Was eine Delegation aus Asylbewerbern und Kirchenleuten in Greifswald recherchierte, war nicht eben ermutigend: Türkische Händler auf dem Markt berichteten ihnen von zwei Angriffen am hellichten Tag; ein marokkanischer Student wurde von sechs Neonazis aus einer Telephonzelle gezerrt und mit Baseballschlägern, Stiefeln und Fäusten lebensgefährlich verletzt.

Trotzdem stimmten die Asylbewerber der Übersiedlung zu; den Ausschlag gab ein Drohbrief der Kirchenleitung, andernfalls jede Unterstützung einzustellen und die Kirche schließlich räumen zu lassen. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich schon Spannungen und Alkoholprobleme eingestellt, ein Afrikaner hatte einen Bulgaren gebissen. Die Autonomen lehnten den Gang nach Greifswald strikt ab. Sie hätten es lieber gesehen, wenn die Flüchtlinge in die Illegalität abgetaucht wären.

Die Pastoren, gleichermaßen beflügelt von der Nächstenliebe wie von der Aussicht, die Flüchtlinge endlich loszuwerden, versprachen ihnen eine Sicherheit, die nur die Schweriner Landesregierung hätte garantieren können. Am Ende hieß es sogar, daß die Asylbewerber im Notfall nach Neumünster zurückkehren könnten.

Angekommen in Greifswald, bemerkten die Übersiedler rasch den Unterschied zwischen Ost und West. Wenn guter Wille vorhanden war, hatte er Schwierigkeiten, sich mitzuteilen. Die Schweriner CDU-Landesregierung fühlte sich von diesen dahergelaufenen Drittweltlern düpiert; denen würde man nicht noch eine Extrawurst braten.

Sechs Tage später kam der Angriff. Wie er sich abspielte, darüber gehen die Angaben auf nahezu groteske Weise auseinander. Jörg-Peter Schultz vom Schweriner Innenministerium behauptete noch zwei Tage danach, es sei gar kein Angriff gewesen und die Polizei habe die in der Nähe des Heims randalierenden Fußballfans jederzeit unter Kontrolle gehabt. Das Greifswalder Tageblatt druckte schon am Montag eine wahre Schlachtbeschreibung. Die Asylbewerber selber zeigen Photos von malerisch mitten auf dem Kopfkissen gelandeten Pflastersteinen. Die Wahrheit könnte irgendwo dazwischen liegen.

Nächtlicher Konvoi

Polizeidienststellen beschuldigten sich nach dem Zwischenfall gegenseitig, versagt zu haben. Innenminister Georg Diederich, CDU, ging zum Gegenangriff über, als die Schweriner SPD seinen Rücktritt forderte: Die Asylbewerber, so seine Version, hätten die Hooligans auf dem Fußballplatz provoziert und sie zum Asylantenheim gelockt, damit ihre autonomen Freunde einen Grund hatten, sie in Sicherheit zu bringen.