Ophelia lebt. Sie ist jetzt eine Frau um die fünfzig. Was man an ihr für Wahnsinn hielt, dieses Flirren und Flackern in den Augen, ist ein Zeichen hellen Verstands. Sie blinzelt in die Welt oder kneift die Augen zu und hat einen Sinn für das Absurde. In ihrem Gesicht spiegeln sich verzerrt die anderen Gesichter.

Eine Frau wie diese setzt sich in der Werkstatt des Berliner Schillertheaters auf einen Flügel und singt ein Lied, das man von Hans Moser kennt: "Ich muß im frühern Leben eine Reblaus gwesn sein". Sie beherrscht weder den österreichischen Tonfall noch einen süddeutschen Dialekt, und ihr feuerrotes Haar sieht aus wie die Löwenmähne einer Megäre. Ortrud Beginnen zeigt uns das Bildnis einer Trinkerin, die Diseuse als Hure und ein elendes Finale deutsch-österreichischer Gemütlichkeit. Wo Mosers Stimme beim Wienerlied in Tränen erstickt, schnürt dieser Frau die Reblaus die Kehle zu. Moser singt ein Stimmungslied für Weintrinker; die Stimmung der Trinkerin, die Ortrud Beginnen spielt, ist der Verfolgungswahn. Sie sieht Rebläuse, wie Ionesco Nashörner sah, und ist voll von diesem Gumpoldskirchner, dessen Namen sie kaum noch aussprechen kann. Eben lag Ortrud Beginnen noch niedergestreckt auf dem Flügel – da richtet sie sich plötzlich auf und läßt in einer starren Grimasse Moser als Todesengel erscheinen. Wer die Ohren spitzt, hört das stumme Weinen eines Grinzinger Clowns. Mit diesem unerhörten Kunststück endet "eine Überanstrengung von und mit Ortrud Beginnen": "Tausend Jahre deutscher Humor".

Das Thema, sagt sie, gewinne täglich an Aktualität. Selbst auf dem Weg zu ihrem Berliner Hotel habe ihr der Taxifahrer einen typischen neuen deutschen Witz erzählt: "Polen sind in der Stadt. Alle Mülltonnen leergefressen, alle Hunde schwanger." Sie hat ihr rotes Haar zur Hälfte in einem seitlichen Pferdeschwanz gebändigt, trägt silberne Schuhe, eine Hose aus Revue-Satin, ein Smokinghemd, eine Kordjacke und betritt vor einem schwarzen Hintergrund ein goldgelbes Podest. Aus dem Bühnenhimmel hängt eine rote Schärpe. Ortrud Beginnen wirkt als Conférencier so streng wie eine Gouvernante, so betulich wie ein altes Fräulein und droht uns mit erhobenem Zeigefinger: "Ich bring’ euch schon in Fahrt", singt und stampft dazu auf das Podest. "Nu wollma aber mal, wollma aber mal, heirasasa, lustig sein, fröhlich sein, heirasasa!" Der Mann am Flügel (Gerd Bellmann) kommt in Schwung und wird sofort zurechtgewiesen: "Na, nu bremsn Se sich mal, Herr Dr. Spengler!"

Wir befinden uns in einem akademischen Einführungskurs in den deutschen bunten Abend. Das Lernziel: "Am Ende sollte man wissen, wie man so eine fidele Sache aufzieht." Frau Professor Beginnen trinkt einen kräftigen Schluck deutschen Weißweins – "Wo der Humor ausbricht, sollte ein edler Tropfen nicht fehlen" – und schreitet zu einer ersten Demonstration. "Wenn der Engländer sagt: funny" – sie zieht ihren Mund maßlos in die Breite –, "das hat eine große Oberfläche." Dagegen der Deutsche! Sie kneift ein Auge zu, spricht mit spitzem Mund: "Das ist aber komisch!" Es käme dabei zugleich’ein gewisser Argwohn auf, obwohl der deutsche Humor nicht einfach Spaß, sondern ein Stück Arbeit sei.

Ist der deutsche Humor aber erst einmal ausgebrochen, wird er zur Pflicht, Motto "Und jetzt alle!" Ortrud Beginnen animiert noch einmal ihre Zuhörer: "Ich heiße Ortrud. Und wie heißen Sie?" Und schon entdeckt sie einen Spielverderber. "Sie schauen so streng. Das wollen wir doch nicht."

Ortrud Beginnen hat für ihren neuen Soloabend über den deutschen Volkshumor in alten Büchern nachgelesen. In "Heiteres, Besinnliches und Urkomisches für die ganze Familie" (erschienen um die Jahrhundertwende), "Zum Schmunzeln und Lachen im frohen Kreise" (erschienen im Dritten Reich, für gemütliche Lagerfeuer und ähnliche Anlässe). Sie entdeckte unsägliche Possen aus der Zeit des Hans Sachs, erfand selber eine komische Oper, Adolf Winkelmanns "Die drei Schrauben", ein Exempel über die klischeehafte Verspottung der unverheirateten Frau. Sie singt aus vollem Hals: "In der Wüste der Sahara geht der Nathan mit der Sara" und trägt Wirtinnen-Verse vor. Sie wirft sich mit einer kanariengelben Boa auf die Schöße der Zuhörer und trällert ein schmieriges Kabarett-Lied aus den späten Fünfzigern: "Pauline holt den Fummel raus und hält das Maul. Denn wenn sie’s aufmacht, merkt der Fachmann, es ist Paul." Schön langsam wird es einem flau im Magen. Tausend Jahre deutscher Humor liegen hinter uns. Es braucht tausend Jahre, um ihn zu beweinen.

Ortrud Beginnen wird noch einmal ganz fidel und spielt uns eine Nummer vor, "die man auch gut zu Hause machen kann". Alles, was man dazu braucht: "Mehl, Hefe, guten Willen und Spaß an der Sache." Sie zieht sich als Schürze einen weißen Krankenhauskittel an und klatscht eine Dampfnudel auf einen Teller, streut Sauerkraut drüber und begießt alles mit einer braunen Soße. Dann stopft sie sich Stück für Stück den Teig in den Mund und singt ein Lied: "Dampfnudel hamma gestern ghabt, Dampfnudel hamma heut. Je größer die Dampfnudel is, desto größer die Freud." Beim "pf" spuckt sie in hohem Bogen die Dampfnudel wieder aus. Sie stopft sich den Mund voll, bis von ihrem Lied kein Ton mehr zu hören ist, und besudelt den weißen Kittel mit brauner Soße. So demonstriert sie ihrem Auditorium die Entwicklungsstufe deutschen Humors: Schmierphase.