Die Ottostraße in Frankfurt am Main beginnt an der Nordseite des Hauptbahnhofs, wo die Laderampe für Frachtgut ist. Im Haus Nr. 13 befindet sich ein Aufnahmeheim für Obdachlose. Ich drücke die Klingel. Eine Sozialarbeiterin kommt hinzu, fragt: "Wollen Sie ein Bett?" Später entschuldigt sie sich, mich für einen von der Straße gehalten zu haben: "Unsere Bewohner erkennt man nicht mehr an der Kleidung Früher galt "die Ottostraße" als Absteige für Penner. Doch die Wohnungsnot treibt Menschen ins Haus, die unter normalen Umständen keinen Fuß über die Schwelle setzten.

Wer das Haus betritt, wird vom Pfortendienst hinter einer schußsicheren Scheibe erwartet. Alle, die nach einem Bett fragen, bekommen eine knappe Absage. Nur einer weiß nicht Bescheid. Er hat zwei Möglichkeiten. Im Ostpark gibt es ein Zelt mit Feldbetten, oder er muß in "die Kiesstraße", ein Haus, das zwar auch voll ist, aber jeden aufnimmt. Die Wohnungslosen pennen dann auf Stühlen, Bänken, im Waschraum, selbst neben dem Klo. Es ist mittags um zwei, in der Stadt sind alle Plätze vergeben.

In der Ottostraße, im Vergleich zu anderen Asylen ein "Hotel Garni", teilen sich bis zu sechs Mann ein Zimmer. Die Ausstattung ist karg: Etagenbett, Tisch, Stuhl, Spind. Ohne Auflagen darf der Gast nur eine Nacht bleiben. Am nächsten Morgen muß er zum Sozialarbeiter. Der unterstützt ihn bei der Zimmersuche und zeigt ihm "Lösungswege und Lebensperspektiven" — so steht es jedenfalls in einer 1986 erschienenen Festschrift des Frankfurter Vereins für soziale Heimstätten, der das Haus betreibt.

Angesichts der Realität klingen solche Worte heute zynisch. Denn nichts geht mehr. Die einzige Perspektive ist das Warten auf einen Platz in einem der "Übergangs" Wohnheime, die auch voll sind. Früher konnten die Sozialarbeiter einem Wohnungslosen gelegentlich einen "Hotelschein" in die Hand drücken, doch Billighotels und pensionen sind ebenfalls überbelegt. Wohnungsvermittlung findet nicht mehr statt "Wann hast du die letzte Wohnung vermittelt?" fragt einer seinen Kollegen. Die Antwort: "Im letzten November " Die Ottostraße ist seit drei Jahren, selbst im Sommer, voll ausgebucht. Anderen Einrichtungen geht es ebenso. In der Not, nichts anbieten zu können, mietete das Amt für Wohnungswesen in Hannover sogar ein ehemaliges Bordell mit Plüschsofas und "Spiegelzimmer". Die Obdachlosenhilfe gleicht einem Auffangbecken, das ständig überläuft, denn die Zahl der Wohnungslosen steigt immer noch. Landauf, landab werden zunehmend Wohnungsverluste durch Zwangsräumungen registriert. Allein in Duisburg gab es 1990 über 2250 Räumungsklagen.

Arbeitslosigkeit und Krankheit führen zu Mietrückständen und Wohnungsverlust. Preisgünstige Wohnungen sind kaum noch zu haben, der soziale Wohnungsbau liegt darnieder. Die Aufnahme der Aussiedler und die Zuwanderung von Arbeitssuchenden aus der ehemaligen DDR haben die Lage verschärft. So werden auch immer mehr Familien obdachlos, denen die Kommunen beispringen müssen. Der Kommunalpolitiker Klaus Crummenerl im Juli vor dem Lüdenscheider Stadtrat: "Wir hatten seit Jahrzehnten nicht mehr eine solche Situation Vielen graust es davor, daß auch in diesem Jahr wieder Menschen auf der Straße erfrieren.

Bis heute gilt Obdachlosigkeit als Männerproblem. Das ist es längst nicht mehr. Immer häufiger suchen Frauen Hilfe bei Bahnhofsmissionen, Frauenhäusern oder anderen Anlauf stellen. Bei der Beratungsstelle für Wohnungslose in Ulm war 1990 bereits jeder siebte Ratsuchende eine Frau. Partnertrennung, Gewalt in der Ehe und sexueller Mißbrauch sind die häufigsten Ursachen, Alkohol- und Tablettensucht oft die Folge.

Nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Wohnungslosenhilfe in Bielefeld leben im Westteil der Republik rund eine Million Menschen ohne eigene Wohnung. Für die ehemalige DDR werden 300 000 Wohnungslose erwartet. Auf der Jahrestagung der BAG im Oktober lautet das Thema einer Podiumsdiskussion: "Armut und Wohnungslosigkeit vereinigen sich auch". Geschäftsführer Heinrich Holtmannspötter geht davon aus, daß inzwischen zwanzig bis dreißig Prozent der Plätze in den westdeutschen Asylen mit "Ossis" belegt sind. Sie sind auf der Suche nach Arbeit gestrandet und drohen in den meist primitiven Einrichtungen zu verelenden.