiotin", urteilte Sandra Gilbert, Professorin an der University of California at Los Angeles. Ein Buchladen in CambridgeMassachusetts berichtet von erzürnten Feministinnen, die das Werk, nur kurz angelesen, als unzumutbare Lektüre zurückbrachten.

"Sexual Personae" ist Paglias Versuch, die dunkle, erotische, ihrer Meinung nach unterdrückte "dionysische" Seite der westlichen Kultur ans Licht zu bringen. Aus dem Urgrund des Dionysischen und auch des Weiblichen leitet sie die dunklen Mysterien der Bacchanalien ebenso ab wie die blutigen Orgien des Marquis de Sade, die unterschwelligen Perversionen der Emily Dickinson und die lustvolle Todessehnsucht des jungen Werther.

Die Stärke der Frau, so argumentiert Paglia, ist ihre Biologie: Als naturverbundene, dionysische Gebärerin ist sie sich selbst genug und droht — ob als Mutter oder Geliebte — den Mann zu verschlingen oder doch auf ewig zu infantilisieren. Getrieben von der Furcht vorm Weibe, flüchten Männer ins Kultur Schaffen, und voilä: Kunst und Kultur des westlichen Abendlandes sind geboren, leuchtender apollinischer Gegensatz zum dunklen dionysischen Mutterschlamm "Wäre unsere Kultur in den Händen von Frauen geblieben", spekuliert Paglia, "säßen wir heute noch in Grashütten "

Ihr besonderer Zorn gilt den liberalen Anhängern der Lehre J J. Rousseaus. Mit ihrem naiv optimistischen Meliorismus könnten diese "sentimentalen und naiven Denker", darunter besonders die Feministinnen, das dunkle, dionysische Element allenthalben unterdrücken. Ohne Erfolg, meint Paglia, und sieht den Urschlamm überall durch die Ritzen quellen — ob in Hollywoods Gruselfilmen oder in düsterer Rockmusik: "Das Dämonische der dionysischen Natur ist das schmutzige Geheimnis des Westens "

Biologie ist Schicksal: Die von Feministinnen seit Jahrzehnten bekämpfte Maxime serviert Piglia als neue Erkenntnis. Ihr Fazit: "Es gibt keinen weiblichen Mozart, denn es gibt auch keinen weiblichen Jack the Ripper In einem gedanklichen Salto mortale zählt Paglia sich gleichviel zum unabhängigen Flügel der von ihr gerade noch verachteten Feministinnen "Ich biete eine Herausforderung, die sie nicht erkennen", sagt sie. Und zählt die Reihe ihrer Ahninnen auf: "Ich bin eine der Frauen dieses Jahrhunderts — Dorothy Parker, Mary McCarthy, Susan Sontag und dann ICH!"