Ein Essay von Ludger Lütkehaus

„Die Selbstbefriedigung ist der einzige Sexualakt, der etwas mit Kultur zu tun hat, weil er ganz aus der

Phantasie kommt“ Alberto Moravia

Die Onanie ist kein Tabu-Thema mehr. So scheint es. Die Territorien kirchlich verzögerter Aufklärung sind davon freilich von vornherein auszunehmen: Die Bücher von Eugen Drewermann, Georg Denzler, Adolf Holl, Uta Ranke-Heinemann – Varianten des Psychogramms, die sich auf den Namen Kleriko- oder auch Eunuchogramme taufen ließen – haben das jüngst eindrucksvoll gezeigt.

Indessen ist dieses Ritardando nicht, wie der gesündere Menschenverstand wohl glauben möchte, auf den Bereich der ekklesiogenen Neurosen beschränkt. Wer zum Beispiel in einem universitätsöffentlichen Vortrag über „Die Onanie in der Literatur“ reden will, macht merkwürdige Erfahrungen. Fachbereiche, die eigentlich im Rufe der Liberalität stehen, fragen an, ob man nicht vielleicht doch lieber über ein anderes Thema... Andere bitten wenigstens um mildernde Umstände: „Autoerotik“ oder noch besser „narzißtische Libido“ – das wäre doch akademisch sozialverträglicher. Und ganz entschlossene Körperschaften – so geschehen im letzten Jahr in Freiburg – lassen nichts unversucht, eine sonst hochangesehene literaturwissenschaftlich-psychoanalytische Tagung, die sich mit diesem Thema gemein machen will, aus allen verfügbaren Räumen herauszuwerfen.

Ja, wer auch nur über die Onanie in der Literatur recherchieren will, hat mit unerwarteten Schwierigkeiten zu rechnen. Vorarbeiten sind so rar, daß man meinen könnte, das Sujet gäbe es kaum; ganze Reihen von Dissertationen, selbst voluminöse Habilitationen kann man sich hier noch vorstellen. Aber man reiche erst einmal einer hohen skierotisierten Fakultät eine Arbeit über „Das Onanie-Motiv in Sage und Dichtung“ ein...

Auch sonst hochdifferenzierte Sachkataloge überspringen es gerne: Zwischen O’Neill und Oman, wohlgemerkt dem Sultanat Oman am Persischen Golf, herrscht hier meistens bibliographische Stille. Und wenn man sich in der schon erwähnten Universitätsstadt die Dokumente der beiden zentralen psychoanalytischen Onanie-Debatten von 1912 und 1928 ansehen will, dann muß man sich entweder in die Obhut der Kriminologen begeben, oder man darf aufsteigen in den Bücherhimmel der Theologen. Der Onanie-Forscher treibt sich also nach wie vor gezwungenermaßen zwischen Giftschrank, Tatort und Beichtstuhl herum.

Als Germanist wird er dafür allerdings nachhaltig von einem der anerkanntesten obszönen Dichter der deutschen Literatur ermuntert: Goethe, Faust I, „Wald und Höhle“:

MEPHISTOPHELES. Ein überirdisches Vergnügen!

In Nacht und Tau auf den Gebirgen liegen,

Und Erd und Himmel wonniglich umfassen,

Zu einer Gottheit sich aufschwellen lassen,

Der Erde Mark mit Ahnungsdrang durchwühlen,

Alle sechs Tagewerk’ im Busen fühlen,

In stolzer Kraft ich weiß nicht was genießen,

Bald liegewonniglich in alles überfließen,

Verschwunden ganz der Erdensohn,

Und dann die hohe Intuition – (mit einer Gebärde)

Ich darf nicht sagen, wie – zu schließen.

FAUST. Pfui über dich!

MEPHISTOPHELES. Das will Euch nicht behagen;

Ihr habt das Recht, gesittet Pfui zu sagen.

Man darf das nicht vor keuschen Ohren nennen,

Was keusche Herzen nicht entbehren können.

Und kurz und gut, ich gönn Ihm das Vergnügen,

Gelegentlich sich etwas vorzulügen.

Das Vergnügen, vor „keuschen Ohren“ wenigstens indirekt das zu „nennen, was keusche Herzen nicht entbehren können“, ist hier offensichtlich beträchtlich – obwohl Goethe es dem Ausbund der Hölle zuschreibt, das andere, nur gezeigte, ungenannte – die „Intuition“, die der zur Gottheit aufgeschwellte „Erdensohn“ auf der durchwühlten Erde empfängt, um schließlich davon überzufließen – Doktor Faust.

Die wollüstig-höllische Aufspaltung freilich hat Tradition. Sie ist insgesamt charakteristisch für das Schicksal der sexuellen Selbstliebe unter den Bedingungen der christlich-puritanischen Moral, der wie keinem anderen uns bekannten Moralsystem die Verteufelung einer der harmlosesten, stupendesten und am meisten verbreiteten menschlichen Vergnügungen gelungen ist. Mit der Doppelformel „O Wollust, o Hölle“ hat Schopenhauer in einem seiner Jugendgedichte diesen Dualismus auf den lyrischen Begriff gebracht: in Versen, die unter Tabubedingungen generell von der nicht zu befriedigenden und nicht zu besiegenden Sinnenliebe sprechen, aber vornehmlich die aussichtslose Lust des einsamen Lasters meinen.

„In der Einsamkeit“, notiert Nietzsche, „wächst das innere Vieh“; sie ist die „mater saeva cupidinum“, die „wilde Mutter der Begierden“. In den Versuchungen des heiligen Antonius von Grünewald bis zu Flaubert nimmt denn auch die eremitische Wollust allemal ein viehisch-höllisches Gesicht an.

Dazu aber, wie zum gedeihlichen Wachstum des „inneren Viehs“, braucht es: Phantasie. Sie ist die zwiefältige Muse der viehischen Begierden. Die Wollust nährt sich aus ihr, wie erst die moralische Phantasie aus der Wollust eine Hölle macht.

In dieser Doppelrolle blieb sie naturgemäß nicht auf die Eremitagen und Beichtstühle beschränkt. Nicht zuletzt die literarische Phantasie hat aus ihrer ambivalenten Inspiration gelebt. Und sind denn die Grenzen zwischen Onanie, Phantasie und Kunst nicht überhaupt fließend? Die Kunst scheint allerdings vor derart pauschalen Gleichungen durch ihr kommunikatives Wesen bewahrt: Welcher Künstler arbeitet schon für sich allein? So hält man sich fürs erste besser an nachprüfbarere Konstellationen: an das Verhältnis von Onanie und Phantasie in der Literatur. Wobei auch die nichtfiktionale Literatur einzuschließen ist. Denn in die religiösen, moralischen, medizinischen, pädagogischen Dokumente der Onanie-Inquisition gehen ebensowohl die unfreien Phantasien ihrer Urheber ein, wie die Exempel der fiktionalen Literatur oft nur bildgewordene antionanistische Diskurse sind.

Der Stifter des einsamen Lasters ist nach populärer Legende Onan, der Bruder Ers, der Schwager und Gatte Thamars, aus dem 38. Kapitel der Genesis. Im antiken Kontext steht er freilich einigermaßen isoliert da. Die ägyptische Religion zum Beispiel kennt einen Mythos, demzufolge die Geschöpfe aus einem Akt göttlicher Selbstbefriedigung – Atmus – entstanden sind. Das solitäre Laster hat also immerhin göttliche Ahnen. Und auch sonst ist in der Antike für gute Gesellschaft gesorgt. Unter den vielen Anekdoten über den Kyniker Diogenes ist unter anderem die überliefert, daß er sich in aller Öffentlichkeit auf dem Markte selber befriedigte, wünschend, daß man auch den Hunger durch inständiges Reiben vertreiben könne. Man sieht: Dieser Philosoph steht im Gegensatz zu den meisten anderen Vertretern seiner Zunft auf einem konsequenten triebökonoinischen Standpunkt. Einige der wesentlichen Bedingungen der Moral – Privatheit und schlechtes Gewissen – erfüllt er nicht.

Die positive philosophische Bedeutung seiner kynischen Onanie, kurz: Kynanie, wiederum liegt im Konzept der Autarkie und Autonomie: Dieser Selbstbefriediger will sich selbst genug sein und seine Triebschicksale nicht an heteronome Bedingungen, an fremde Triebobjekte und die damit einhergehenden Komplikationen binden. Gleichwohl kommt er nicht bei einem triebbereinigten Selbst, sondern eben bei der Selbst-Befriedigung an. Und siehe: Es ging ihm gut dabei, und er lebte lange und zufrieden auf Erden: fast neunzig Jahre.

Wie fatal nimmt sich demgegenüber die Geschichte des biblischen Onan aus! Dazu verpflichtet, die Leviratsehe zu vollziehen, ließ er seinen Samen zur Erde fallen. Sein Tun aber mißfiel dem Herrn, und der Herr ließ ihn sterben.

Nun ist oft genug festgestellt worden, daß diese Szene weit eher auf einen „Coitus interruptus“ als auf eine Selbstbefriedigung deute. Dem ist so. Und das heißt zunächst, daß es die Onanie als „Onanie“ gar nicht gibt: Mit einer denkbar zugespitzten Paradoxie trägt sie, obwohl das Selbst in ihr eine so große Rolle spielt, nicht einmal ihren eigenen Namen. Gleichwohl wird in der Genesis eines der zentralen Stigmata späterer Onanie-Inquisition fixiert: die Verweigerung der Zeugung. Beim biblischen Onan ist es die Weigerung, im Namen seines Bruders zu zeugen. Dieser „Onanist“ will kein Stellvertreter sein.

Selbst ist der Mann!

Bei Thomas Manns Onan im Josephs-Roman wiederum ist es die Verneinung „des Lebens nach ihm und durch ihn“ überhaupt. Zwar ist er keineswegs seinem „persönlichen Leben“ verneinend abhold. Ganz im Gegenteil. Der zwanzigjährige „Knabe“, außerordentlich „hübsch“ und „nett“, hatte „viel Eigenliebe und schmückte und schminkte sich stutzerhaft“. Aber eben darin liegt auch die „Eigenliebe dessen, über den es nicht weitergehen“ soll. Im Gegensatz zu den üblichen generativen Fortsetzungsgeschichten, in denen aus der selbstliebenden Eitelkeit die Selbstvermehrung resultiert, verweigert dieser Narziß gerade aus seinem Narzißmus die Fortsetzung des Schöpfungsaktes. Sein Ende ist traditionsgemäß unbefriedigend: Wie der „jugendlich entnervte“, neurasthenische Bruder stirbt er in den Armen seines verschmähten „astartischen“ Weibes an einem plötzlichen Gehirnschlag, in den sich das Gottesurteil verwandelt hat.

Diese Konstellation ermöglicht es auch, eine symptomatische Schlußsequenz aus den „Buddenbrooks“ zu verstehen: eine exzessive onanistische Deckphantasie im pianistischen Gewande. Da musiziert der fünfzehnjährige Hanno, der fast anagrammartige Bruder Onans, nach einem katastrophalen Schultag mit seiner Mutter, die trotz des Engelgesangs ihrer Geige von dem Instrument „unbefriedigt“ bleibt und ihn alleine läßt. Hinter dem heftig vorgezogenen Türvorhang zieht Hanno sich an den Flügel zurück, wo er mit „verschwimmendem“ Blick zu phantasieren beginnt. Ein „haltlos drängendes“, „verlangendes“, „verheißungsvolles“ Motiv trifft dabei auf einen von den „Schreien der Furcht“ inspirierten, demütig „zerknirschten und kindisch betenden Choral“. Doch immer heftiger werdend, gewinnt das Verheißungsmotiv die Oberhand. Unter Hannos „arbeitenden Fingern“ beginnt ein ausschweifendes „Aufschwellen“, das voller Begierde dem „Höhepunkt“ der „vollkommenen Befriedigung“ entgegendrängt, bis es sich schließlich in einer „zügellosen Orgie“ „lasterhaft“-maßlos „schäumend“ „durch alle Oktaven ergießt“.

Erschöpfung, Ekel und Überdruß lassen nicht lange auf sich warten. Die „Hände im Schoß“, sehr blaß im Gesicht, kraftlos in den Knien, streckt Hanno sich auf der Chaiselongue aus, ohne noch „ein Glied zu rühren“. Schon mit dem Beginn des nächsten Kapitels trifft ihn der Urteils-, der Hinrichtungssatz: „Mit dem Typhus ist es folgendermaßen bestellt.“ Und Hanno, der hier wieder Johann heißt, der letzte derer aus dem Hause der Buddenbrooks, bei dem die Kunst zur Selbstbefriedigung wurde, stirbt.

Diese Fortsetzungsgeschichte des alttestamentarischen durch den Thomas Mannschen Onan-Hanno-Johann scheint auf eine erstaunliche Kontinuität wollüstighöllischer, wenigstens tödlicher „Onanie“-Motive zu deuten. Aber ihr biblischer Beginn bleibt eben ein Pseudo-Paradigma. Relevanter ist der in der Tat traditionsstiftende Beginn der Onanie-Inquisition im West- und Mitteleuropa des 17. und 18. Jahrhunderts. Zuvor, in den Lasterkatalogen des christlichen Mittelalters, ist zwar durchaus die Sünde der widernatürlichen Selbstbefriedigung bekannt. Die kanonische Klugheit erfahrener Zölibatäre ist aber hier noch vergleichsweise gnädiger als bei manchen anderen sexuellen Vergehen. So wird das kapitale Laster der Onanie erst eine Kreation des heraufkommenden bürgerlichen Zeitalters, genauer: des Puritanismus.

Nachdem der Theologe Richard Capel den tentations der Selbstbesudelung bereits 1640 auf den Leib gerückt war, wird die Onanie als „the hainous sin of self-defilement“ 1710 in London von dem Arzt Bekkers definitiv in die Welt gesetzt. Er ist der eigentliche Erfinder der „Onanie“. Und 1760 folgt mit der dissertation physique „Le l’onanisme“ des französisch-schweizerischen Arztes Tissot der Klassiker der Onanie-Inquisition. Bei Tissot geht alle Welt in die Schule: von Voltaire und Rousseau über Kant bis zu Schopenhauer, von den deutschen philanthropinischen Pädagogen Oest, Campe, Salzmann bis zu dem Makrobiotiker Hufeland. Wenn wir heute nicht von einer Art geistesgeschichtlicher Alzheimerscher Krankheit geschlagen wären, wüßten wir noch: Mit demselben Recht, mit dem wir das 18. Jahrhundert als das der Aufklärung seligpreisen, könnten wir es als das Jahrhundert Tissots maledeien.

Tissot entdeckt in der Onanie nichts anderes als „eine Handlung des Selbstmords“. Bei Salzmann treibt sie den Onanisten möglicherweise direkt in den Selbstmord hinein, der ihn nach der Logik jenseitiger Fortsetzungsgeschichten indessen auch nicht von seinem Laster heilen kann: Onan, wie sonst nur die tragischen Helden der Ruhelosigkeit von Tantalos und Ixion über den Ewigen Juden und den Fliegenden Holländer bis zu Faust, avanciert zum Prototyp der Unerlöstheit.

Kant sieht die ekelhafte Selbstschändung der „Wohllust“ – die schöne etymologische Erbschaft wird auf den Kopf der reinen praktischen Vernunft gestellt – gar schlimmer als den Selbstmord. Und noch einige Beiträger der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung werden in ihren Deutungen diese Verbindung pflegen: Das Tertium comparationis ist das Hand-an-sich-Legen.

Allerdings insistieren die Wiener Beiträger wiederum darauf, daß das auf die Onanie bezogene neurotische Schuldgefühl in Wahrheit meist den begleitenden inzestuösen Phantasien entspringt.

Ein guter Zeuge dafür trotz einiger familiengeschichtlicher Komplikationen ist ein Briefpartner Tissots, der ihn seinerseits wieder als Protagonisten der „Aufklärung“ hoch verehrt: Rousseau. Er ist sozusagen der Statthalter Tissots auf dem Gebiete der natürlichen Moral und der widernatürlichen Onanie. Schon vor der Bekanntschaft mit Tissot schreibt er in der „Nouvelle Heloïse“ Julie die tiefe Sorge zu, der abwesende, zum Triebverzicht unfähige St. Preux könne sie „aus zu großer Liebe“ mit dem namenlos „traurigen“, „unschmackhaften“ und „verächtlichen“ Vergnügen beleidigen. Einsame Lust ist tote und auch zum Tode führende Lust. Die einsame Lust aber wächst aus „zu lebhafter Einbildungskraft“.

Das vierte Buch des „Emile“ attackiert die Onanie als das gefährlichste aller Laster und als die tödlich-verführerische Muse der Selbstbegegnung wieder die Imagination: Leichter noch ist es, den Jüngling den Frauen zu entreißen als sich selber, wenn er das Vakuum seines Soliloquiums mit den Gestalten seiner Phantasie füllt. Freilich ist es wichtig, daß der Erzieher auch die eigenen Kämpfe zeigt, wenn er seinen Zögling heilen will. Und Rousseau weiß, wovon er redet, finden doch in der Jugendgeschichte der „Confessions“, bei der Madame de Warens, der maman, die Rousseau den „Kleinen“ nennt, in dem Bett, in dem auch sie geschlafen, sein Selbst und seine omnipotente Einbildungskraft befriedigend zusammen – die bei der eigenen Geburt gestorbene leibliche maman hatte in dem Fräulein Lambercier und ihrer mütterlichen Liebe schon zuvor eine zärtlichflagellantische Statthalterin von größter Erregungsintensität gefunden.

Der solcherart gewonnene Reichtum aber ist gefährlich. Und so straft Jean-Jacques sich und alle Welt mit der entfremdeten Zerrform der Imagination: dem Wahn. Ebenfalls in der Jugendgeschichte der „Confessions“ zeichnet er das Bild eines Onanisten – bezeichnenderweise ist es ein Fremder, ein „Maure“ –, der sich „epileptisch“ vor ihm windet: Die Wollust der Selbstbefriedigung endet in der Hölle der Raserei.

Natürlich läßt sich nicht das ganze 18. Jahrhundert dieses Wahnsystem über den onanistischen Wahn suggerieren. Die galante oder auch die softpornographische Literatur leistet sich naturgemäß laxere Attitüden. Mit einer Fülle zumeist weiblicher onanistischer Akte läßt sie, wie spekulativ auch immer, das Thema zu Wort kommen. Die erotische Ikonographie portraitiert gleichzeitig gerne beim Lesen masturbierende Frauen: ohne das gute Buch weder Phantasie noch Onanie. Allerdings inspirieren dabei eher männlich-voyeuristische Perspektiven das Bild.

Ebenfalls männlich präokkupiert, sonst aber ganz und gar unvoreingenommen erkundet Sternes Tristram Shandy in seinen „nasologischen“ Digressionen, in welchem Verhältnis Größe und Schönheit der Nasen zu Wärme und Stärke der Imagination stehen, wenn nicht schon beizeiten eine weiche mütterliche Brust ihr Wachstum angeregt hat. Und diese Frage ist nicht zuletzt deswegen wichtig, weil „eine lange Nase (...) im Notfall, wenn gerade kein Blasebalg bei der Hand ist, sehr gute Dienste leiste“, selbsttätig „das Feuer anzufachen“.

Lichtenberg läßt sich von der moralischen Zeitgenossenschaft so wenig ins puritanische Bockshorn jagen, daß er sich „allein oder mit anderen“, etwa der Jungfer Stechardin, auf das angenehmste „soulaschiert“. Seinen „alten Lion“ – jenen niemals enttäuschenden, „gutmütigsten Teufel“ – hegt und pflegt der einzigartige Göttinger Gnom, dem Henning Boetius jüngst auch in dieser Hinsicht ein bemerkenswertes romanhaftes Denkmal gesetzt hat, so liebevoll, daß er ihm unter dem Zeichen „Lion“ oder einfach „es“ genaueste Aufmerksamkeit zuwendet: „Liøn“ wie „Lichtenberg onaniert“. In seinem „Staatskalender“ hat Lichtenberg präzise Zahl, Modalitäten, Güte und Uhrzeit seines erleichternden Umgangs mit sich selbst vermerkt.

Diderot wiederum, der die Poesie als die Kunst versteht, „nichtexistierende Wesen nach dem Vorbild der existierenden“ zu schaffen, würdigt „die Akte der solitären Befriedigung“ dabei als ebenso gesunden wie vergnüglichen Aderlaß: Die Maxime poetisch vermittelter Selbstentleerung bleibt als kynisch inspirierte Erbschaft.

Trotzdem entscheidet sich selbst bei Diderot der betont „gesunde Menschenverstand“ letzten Endes wieder gegen die „nutzlosen“ autoerotischen Akte. Der anonyme Enzyklopädie“-Artikel „Manstupration“ etwa oder auch Voltaires Briefe und Schriften setzen den antimasturbatorischen Kampf mit Tissot und Rousseau schließlich ohne weitere Vorbehalte fort. Hier wird ein Stück „Dialektik der Aufklärung“ faßbar, das diesen mißbrauchten Titel tatsächlich verdient: Keiner dieser Aufklärer ist pathologischer Fleischfeindlichkeit verdächtig. Im Gegenteil: Im Kampf gegen die widernatürliche Doppelmoral der Kirche heißt Aufklärung für sie alle auch Ausgang aus sexueller Unmündigkeit, Emanzipation des Fleisches. Dabei aber wird eine neue „natürliche Moral“ etabliert, die auf den kategorischen Imperativ der sexuellen Kommunikationsgemeinschaft ebenso festgelegt ist, wie das Vergnügen gemäß der ins Sexuelle übersetzten Doppelformel der Horazischen Poetik auch nutzen muß. Ja, solche „Dialektik der Aufklärung“ erreicht unter diesen Voraussetzungen selbst die Revolution. Wegen drohender „Reibereien“ und unvermeidlicher manueller Kontakte, die die culottes verursachen, propagiert die revolutionäre Kleiderordnung eine Art von antionanistischem Sansculottismus. Daß in nachrevolutionären Zeiten dann auch Napoleon gezwungen ist, mit der wegweisenden Geste des Zeitalters die Lage seiner Herrscherhand nach oben zu verschieben, versteht sich am Rande.

Schlechte Zeiten also auch in der bürgerlichemanzipierten, antiklerikalen Aufklärung für die „widernatürliche“ Onanie. Relativ gute Zeiten freilich noch im Vergleich zu dem, was dann im 19. Jahrhundert folgt. Das Horrorszenario der zunehmenden Verkeuschung reicht von den Fesselungstechniken der Schreberschen Pädagogik, die neben dem berühmten Sohn zum Beispiel noch den jungen Nietzsche martern, bis zu den Torturen sadistischer Chirurgen. Die Kastrationsphantasien, die Gogol in der „Nase“ auf den Spuren Sternes so skurril ausfabuliert hat, oder auch die Kinderbuchschrecken des „Struwwelpeter“ werden dabei vom realmedizinischen und -moralischen Terror bei weitem überboten. Zumindest müssen die Onanisten den Verstand verlieren.

Der Bräutigam Kleist etwa zeichnet in einem Brief an Wilhelmine von Zenge vom 13. September 1800, zur Zeit seiner intensiven Rousseau- und Kant-Lektüre also, in geradezu panischer Selbsttherapie das Portrait eines 18jährigen Jünglings, dem er im Würzburger Julius-Hospital begegnet war: „Eingewunden und eingenäht lagen ihm die Hände auf dem Rücken.“ Sein „unnatürliches Laster hatte ihn wahnsinnig gemacht“. „O lieber tausend Tode, als ein einziges Leben wie dieses! So schrecklich rächt die Natur den Frevel gegen ihren eigenen Willen!“ Wilhelm Waiblinger notiert über seinen Freund Hölderlin, daß die Onanie zu seiner Versunkenheit beitrug, während Schopenhauer bei den Onanisten unter den Wahnsinnigen sogar die diesen sonst eigentümliche heitere Ruhe vermißt. Nietzsche aber, von Wagner mit indiskreten Onanie-Unterstellungen tödlich beleidigt, sieht sich so sehr mit seinem Stachel im Fleische konfrontiert, daß er nicht zuletzt deswegen gegen die „moralischen Selbstbefriediger“ eine Umwertung aller Werte entfesselt, die seine geistige Kohärenz schließlich mitzerstört.

Zu der weiteren Umwertung, wenn nicht aller, so doch der sexuellen Werte seit Beginn unseres Jahrhunderts, hat vor allem die entstehende Psychoanalyse beigetragen – mit Einschränkungen freilich gerade bei Freud, die noch zu nennen sind. Die sexuelle emanzipierte Literatur spiegelt die Lockerung des Onanie-Tabus deutlich wider: Ist es bis in die Anfänge unseres Jahrhunderts schwierig, unverdeckte Onanie-Motive zu entdecken, so kommt die Gegenwartsliteratur, wie Norman Kiell ironisch festgestellt hat, kaum noch ohne einen masturbator in residence aus.

Bereits 1922 glossiert Joycens „Klöterich“ Dr. Buck Mulligan die vergangenen Traumata: Er weiß, wie man onanistisch „vorzeitig kahl“, „pervers idealistisch“ und ein „reuiger Wüstling mit Metallzähnen“ wird, was ihn natürlich nicht hindert, „jedem als seinem eigenen Weib“ einen „Honigmond in der Hand“: eine „nationale Immoralität in drei Orgasmen“ zu verheißen. Molly Bloom und Stephen Dedalus schließen sich hier an: „Streichle, streichle mich ... Weiche weiche weiche Hand.“ Angemessene Immoralitäten hat Joyce denn auch in einer der schönsten Szenen der gesamten Onanie-Literatur geboten: in der Nausikaa-Szene des „Ulysses“, wo Leopold Bloom mit Hilfe der großzügig exhibitionierenden Gerty MacDowell unter einem Sternen- und spermenübersäten Himmel ein überfließendes Vergnügen erfährt.

Heutzutage scheinen das Stigma onanistischer „Robinsonaden“ (Michel Tournier), die Angst vor dem selbsttätigen Fliegen (Erica Jong) ohnehin weitgehend überwunden zu sein. Sogar das Animalitätstabu, das die traditionellen antionanistischen Abwehrkämpfe gerne reguliert, wird revidiert. Heiner Müller etwa stellt der angeblichen Vertierung des Menschen seine selbstbefriedigende Tierwerdung als „Versöhnung mit seiner Animalität“ entgegen. Und für Michel Leiris – Ouvertüre der großen Onanie-Szene in „La règle du jeu“ wird der Hund, der sich an ihm befriedigt, gerade in dem Moment am menschlichsten, wo er sich am tierischsten gebärdet. Sub specie onaniae also die Menschwerdung des Tieres und die Tierwerdung des Menschen, Resurrektion der Natur.

Davon weiß freilich Musils „Mann ohne Eigenschaften“ noch nichts: Er läßt Ciarisse in der Psychiatrie einem Kranken begegnen, der angesichts ihrer Zuwendung sofort sein Glied mit der Hand bearbeitete, wie „Affen in der Gefangenschaft masturbieren. ‚Treib keine Schweinereien!‘ sagte rasch und streng der Arzt, und im gleichen Augenblick packten die Wärter den Mann (...).“ Auch im übrigen bleiben die Beispiele wirklich unverstörter, gar glücklicher Selbstbefriedigung erstaunlich rar. Selbst bei Joyce bleibt die unangenehme Kälte des „post onaniam omne animal triste“. Am Schluß der Nausikaa-Szene steht die prekäre Selbstfindung eines Ichs, dem der hohnvolle Ruf des parasitären Kuckucks den Namen gibt. Noch bei Aragon und Bataille, Lawrence und Forster endet die Onanie im obligatorischen Ekel. Allenfalls gerät sie wie in der bei uns wohl bekanntesten Szene: der „Onanie-Olympiade“ in Grass’ „Katz und Maus“, zu einem nüchternen Geschäft: einem Wettbewerb unter Sportsleuten, der im übrigen trotz der voyeuristischen Befriedigung Tulla Pokriefkes am Ende nur eine Siegerin kennt: die Jungfrau Maria. Und sonst? Durchaus die Symptome einer fortgesetzten Einsamkeits-, Minderwertigkeits-, Schuld- und Krankheitsgeschichte, die keineswegs wie bei Grass oder vorher in Brechts „Bekenntnissen eines Erstkommunikanten“ auf das Gebiet der ekklesiogenen Neurosen beschränkt ist.

Repräsentativ für einige Impulse der Frauenbewegung, gibt Erica Jong zwar so etwas wie eine sexuelle declaration of independence; selbstauferlegtes Hungermartern und hiobsmäßige Furunkulosen zeigen aber die Relikte altvertrauter Angst.

Auch Tilmann Mosers „Lehrjahre auf der Couch“ gewinnen den trostreich-trotzigen Akten der Onanie generell Bedeutung ab für die Entfaltung der Autonomie: Nach seiner prägnanten Formulierung sind sie „ein Versuch, sich am eigenen Schopf oder Schwanz aus dem Sumpf der Einsamkeit und der Gefühle der Wertlosigkeit zu ziehen“ – Onan als eine Art sexuell nobilitierter Baron von Münchhausen also. Der „narzißtische Rausch“ vor dem Spiegel, den Moser inszeniert, ist dementsprechend von beträchtlicher Grandiosität. Gerade deswegen aber provoziert er vehemente Ängste vor Kontaktverlust. Die Onanie behält „etwas Tragisches“, eine „beschämte Bitterkeit“, die nur gelindert wird, wenn ein väterlicher Analytiker dem Patienten einen „großen Bahnhof“ bereitet: Der verlorene Sohn freut sich, bei einem gnädigen Gottvater einlaufen zu können.

Ganz und gar gnadenlos indessen seziert Elfriede Jelinek in der Peep-Show ihrer „Klavierspielerin“ die voyeuristische Beobachtung eines Voyeurismus, der sich in äußerster Spannung zur totalen Öffentlichkeit der exhibitionierten Geschlechtsorgane in den Isolationszellen der Onanie entlädt. Und auch ohne solch bösen Blick auf die Männerwelt ist der bis vor kurzem exzessivste Masturbant der Gegenwartsliteratur, Philipp Roths Portnoy, so von Ekel und Einsamkeit geschlagen, daß von der Impotenz bis zur Kastration, von der Erblindung bis zum Krebs keine Hölle an ihm vorüberzugehen droht: Das schlechte Gewissen des exkommunizierten little big boy hat unter der Liebesdrohung seiner big momma keine andere Wahl.

Daß diese big momma untergründig die onanistischen Männerphantasien bestimmt, ist inzwischen Urmütterhausraut einer trivialisierten Psychoanalyse. Daß sie aber mehr noch die antionanistischen Abwehrkämpfe inspiriert, ist eine der durchaus weniger trivialen Pointen der Onanie-Literatur. Strindbergs Erzählung „Der Lohn der Tugend“ aus dem Zyklus „Heiraten“ gibt dafür ein drastisches Beispiel. Sie zeigt das beklagenswerte Schicksal eines Sohnes, der die Reinheitsgebote seiner geliebten Mutter so rigoros exekutiert, daß er schließlich, aussehend wie eine „Tendenzschrift über die menschlichen Laster“ und doch rein, daran stirbt. Der Ödipus-Komplex also nicht in der Onanie, sondern in der Onanie-Abwehr. Oder, prinzipieller: Die antionanistische Moral ist die Möglichkeit, auf reine Weise mit der Mutter zusammenzusein.

Ebenso symptomatisch Stefan Zweigs Novelle „Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau“. Freud, der in einem Brief vom 22. Dezember 1897 die Masturbation als „die einzige große Gewohnheit, die ‚Ursucht‘“ bezeichnet, „als deren Ersatz (...) erst die anderen Süchte nach Alkohol, Morphin, Tabak et cetera ins Leben treten“, hat diese Novelle als verdeckte onanistische Erlösungsdichtung interpretiert: Die „Mutter“, die mit ihrem „Sohn“ schläft, um ihn von der Spielsucht zu kurieren, soll ihn eigentlich von der Sucht aller Süchte befreien. Doch dagegen ist letzten Endes kein Kraut gewachsen; und so scheitert auch die inzestuöse Erlösung von der inzestuös bedingten Onanie.

Erlösungsbedürftig erscheint die Onanie freilich allemal. Selbst die psychoanalytische Aufklärung, der die Liberalisierung der Sexualmoral zu danken ist, zumal der zigarrensüchtige Freud, zollt der antionanistischen Tradition bei aller Differenzierung im einzelnen öfter seinen Tribut. In den Onanie-Debatten der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung steht er zumeist gegen den „Onanie-Advokaten“ Wilhelm Stekel auf der Seite der einschlägigen Staatsanwälte, wie er in seinen Fallgeschichten die Patienten gerne mit inquisitorisch-juristischem Vokabular der Onanie „überführt“. Und in seiner Argumentation spielen wieder einige Maximen eine gestrenge Rolle, die aus der Geschichte des Tissot-Rousseauschen Syndroms vertraut sind: Das ist die psychoanalytische Neuauflage der sexuellen „Dialektik der Aufklärung“.

Die „psychische Vorbildlichkeit“ der Onanie etwa – ein immerhin ambivalenter Terminus – gewöhnt das Individuum, Befriedigung ohne Veränderung der Außenwelt, also gleichsam durch „Kurzschluß“ zu erreichen. Mit anderen Worten, denen der erneuerten puritanischen bürgerlichen Ethik: Der Mensch, auch der homo eroticus, dem Freuds Jünger Hitschmann deswegen so etwas Schönes wie eine „heroische Sexualität“ zuschreibt, muß arbeiten. Der verweichlichte Onanist aber, der in der orthodoxen Psychoanalyse gerne unter Homosexualitätsverdacht gestellt wird, wie umgekehrt der Homosexuelle unter Onanieverdacht steht, schafft nicht und nichts, oder mit einer noch ungedruckten Variante der elften Feuerbach-These gesagt: Die Onanisten haben die Welt immer nur auf die gleiche Weise interpretiert; es kömmt aber darauf an, sie zu verändern.

Vor allem: Die Onanie favorisiert die verwöhnte Phantasie gegenüber der lustloseren Realität, macht so süchtig und schließlich impotent. Und sie fixiert mit den infantilen Sexualzielen auch den „psychischen Infantilismus“. Kurz: Sie stört das Sozialverhalten und das gegen die Wirklichkeit.

Tatsächlich kann man die süchtigen Bewohner der Onanie-Harems von Rousseau bis zu Roth wahre Sultane im Reich ihrer Phantasien nennen, „kraftstrotzende Türken“ in ihren „selbstgeschaffenen Serails“, mit deren Bild Humbert Humbert, allerdings vergeblich, dem „Bereich des Lächerlichen“ zu entrinnen versucht. In diesen Serails träumen sie ihre Trieb- und ihre narzißtischen Allmachtgelüste, ihren Willen zur Erledigung der Triebobjekte aus. Der Bedauernswerteste aber unter ihnen ist jener pubertierende Othello, der noch im Phantasie-Reich der Onanie Versagung erfährt: Wedekinds – seinerzeit von der Zensur gestrichenes – Hänschen Rilow aus „Frühlings Erwachen“. Ihm, der es gewohnt ist, sich nach den Vorlagen der hohen bildenden Kunst zu befriedigen, setzt noch die Venus von Palma Vecchio eine Keuschheit entgegen, die ihn in aussichtslose Ausschweifungen hineintreibt. Und so will es „die Sache“, wie es wiederholt lakonisch heißt, das ist die unter dem Lehrerzimmer-Bild Rousseaus drohende Rückenmarksdarre, daß diese Venus am traditionellen Ort ihrer Siege, im „heimlichen Gemach“, den Weg aller Ausscheidungen geht – bis sie eine neue ersetzt.

Die Kunst in der bilderfixierten und sultanesk-antisozialen Onanie also. Mehr noch: die Onanie auch als Kunst. Sieht man den eindrucksvollen Erfindungsreichtum an, den vor allem die neueren Autoren der Onanie-Literatur aufbieten, aber auch einige ältere wie Goethe oder Gautier, dann ist ihren Heroinen und Heroen eine verfeinerte Technik jedenfalls nicht abzusprechen. Die schlichte Begegnung zwischen Hand und Geschlecht, Manual und Genital wird hier weit in die Provinzen der Orthodoxie verwiesen. Lebern und Äpfel, Omelette und Milchflaschen, das Privatissimum der Schränke und die potenzierten Darstellungsmöglichkeiten der Spiegel bilden hier vielmehr das Instrumentarium der onanistischen Einbildungskraft. Goethe aber in seinem scharfen Vierzeiler „Besorgung“ mit der Phantasie eines weiblichen Autocunnilingus und Philip Roth mit der einer Autofellatio bieten zweifellos Gipfelleistungen der Selbstbefriedigung, als hohe Kunst betrachtet, hochsymbolisch dazu.

Der autoerotische Kreis schließt sich. Die Uroboros-Schlange, nach den Forschungen Erich Neumanns das mythische Bild zirkulär-selbstgenügsamer göttlicher Sexualität, läßt grüßen. Und auch der bisexuelle platonische Kugelmensch aus dem „Symposion“ kehrt in der Begegnung von Manual und Genital wieder, wenn sich in Peter Weiss’ „Abschied von den Eltern“ die geschwisterlich inspirierte „hermaphroditische Liebe, geschlossen in sich selbst“, umarmt.

Ja schließlich gibt es in der Onanie-Literatur – und damit bestätigen sich dann doch die ausschweifenden Vermutungen des Anfangs – die Kunst unerhörterweise auch als Onanie, den Ursprung der Kunst aus dem Geist der Onanie – einer Kunst freilich, die die Vorwürfe der regressiven Phantasiefixierung und der Antisozialität vollends zu bestätigen scheint.

George Steiner hat in einer anregenden psycholinguistischen Überlegung den intercourse mit dem discourse und die Onanie mit dem Monolog verglichen. Goethe hat hier freilich, wie üblich, schon die Wege gewiesen, wenn er im „Triumph der Empfindsamkeit“ die literarische Gattung des „Monodrams“ – eine „Seuche“, wie er sagt – als autoerotisch getöntes Spiel „mit sich selbst“ umschreibt und zu den solitären Puppenspielen des Prinzen Oronaro in Beziehung setzt: „Leider dem früheren Reiz dienet die schädliche Hand“, wie es in einem der nachgelassenen Epigramme heißt. Was aber Jean Genet in „Notre dame des fleurs“ – nach Sartre ein einziges Epos der Masturbation – und der hinter Genet nicht zurückstehende, obwohl bei uns leider noch unbekannte schottische Autor Alasdair Gray in „Janine“ bieten, ist in der Tat ein einziger monströser, auch perverser Mono-Roman. Beide Romane gehen aus einer fortgesetzten Onanie-Phantasie hervor: Die Onanie konstituiert geradezu den Roman – die fiktive Welt als Wille zur Vorstellung. Die Phantasieproduktion dauert damit allerdings auch nur so lange, wie die Erregung andauert: je intensiver, desto gefährdeter; Grays erregendste Figur heißt „Denknichtansie“. Der Text bricht dann ab, wenn der Orgasmus in graphischen Ejakulationen, die von Laurence Sternes Druckkunst inspiriert sind, ausbricht.

Nun sind die onanistischen Kunstproduktionen bei Gray und Genet gewiß aus der Not der Isolation geboren: der unsplendid Isolation eines Gefängnisses und eines Hotelzimmers. Die onanistischen Phantasien, ob nun inzestuös oder pervers und fetischistisch, bleiben auf eine homo- oder heterosexuelle Sozialität bezogen. Und natürlich: Es geht um künstlerische Fiktion, also auch um eine Entäußerung, Objektivierung und Mitteilung, die den bloßen Akt einer selbstbefriedigenden Phantasie transzendiert – und zwar gerade, indem sie ihn kommuniziert.

Gleichwohl lebt Genets und Grays Kunst eben aus exzessiv autoerotischen Impulsen. Ja die enorme Zuspitzung von Grays Roman liegt darin, daß die zweite Hälfte, die realistisch erzählte soziale Autobiographie des Erzählers, ein ganz und gar orthodoxes Stück Literatur ist, das hinter der onanistischen Virtuosität des ersten Teiles vollständig verblaßt.

Die noch in psychoanalytischen Onanie-Debatten so gerne diagnostizierte psychische Verarmung, die allenfalls in der kargen Onanie-Szene von Handkes „Kurzem Brief zum langen Abschied“ einen literarischen Beleg findet, wird man also Gray wie Saint Genet, genie et martyr, nur schwer vorwerfen können. Und auch ohne jetzt über etwaige Gleichungen zwischen Kunst und Selbstbefriedigung weiterspekulieren zu wollen, lautet die Konklusion: Zumindest in diesen Fällen müßte man auf die Kunst verzichten, wenn man auf die Onanie verzichten wollte. Und wer wird schon auf – die Kunst verzichten wollen...