Ein Essay von Ludger Lütkehaus

"Die Selbstbefriedigung ist der einzige Sexualakt, der etwas mit Kultur zu tun hat, weil er ganz aus der

Phantasie kommt" Alberto Moravia

Die Onanie ist kein Tabu-Thema mehr. So scheint es. Die Territorien kirchlich verzögerter Aufklärung sind davon freilich von vornherein auszunehmen: Die Bücher von Eugen Drewermann, Georg Denzler, Adolf Holl, Uta Ranke-Heinemann – Varianten des Psychogramms, die sich auf den Namen Kleriko- oder auch Eunuchogramme taufen ließen – haben das jüngst eindrucksvoll gezeigt.

Indessen ist dieses Ritardando nicht, wie der gesündere Menschenverstand wohl glauben möchte, auf den Bereich der ekklesiogenen Neurosen beschränkt. Wer zum Beispiel in einem universitätsöffentlichen Vortrag über "Die Onanie in der Literatur" reden will, macht merkwürdige Erfahrungen. Fachbereiche, die eigentlich im Rufe der Liberalität stehen, fragen an, ob man nicht vielleicht doch lieber über ein anderes Thema... Andere bitten wenigstens um mildernde Umstände: "Autoerotik" oder noch besser "narzißtische Libido" – das wäre doch akademisch sozialverträglicher. Und ganz entschlossene Körperschaften – so geschehen im letzten Jahr in Freiburg – lassen nichts unversucht, eine sonst hochangesehene literaturwissenschaftlich-psychoanalytische Tagung, die sich mit diesem Thema gemein machen will, aus allen verfügbaren Räumen herauszuwerfen.

Ja, wer auch nur über die Onanie in der Literatur recherchieren will, hat mit unerwarteten Schwierigkeiten zu rechnen. Vorarbeiten sind so rar, daß man meinen könnte, das Sujet gäbe es kaum; ganze Reihen von Dissertationen, selbst voluminöse Habilitationen kann man sich hier noch vorstellen. Aber man reiche erst einmal einer hohen skierotisierten Fakultät eine Arbeit über "Das Onanie-Motiv in Sage und Dichtung" ein...

Auch sonst hochdifferenzierte Sachkataloge überspringen es gerne: Zwischen O’Neill und Oman, wohlgemerkt dem Sultanat Oman am Persischen Golf, herrscht hier meistens bibliographische Stille. Und wenn man sich in der schon erwähnten Universitätsstadt die Dokumente der beiden zentralen psychoanalytischen Onanie-Debatten von 1912 und 1928 ansehen will, dann muß man sich entweder in die Obhut der Kriminologen begeben, oder man darf aufsteigen in den Bücherhimmel der Theologen. Der Onanie-Forscher treibt sich also nach wie vor gezwungenermaßen zwischen Giftschrank, Tatort und Beichtstuhl herum.