Erlösungsbedürftig erscheint die Onanie freilich allemal. Selbst die psychoanalytische Aufklärung, der die Liberalisierung der Sexualmoral zu danken ist, zumal der zigarrensüchtige Freud, zollt der antionanistischen Tradition bei aller Differenzierung im einzelnen öfter seinen Tribut. In den Onanie-Debatten der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung steht er zumeist gegen den „Onanie-Advokaten“ Wilhelm Stekel auf der Seite der einschlägigen Staatsanwälte, wie er in seinen Fallgeschichten die Patienten gerne mit inquisitorisch-juristischem Vokabular der Onanie „überführt“. Und in seiner Argumentation spielen wieder einige Maximen eine gestrenge Rolle, die aus der Geschichte des Tissot-Rousseauschen Syndroms vertraut sind: Das ist die psychoanalytische Neuauflage der sexuellen „Dialektik der Aufklärung“.

Die „psychische Vorbildlichkeit“ der Onanie etwa – ein immerhin ambivalenter Terminus – gewöhnt das Individuum, Befriedigung ohne Veränderung der Außenwelt, also gleichsam durch „Kurzschluß“ zu erreichen. Mit anderen Worten, denen der erneuerten puritanischen bürgerlichen Ethik: Der Mensch, auch der homo eroticus, dem Freuds Jünger Hitschmann deswegen so etwas Schönes wie eine „heroische Sexualität“ zuschreibt, muß arbeiten. Der verweichlichte Onanist aber, der in der orthodoxen Psychoanalyse gerne unter Homosexualitätsverdacht gestellt wird, wie umgekehrt der Homosexuelle unter Onanieverdacht steht, schafft nicht und nichts, oder mit einer noch ungedruckten Variante der elften Feuerbach-These gesagt: Die Onanisten haben die Welt immer nur auf die gleiche Weise interpretiert; es kömmt aber darauf an, sie zu verändern.

Vor allem: Die Onanie favorisiert die verwöhnte Phantasie gegenüber der lustloseren Realität, macht so süchtig und schließlich impotent. Und sie fixiert mit den infantilen Sexualzielen auch den „psychischen Infantilismus“. Kurz: Sie stört das Sozialverhalten und das gegen die Wirklichkeit.

Tatsächlich kann man die süchtigen Bewohner der Onanie-Harems von Rousseau bis zu Roth wahre Sultane im Reich ihrer Phantasien nennen, „kraftstrotzende Türken“ in ihren „selbstgeschaffenen Serails“, mit deren Bild Humbert Humbert, allerdings vergeblich, dem „Bereich des Lächerlichen“ zu entrinnen versucht. In diesen Serails träumen sie ihre Trieb- und ihre narzißtischen Allmachtgelüste, ihren Willen zur Erledigung der Triebobjekte aus. Der Bedauernswerteste aber unter ihnen ist jener pubertierende Othello, der noch im Phantasie-Reich der Onanie Versagung erfährt: Wedekinds – seinerzeit von der Zensur gestrichenes – Hänschen Rilow aus „Frühlings Erwachen“. Ihm, der es gewohnt ist, sich nach den Vorlagen der hohen bildenden Kunst zu befriedigen, setzt noch die Venus von Palma Vecchio eine Keuschheit entgegen, die ihn in aussichtslose Ausschweifungen hineintreibt. Und so will es „die Sache“, wie es wiederholt lakonisch heißt, das ist die unter dem Lehrerzimmer-Bild Rousseaus drohende Rückenmarksdarre, daß diese Venus am traditionellen Ort ihrer Siege, im „heimlichen Gemach“, den Weg aller Ausscheidungen geht – bis sie eine neue ersetzt.

Die Kunst in der bilderfixierten und sultanesk-antisozialen Onanie also. Mehr noch: die Onanie auch als Kunst. Sieht man den eindrucksvollen Erfindungsreichtum an, den vor allem die neueren Autoren der Onanie-Literatur aufbieten, aber auch einige ältere wie Goethe oder Gautier, dann ist ihren Heroinen und Heroen eine verfeinerte Technik jedenfalls nicht abzusprechen. Die schlichte Begegnung zwischen Hand und Geschlecht, Manual und Genital wird hier weit in die Provinzen der Orthodoxie verwiesen. Lebern und Äpfel, Omelette und Milchflaschen, das Privatissimum der Schränke und die potenzierten Darstellungsmöglichkeiten der Spiegel bilden hier vielmehr das Instrumentarium der onanistischen Einbildungskraft. Goethe aber in seinem scharfen Vierzeiler „Besorgung“ mit der Phantasie eines weiblichen Autocunnilingus und Philip Roth mit der einer Autofellatio bieten zweifellos Gipfelleistungen der Selbstbefriedigung, als hohe Kunst betrachtet, hochsymbolisch dazu.

Der autoerotische Kreis schließt sich. Die Uroboros-Schlange, nach den Forschungen Erich Neumanns das mythische Bild zirkulär-selbstgenügsamer göttlicher Sexualität, läßt grüßen. Und auch der bisexuelle platonische Kugelmensch aus dem „Symposion“ kehrt in der Begegnung von Manual und Genital wieder, wenn sich in Peter Weiss’ „Abschied von den Eltern“ die geschwisterlich inspirierte „hermaphroditische Liebe, geschlossen in sich selbst“, umarmt.

Ja schließlich gibt es in der Onanie-Literatur – und damit bestätigen sich dann doch die ausschweifenden Vermutungen des Anfangs – die Kunst unerhörterweise auch als Onanie, den Ursprung der Kunst aus dem Geist der Onanie – einer Kunst freilich, die die Vorwürfe der regressiven Phantasiefixierung und der Antisozialität vollends zu bestätigen scheint.